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15/2016 - Die große Verschwörung
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Ungelesen , 09:49
Die große Verschwörung

Sie versprechen „die ganze Wahrheit“, verbreiten aber krude Theorien oder gar Hetze.
Über die andere „Lügenpresse“ im Netz.


| Von Doris Helmberger

Schlichte Gemüter könnten die Story natürlich glauben. Sie könnten für bare Münze nehmen, dass sich knapp 400 Journalistinnen und Journalisten aus etwa 80 Ländern völlig ungesteuert und aus aufklärerischem Impetus ein paar Monate lang einkasernierten und durch jene 11,5 Millionen Dokumente wühlten, die ein systemkritischer Anonymus dem Rechtsdienstleister Mossack Fonseca entwendet und der Süddeutschen Zeitung zugespielt hatte. Doch Craig Murray wusste in der Sekunde, dass es anders war: In Wahrheit, behauptete der ehemalige britische Botschafter auf seinem Blog, wurden die Informationen der „Panama Papers“ natürlich durch die westlichen Massenmedien frisiert: Konnte es irgendjemanden überraschen, dass zu allererst Wladimir Putins Umfeld im Fokus stand, wenn die globale Recherche vom „International Consortium for Investigative Journalists“ (ICIJ) gemanagt wurde, das unter anderem von der „Ford Foundation“ oder der „Open Society Foundation“ eines George Soros finanziert wird?
Murrays Mutmaßungen stellten nur die erste Stufe jener Verschwörungstheorien dar, die seit 3. April durch das Internet geistern – und von der Plattform vice.com im (ironischen!) Beitrag „A Conspiracy Theorist’s Guide to the Panama Papers“ formvollendet zusammengefasst wurde. Hatte vielleicht die US-Regierung selbst die „Attacke“ gegen Putin lanciert, wie der russische Auslandsfernsehsender Russia Today vollkommen unbeeinflusst verlautbarte – oder anfangs auch die Enthüllungsplattform Wikileaks vermutete, bevor sie diese Geschichte trotz aller Kritik an den „Panama Leaks“ als „Nonsens“ bezeichnete? Steckt gar hinter jedem einzelnen Aufdecker der CIA, wie der Software-Erfinder John McAfee zu wissen glaubt? Ist George Soros nicht nur Frontman der sagenumwobenen „Illuminaten“, wie beforeitsnews.com irrlichtert, sondern auch Strippenzieher der Panama Leaks? Oder hat der Mossad die Finger im Spiel, wie veteranstoday.com ins Internet raunt?
So krude diese Verschwörungstheorien auch klingen: ihre Anhänger nehmen zu, wie immer in Krisenzeiten. Dass 400 Journalisten nicht so leicht zu steuern sind und in den veröffentlichten Papieren schon deswegen weniger US-Bürger zu finden sein könnten, weil es für sie gar keine Notwendigkeit gibt, nach Panama auszuweichen (vgl. Interview rechts und Seite 8), spielt für sie keine Rolle. Zu reizvoll ist die Möglichkeit, das Unerklärliche mit Hilfe altbekannter Feindbilder erklärbar zu machen und ins eigene Sinngebäude zu integrieren.
Auch mehr und mehr deutschsprachige Plattformen befriedigen dieses Bedürfnis: Sie inszenieren sich als Hort der Wahrheit abseits der „Lügenpresse“ – bieten aber selbst oft nicht viel mehr als Desinformation oder gar Verhetzung. Zentrale Figuren in diesem Universum sind etwa der deutsche Blogger Michael Mannheimer oder der ehemalige Kommunist Jürgen Elsässer, nun Chefredakteur des Monatsmagazins Compact, das rechtspopulistischen, antiamerikanischen und verschwörungstheoretischen Positionen ein Forum bietet. Breit beworben wird das Magazin auch auf der Plattform Anonymous.Kollektiv – einer Facebook-Seite, die mittlerweile mehr als 1,9 Millionen Likes verbuchen kann und deshalb als eine der gefährlichsten deutschsprachigen Seiten gilt. Ihre Inhalte finden sich auch auf info-direkt.eu, einem „Magazin für eine freie Welt“ mit Sitz in Linz: Die „Panama Papers“ versteht es als „Propaganda der CIA-Medien“, die Süddeutsche Zeitung als bloße „Lizenzpresse der Besatzungsmächte“.
Die Plattform unzensuriert.at, die bereits 2009 gelauncht wurde, kommt etwas vorsichtiger daher. Als Initiator der Webseite gilt der ehemalige Dritte Nationalratspräsident Martin Graf (FPÖ); offiziell betrieben wird sie vom Wiener Verein „1848 Medienvielfalt Verlags GmbH“, dessen Geschäftsführer, Walter Asperl, Grafs Büroleiter war. Das Motto lautet „Der Wahrheit verpflichtet“ – wobei die deutschsprachige Seite von Russia Today und die vom Kreml gesteuerte Nachrichtenagentur de.sputniknews.com bevorzugt der Wahrheitssuche dienen.
„USA und Milliardär Soros wollen mit ‚Panama Papers‘ primär Russland schaden“, lautete wenig überraschend die Schlagzeile zu den globalen Enthüllungen. Der Philanthrop Soros wird zugleich auch als „Initiator der ‚Flüchtlings‘-Völkerwanderung Richtung Europa“ identifiziert, die „in erster Linie ebenfalls den USA nützt“. Als „Beleg“ dafür verlinkte man zu einem eigenen Artikel vom Oktober 2015: In ihm wurde über die Behauptung des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán im staatlichen Rundfunkt berichtet, wonach Soros mitschuld an der Flüchtlingskrise sei, weil er helfende Aktivisten unterstütze. Wie brüchig hier auch die logische Kette sein mag: Das personifizierte Böse scheint gefunden.
Die widrigen Verhältnisse nicht strukturell zu begreifen, sondern zum Zwecke der Vereinfachung einzelnen Personen zuzuschreiben, ist für Andreas Peham vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes eine Konstante aller Verschwörungstheorien. „Bei der Zuschreibung der negativen Seiten von Globalisierung und Kapitalismus auf das böse Treiben Einzelner gehen auch noch viele Linke mit“, weiß Peham. Zugleich kann konspiratives Denken aber auch „eine Art Einstiegsmotiv in den Rechtsextremismus“ sein.
Als Blaupause für alle Verschwörungstheorien gelten dabei die „Protokolle der Weisen von Zion“, jenes auf Fälschungen beruhende antisemitische Pamphlet, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Unbekannten auf Basis fiktionaler Texte erstellt wurde. Zwar sei offener Antisemitismus – zumindest im Westen – heute weitgehend tabuisiert, erklärt der Rechtsextremismus- und Antisemitismusforscher, doch nun raune man eben über „Freimaurer“ oder „Bilderberger“. Die Codes würden verstanden. Für Peham ist deshalb „jede Verschwörungstheorie im Kern antisemitisch – auch wenn Juden und Jüdinnen gar nicht erwähnt werden.“ Dass im Internet keine „Protokolle der Weisen von Mekka“ kursieren, ist für ihn bezeichnend: „Die Muslime werden im Rassismus unten verortet, sie sind eine Bedrohung auf Grund ihrer Masse und Rückständigkeit. Aber die Weltverschwörung überlässt man doch den Juden.“
Konspirative Theorien sind also hartnäckig. Doch sind sie auch automatisch falsch? Das Problem, so Andreas Peham, liege darin, dass sie meist nach der „Cui bono?“-Logik funktionieren. Sie fragen, wem eine Sache nützt – und ziehen daraus überzogene oder falsche Schlüsse. Dass die USA ein Interesse daran haben, Russland zu schaden, bedeute etwa keineswegs automatisch, dass die Enthüllungen vom Weißen Haus fingiert worden wären.

Sind Verschwörungstheorien nur Humbug?

Ähnliches gilt auch für die von jeder Menge Mythen umrankten „Bilderberger“: Dass diese Gruppe hochrangiger Persönlichkeiten, die sich jährlich zu einer geheimen Konferenz trifft, zur globalen Machtelite gehört, ist offenkundig. Doch bildet sie deshalb eine „geheime Weltregierung“? Der Journalist Marcus Klöckner, einer der Autoren des Sammelbandes „Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens“ (siehe Buchtipp), plädiert für einen differenzierten Blick: Man könne etwa zu Recht kritisieren, dass hier „eine Art vorgelagerter politischer Formationsprozess der Reichen und Mächtigen“ ohne jede Transparenz stattfinde. Wissenschafter wie Journalisten seien deshalb gefordert, Verschwörungstheorien nicht vorschnell als Humbug abzutun, sondern vielmehr Licht ins Dunkel zu bringen.
Nichts anderes haben wohl auch jene knapp 400 Journalistinnen und Journalisten versucht, die sich durch die „Panama Papers“ wühlten. Dass sie sich nun dem Vorwurf gegenübersehen, Propaganda zu betreiben, ist eine bittere Pointe. Doch wer es sich in der Parallelwelt der Verschwörungstheorien eingerichtet hat, lässt sich durch keine Differenzierungen mehr beirren.
Einer, der trotzdem nicht aufgibt, ist André Wolf. Seit 2011 arbeitet er für mimikama.at, einem über Werbeeinnahmen und Spenden finanzierten Verein mit Sitz in Wien, dessen Philosophie „Zuerst denken, dann klicken“ lautet. „Wir predigen den Leuten, dass sie im Internet alles hinterfragen sollen“, erklärt Wolf. Gemeinsam mit einem zweiten hauptamtlichen und 19 ehrenamtlichen Mitarbeitern fungiert er nicht nur als Anlaufstelle bei Internetbetrug, er prüft auch Meldungen oder Bilder, die ihm User aus Deutschland oder Österreich weiterleiten.

„Ein Drittel der Leute ist unbelehrbar“

Insbesondere im Zuge der aufgeheizten Flüchtlingsdebatte konnte er so manche Falschmeldungen entlarven – und in Kooperation mit der Plattform hoaxmap.org samt Richtigstellung auf einer interaktiven Karte verewigen. Zum Beispiel jene Meldung vom September des Vorjahres, wonach Flüchtlinge eine Hofer- sowie Billa-Filiale in der Wiener Heiligenstädterstraße „überrannt“ hätten, was auf der Facebook-Seite von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache für helle Aufregung sorgte. Sowohl die Supermärkte als auch die Polizei dementierten – in den Köpfen krallte sich die Schlagzeile trotzdem fest: „Die ursprüngliche Meldung klingt meist spannender, weshalb wir nur einen Bruchteil der Leute erreichen“, weiß Wolf. „Außerdem ist ein Drittel völlig unbelehrbar, die wollen die Wahrheit gar nicht hören.“
Es sind jene, die sich oft schon wahnhaft einem kleinen Kreis Auserwählter zugehörig fühlen, während draußen die „Lügenpresse“ vorbeizieht. Umso wichtiger wäre es, gegenzusteuern, betont Andreas Peham vom DÖW: durch eine politische Bildungsoffensive auf allen Ebenen; durch die Bedingung, dass öffentliche Inserate nur an jene Medien vergeben werden, die nicht hetzen und sich an den Ehrenkodex des Presserates halten (wie dies etwa am kommenden Samstag auf Initiative der „Sektion 8“ auch beim Wiener SPÖ-Landesparteitag diskutiert werden soll); oder auch durch Verhandlungen mit „Google“, verschwörerische Seiten möglichst weit nach hinten zu reihen – wie man es auch mit islamistischen Plattformen plant. Den „Untergangstern des Abendlandes“, wie Peham die rechten Hetzer mit Verweis auf Karl Kraus nennt, dürfe man jedenfalls nicht das Feld überlassen. Denn ihre Motive seien klar: „Sie wollen Angst und Panik schüren. Denn wer Angst hat, ruft nicht nach mehr Freiheit und Demokratie, sondern nach einer starken Hand.“
Eine begründete Sorge? Oder nur der Anfang einer eigenen Verschwörungstheorie? Passionierte Konspiranten werden wohl nur mit den Achseln zucken – und mit jenemm berühmten Zitat antworten, das wechselweise Woody Allen oder Henry Kissinger zugeschrieben wird: „Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht hinter dir her sind.“

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  21:15:48 05.16.2005