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15/2016 - Wahrheit, Lüge oder schlichtweg „Bullshit“?
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Ungelesen 13.04.2016, 08:51
Wahrheit, Lüge oder schlichtweg „Bullshit“?

Der modische Totalskeptizismus, dass alle Medien lügen, trifft die gesellschaftliche Wirklichkeit keineswegs, meint der US-amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt. Das Phänomen, das alle und alles durchdringt, sei mit „Wahrheit“ oder „Lüge“ falsch identifiziert.


| Von Andreas Weiß


Keineswegs ist der häufig etwa bei Pegida-Aufmärschen skandierte Vorwurf der „Lügenpresse“ eine Neukreation in der aktuellen öffentlichen Diskussion: Wurde doch dieser Begriff etwa sowohl auf politischer rechter Seite (Joseph Goebbels) als auch von linken Gruppen in den 1960er-Jahren verwendet, um die gesamte öffentliche Berichterstattung in einem Atemzug zu diskreditieren und der Falschdarstellung zu bezichtigen. Doch zeigt sich die Wiederkehr dieses gezielt instrumentalisierten Vorwurfes in der aktuellen politischen Landschaft auch vor dem Hintergrund einer veränderten gesellschaftlichen und medialen Welt.
Nachrichten, Informationen oder einfach nur Meinungen, die sich im Kleide vorurteilsfreier Darstellung präsentieren, sind allgegenwärtig und die Medien für deren Verbreitung so vielschichtig, offen zugänglich und auch manipulierbar wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Doch wie ist mit dieser Vielzahl an (Schein-)Informationen umzugehen? Sind schlichtweg alle Lügner? Wäre es sogar ratsam, in einen schulterzuckenden, allgemeinen Skeptizismus zu verfallen, der jeder öffentlichen Meldung gleichsam sine lege den Stempel der Unüberprüfbarkeit aufdrückt?
Der US-amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt, betont, dass die Wurzel dieses Problems in einem Phänomen der Gegenwart zu suchen ist, das er unter dem Begriff des „Bullshit“ in seinem 2005 erschienenen, gleichnamigen Essay dargestellt hat: Hier analysiert Frankfurt diese Erscheinung und stellt sie als zentrale Gefahrenquelle moderner Gesellschaften dar, die durch die neuen Medien um ein Vielfaches potenziert wurde. Bullshit und dessen übermäßige Produktion gehören, so Frankfurt, „zu den auffälligsten Merkmalen unserer Gesellschaft“.

Mit Wahrheit nichts zu tun

Bullshit, geht es nach Frankfurt, ist eine Aussage, die mit Wahrheit und Wahrheitsfindung so gut wie gar nichts zu tun hat. So betont er auch explizit den Unterschied zu einer klassischen Lüge. Denn um zu lügen, muss die Person, die die Wahrheit falsch darstellen möchte, sich zumindest darum kümmern, was denn nun wahr ist und somit gefälscht werden muss. Der Lügner hat in diesem Sinne mehr mit Wahrheit zu tun als ein Bullshitter. Dieser nämlich kümmert sich bei seiner Aussage und deren Inhalt nicht einmal um die Wahrheit oder Falschheit dessen, was er behauptet, sondern es geht ihm grundsätzlich nur um die möglichst positive Darstellung seiner selbst. Man könnte mit Frankfurt behaupten, dass der- bzw. diejenige das Interesse um der eigenen Wichtigtuerei willen heuchelt.
Damit erscheint Bullshit im Gewand einer mitunter komplexen Aussage zu einem bestimmten Thema, wobei sich der Sprecher jedoch nicht für dieses interessiert, sondern die Aussage nur macht, um sich selbst in einem guten Licht erscheinen zu lassen. „Der Bullshitter verbirgt, dass der Wahrheitswert seiner Behauptung für ihn keine Rolle spielt.“
Man ist durchaus geneigt, auf Beispiele in der gegenwärtigen Öffentlichkeit zu verweisen: Etwa könnte man auf Anhieb eine Vielzahl von politischen Protagonisten eines wohl gepflegten Bullshits finden und problemlos eine größere Anzahl von Aussagen aufzählen können, die unter das Phänomen fallen. Dabei würde man jedoch der Intention Frankfurts Unrecht tun, da dieser explizit betont: „Jeder kennt Bullshit. Jeder trägt sein Scherflein dazu bei.“ Damit sind wir für Frankfurt schlichtweg alle „Bullshitter“ (und Bullshitterinnen, um der Sache gerecht zu werden) und mehr als nur peripher in diese Problematik involviert. Für Frankfurt ist das Problem demnach tieferreichend und in jedem Einzelnen zu finden.
Die moderne Gesellschaft ist geradezu in all ihren Bereichen auf „Bullshit“ ausgerichtet und nicht nur eine bestimmte Gruppe ist davon betroffen: In der heutigen Zeit werden die Menschen nahezu genötigt, über jedes Thema oder Problem eine Meinung bereitzustellen. Deshalb sei Bullshit „immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen“. Um dieser Erwartung gerecht zu werden, haben sich die Mitglieder der „New-Media“-Gesellschaften eine tiefe Kompetenz im Produzieren von Bullshit angeeignet.

Alle werden zur Meinung genötigt

Frankfurt betont in diesem Zusammenhang nicht zuletzt auch die Überzeugung, „in einer Demokratie sei der Bürger verpflichtet, Meinungen zu allen erdenklichen Themen zu entwickeln“. Deshalb stellt Bullshit ein solches Problem dar: Man wird nicht nur gleichsam jederzeit genötigt eine Meinung zu haben, sondern man hat auch angesichts der neuen Medien eine schier unendliche Anzahl an Möglichkeiten, die eigene Meinung im rechten Licht darzustellen – nicht, dass jegliche Aussage in einem solchen Medium oder Netzwerk gleich Bullshit wäre, doch ist dessen Vorkommen und unkritische Rezeption um ein Vielfaches höher – Bullshit wird als Information und in weiterer Folge als scheinbar sachliches Argument verwendet, da man sich oftmals nicht der Existenz und der Möglichkeit von Bullshit bewusst ist.
Damit ist nicht nur die Produktion von Bullshit auf einem höheren Stand, sondern auch dessen Aneignung, wo ihm unkritisch eine Wahrheitsfähigkeit unterstellt wird, in der heutigen Zeit weiter verbreitet denn je, was an ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach erinnert: „Die öffentliche Meinung ist die Dirne unter den Meinungen.“ Kam Bullshit früher meist im geschützten Rahmen der Stammtischkultur vor, so ist der Übergang von purer Meinung und medialer Öffentlichkeit heute fließend: Eine Meinung wird produziert, medial inszeniert und sogleich in die öffentliche Diskussion eingefügt.
Tatsächlich stellen die neuen Medien nicht nur ein Instrument dafür bereit, sondern stecken gleichsam einen sozialen Rahmen ab, in dessen Gruppen, Seiten oder Blogs die Menschen ihre Meinungen, sei es nun Bullshit oder nicht, präsentieren und sich in einer Pluralität von Menschen mit ähnlichen Meinungen geborgen fühlen, um diese in weiterer Folge der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Shitstorms und Massen-Hasspostings können demnach auch als das Resultat einer übermäßigen Produktion von Scheinmeinungen, zu denen Bullshit zählt, gerechnet werden.

Bullshitter: schwer zu überführen

So verfehlt der Vorwurf der „Lügenpresse“ das eigentliche gesellschaftliche Problem, das Frankfurt mit „Bullshit“ umrissen hat: Man ist zu einer kritischen Haltung gegenüber der Vielzahl an Meinungen genötigt, wobei der Generalverdacht der „Lügenpresse“ nur das skeptizistische Totschlagargument darstellt, das Gegenüber in einem Federstrich der bewussten Fälschung zu bezichtigen, ohne sich der jedoch viel problematischeren Existenz und Menge an Bullshit überhaupt bewusst zu sein. Es ist, so Frankfurt, nämlich um ein Vielfaches einfacher, Lügner, die die Realität fälschlich darstellen, als solche zu entlarven, als Bullshitter zu überführen.
Man findet sich in einer paradoxen Zwickmühle wieder, die auch nicht einfach zu lösen ist: Einerseits die blauäugige Mediengläubigkeit, die jede Aussage, Zahl und Statistik für bare Münze nimmt, andererseits ein generalisierender Skeptizismus, der alle öffentlichen Meldungen als Lügen abstempelt und dazwischen eine schier undurchschaubare Menge an Bullshit. Der „Lügenpresse“-Vorwurf kann somit nur als das politisch instrumentalisierte Epiphänomen des gesellschaftlich zugrundeliegenden Nährbodens an Bullshit gelten, zu dem jeder und jede Einzelne sein Scherflein täglich bewusst und unbewusst beiträgt. Diese Aussicht mag nicht gefallen, doch ist es die Realität, die uns täglich begegnet und mit der wir leben lernen müssen.

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