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15/2016 - Die franziskanische Wende (Otto Friedrich)
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Ungelesen 13.04.2016, 09:07
Die franziskanische Wende
Franziskus’ Schreiben „Amoris laetitia“ stellt einen Meilenstein dieses Pontifikats dar. Die Visionen des Papstes sind in seiner Kirche aber längst nicht überall angekommen.

| Von Otto Friedrich

Als konzilsbewegter Katholik atmet man auf: Wie Papst Franziskus sich anschickt, das vertrackteste Thema in seiner Kirche zu lösen, ist wirklich revolutionär. Denn bei allem, was im weitesten Sinn mit den Schlafzimmern ihrer Schäfchen zu tun hat, setzte die katholische Kirchenleitung auch nach dem II. Vatikanum vor allem auf eine Verbotsmoral. Ein gordischer Knoten, den Franziskus mit seinem, die Familiensynode abschließenden Schreiben „Amoris laetitia“ auf seine Weise durchschlagen hat.
Es ist zweifellos genial, wie es diesem Papst gelingt, seine Positionen klar zu machen, ohne das traditionelle Lehrgebäude formal anzutasten. Dass, wenn sich Franziskus durchsetzt, ebendieses Lehrgebäude sich alles andere als festgemauert erweisen wird, ist klar. Denn die franziskanische Wende – man kann die Dramatik der Entwicklung durchaus mit so bedeutungsschwangeren Worten charakterisieren – reiht den konkreten Menschen vor ein absolutes Gesetz: Am Ideal wird nicht gerührt; aber allen, die sich mühen und es nicht erreichen, wird nicht mehr das Verdikt „Todsünde“ um die Ohren geschmissen oder die Rute „Keine Sakramente mehr!“ ins Schlafzimmerfenster gestellt.

Perspektiven und Lösungsmöglichkeiten eröffnet

Man darf also hoffen, dass in die Causen Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene bis zur Methodenwahl bei der Empfängnisverhütung, in weiterer Folge auch in die Bewertung gleichgeschlechtlicher Beziehungen jene Entspanntheit einkehrt, die Perspektiven und Lösungsmöglichkeiten eröffnet.
Der Zugang des Papstes kann taxfrei „jesuanisch“ genannt werden, denn genau so wird es in den Evangelien beschrieben. Und die Karikatur der Schriftgelehrten, die gleichfalls das Neue Testament durchzieht, ist bis heute zu finden – etwa im konservativen Geifer, der dem Papst sofort entgegentriefte, als „Amoris laetitia“ – ja, das Dokument trägt die „Freude der Liebe“ schon im Titel! – gerade veröffentlicht war. Von „ein katastrophales Dokument“ bis zur Einschätzung, der Papst sei nicht mehr katholisch, reichen die diesbezüglichen Reaktionen, und der notorische Kurienkardinal Raymond Burke qualifizierte „Amoris laetitia“ gleich als Privatmeinung des Papstes, an die man sich eh nicht zu halten habe. Man wundert sich da einmal mehr, wie wenig die Worte des Jesus aus Nazaret gegen die Paragrafenreiter seiner Zeit bei deren heutigen Nachfahren verfangen.

Woher sollen Seelsorger im Sinn von „Amoris laetitia“ kommen?

Die franziskanische Wende ist also angebahnt, aber längst nicht kirchenweit angekommen. Dazu drei Beobachtungen:
Erstens stellen die neue Moral und Pastoral eine Revolution von oben dar. Der Papst versuchte auf der Synode, die Bischöfe mehrheitlich auf seine Seite zu ziehen; das ist nicht gelungen. Druck von der Basis gab es auch kaum, denn die hat sich, wie die Umfragen im Vorfeld der Synode ergaben, jedenfalls in weiten Teilen Europas einfach nicht mehr um römische Moralvorgaben gekümmert. Wirkliches Engagement zur Veränderung dieser Vorgaben gab es nicht.
Zweitens legt „Amoris laetitia“ die Veränderungslast auf die Schultern der Bischöfe. Wie sollen sich jene aber dazu bereit finden, wenn bis 2013 nur der Bischof werden konnte, der 200-prozentig hinter der vatikanischen Verbotsmoral stand?
Drittens kommt es, schreibt Franziskus, wesentlich aufs seelsorgliche Fingerspitzengefühl der Priester an. Doch dort liegt eine der Großbaustellen der katholischen Kirche. Denn das II. Vatikanum drückte sich um eine Neupositionierung des Weihepriestertums. Die leeren Seminare und der Priestermangel etwa in Europa sind Folgen davon. Nur die (erz)konservativen Priesterbildungsstätten boomen. Aber von dort ist mit Gewissheit keine Seelsorge zu erwarten, wie sie „Amoris laetitia“ fordert.
Als guter Christ hofft man da natürlich auf das Wirken des Geistes. Aber man darf auch darauf hinweisen, dass es diesem nach wie vor sehr schwer gemacht wird.

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