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16/2016 - Mehr als nur ein Hofburgfräulein
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Ungelesen , 09:59
Mehr als nur ein Hofburgfräulein

Die einzige Kandidatin anno 2016, Irmgard Griss, hat reale Chancen im Rennen um die Hofburg. Mit welchen Hürden ihre Vorgängerinnen Benita Ferrero-Waldner und Heide Schmidt konfrontiert waren und was sie von Griss’ Kandidatur halten, verrieten sie der FURCHE.

| Von Juliane Fischer


Tsai Ing-Wen ist seit Jahresbeginn erste weibliche Präsidentin Taiwans. Sie scheint auf der Forbes-Liste der „mächtigsten Frauen in der Politik“ auf. Neben ihr natürlich Angela Merkel, die – 2005 angetreten – in der Europäischen Union die am längsten amtierende Staatschefin ist. Oder Aung San Suu Kyi, deren Partei vergangenen November bei den ersten freien Wahlen seit 25 Jahren eine historische Mehrheit im Parlament von Myanmar erreichte. Oder auch Ellen Johnson Sirleaf, Präsidentin von Liberia und erstes weibliches Staatsoberhaupt auf dem afrikanischen Kontinent.
So unterschiedliche Länder wie Nepal, Kroatien, Mauritius eint, dass eine Frau an der Staatspitze steht. Dabei kam die erste Frau weltweit, die sich einer Volkswahl für das höchste Amt stellte, aus Österreich. Und das war immerhin schon 1951, als der Wiener Kurier schrieb, „es könnte also auch eine Frau Bundespräsident werden”. 38 Tage später trat Ludovica Hainisch-Marchet mit den damals 2000 erforderlichen Unterstützungserklärungen offiziell als parteilose Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten an. Dass man es doch einmal mit einer Frau probieren sollte, schlug das Tagblatt am Montag vor, „weil Frauen im allgemeinen den Krieg tiefer hassen als die Vertreter des starken Geschlechts, die fürs Schießen eher eine Schwäche haben”. Die Presse reagierte durchaus positiv, wenn auch zu erkennen war, dass man ihr, so wie sie sich selbst auch, wenig Chancen einräumte. Jedenfalls wurde ihre Kandidatur für wichtig erachtet, als erster Schritt in Richtung einer neuen Ära der Politik, in Richtung einer Frau als Staatsoberhaupt. Nun denn, wo stehen wir jetzt?

Farbe schlägt Frausein


Wie sehr es am Faktor Frau oder am Attribut parteifrei lag, dass Hainisch-Marchet nur auf 2132 Stimmen – das entspricht weniger als 0,05 Prozent – kam, lässt sich nicht sagen. Heutzutage hilft die unabhängige Positionierung der einzigen Frau am Stimmzettel, meint die Politikwissenschaftlerin Kathrin Stainer-Hämmerle über Irmgard Griss. Sie hat zumindest die große Verdrossenheit gegenüber etablierten Parteien auf ihrer Seite. „Den Parteien war es kein besonderes Anliegen, eine Frau zur Kandidatur zu unterstützen. Dieses Desinteresse ist symbolhaft“, schätzt Sonja Ablinger, ehemalige SPÖ-Abgeordnete und Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings. Laut SPÖ-interner Regelung sollte sie eigentlich auf das Mandat, das die verstorbene Nationalratspräsidentin Barbara Prammer innehatte, nachrücken. Trotz Frauenquote ging es aber an einen Gewerkschafter aus Oberösterreich, jenem Bundesland, das mittlerweile ungeniert eine reine Männerregierung aufgestellt hat.
Mit Barbara Prammer wollte die SPÖ auch in die Bundespräsidentschaftswahl gehen, allerdings vor allem aufgrund ihrer Funktion als Nationalratspräsidentin. Dabei hätte sich die SPÖ durchaus nach Frauen umsehen können. Abgesehen von Ministerposten hatte Brigitte Ederer einst die bisher höchste Position einer SPÖ-Frau inne: als Bundesgeschäftsführerin. Nicht zu vergessen ihre Rolle beim EU-Beitritt. „Die SPÖ hat das größere Frauenproblem”, beurteilt Stainer-Hämmerle. Die Situation sei schizophren: „Zwar treten die Sozialdemokraten programmatisch stark für die Gleichstellung ein, die Realität sieht aber anders aus.” Um jene Wählerschaft, die zur FPÖ abgewandert ist, zurückzuholen, brauche es keine Frauen, meint sie. „Diese ehemaligen Kernwähler sagen: ,Lieber Strache, als so eine linke Emanze!‘”

Weil sie eine Frau ist?


“I’m not running as a woman”, sagte eine andere Frau im Wahlkampf für die höchste Position im Land, nämlich Hillary Clinton. Schon 2007, wohlgemerkt. Mittlerweile zeigt der exakt bemessene strategische US-Wahlkampf: Clinton hat eingesehen, dass sie sich auf junge Wählerinnen konzentrieren muss. „Für Frauen, die sich gegenseitig nicht helfen, gibt es einen eigenen Ort in der Hölle”, wollte die frühere US-Außenministerin Madeleine Albright ihrer demokratischen Kollegin mit einem Augenzwinkern zu Hilfe kommen. Viel mehr helfe ihr sowieso Donald Trump mit seiner Frauenfeindlichkeit, ist Stainer-Hämmerle überzeugt.„Frausein allein ist kein Programm“ – bei diesem simplen Satz herrscht mittlerweile breiter Konsens. Solidarität unter Frauen ist nicht gleichbedeutend mit einem Kreuzerl auf dem Stimmzettel. Das Frausein als Unterscheidungsmerkmal hervorzukehren, scheint antiquiert, dabei hat es noch 2004 Benita Ferrero-Waldner so probiert. Doch ihr Argument, man müsse ihr als erster Frau mit echten Chancen die Stimme geben, zog nicht.
Obwohl nach ihr jetzt wieder eine Frau mit realen Siegeschancen aufgestellt ist, folgt Ferrero-Waldner nun nicht mehr dieser Argumentation: Griss fehle die politische, insbesondere die außenpolitische Erfahrung. „Vor allem für die österreichische Wirtschaft, aber auch für das Knüpfen von politischen Kontakten ist dies eine ganz wesentliche Voraussetzung“. Sie habe sich deswegen von Anfang an für eine Unterstützung der Kandidatur von Andreas Khol ausgesprochen. Nach ihrer knappen Niederlage gab sich Ferrero-Waldner damals trotzig: „Natürlich haben die Emanzen geschadet, bewusst vor allem die linken Emanzen.“ Viel entscheidender sei die Wahlempfehlung von Jörg Haider gewesen, vermutet Stainer-Hämmerle: “Viele haben gesagt, sie hätten gerne eine Frau gewählt, aber keine, die der Haider empfohlen hat.”
Das wurde auch Heide Schmidt zum Verhängnis. „Ich wollte der FPÖ zeigen: Es geht auch anders”, sagt sie DER FURCHE. „Ich dachte, um Erfolg zu haben, braucht es nicht den Politstil der Freiheitlichen, der mir zunehmend unangenehm war.” Sie versuchte deshalb bei der Bundespräsidentschaftswahl 1992 einen Personenwahlkampf zu führen. „Als Haider das merkte, hat er die Plakate stoppen lassen.” Auf denen stand kein Name und kein Parteilogo, nur der Slogan: „Die Zeit spricht für die erste Frau im Staat.“ Warum auch Ferrero-Waldner zwölf Jahre später nicht erfolgreich war? „Das liegt wohl an ihrem konservativen Frauenbild“, glaubt Schmidt. Hier würde sie sich auch bei Griss mehr feministisches Bewusstsein wünschen. Ansonsten fehlt auch ihr bei Griss die politische Erfahrung für das Amt.
Die Wertvorstellungen sind der ausschlaggebende Faktor, meint auch Politologin Stainer-Hämmerle. „Bei dieser Wahl wird Van der Bellen am Besten vermitteln, dass er sich für Gleichberechtigung einsetzt.” In einem Interview mit der Zeitschrift Woman ergänzte Van der Bellen den Satz „Wäre ich als Frau in die Politik gegangen...“ mit „...hätte ich es noch schwerer gehabt als als Mann.“ In der Ö1-Sendung Klartext meinte er, von allen befragten Präsidentschaftskandidaten am stärksten Feminist zu sein. Irmgard Griss wiederum meint, niemand würde an ihrer Erfahrung zweifeln, wäre sie als Mann in die Politik gegangen. Gefragt, ob sie Feministin sei, antwortete sie: „Ich setze mich ein für die Position der Frauen, das ist mir ganz selbstverständlich.“ Sie hält allerdings nichts von der Zuschreibung „Feministin“.
Bis Heide Schmidt zu einer solchen wurde, hat es auch gedauert: „Weil ich mit einer starken, selbstbewussten Mutter aufgewachsen bin und daher die Ungleichheit nicht gespürt habe”, sagt sie heute. Und in der FPÖ? Da sei sie als Frau in einer privilegierten Stellung gewesen, weil sie durch ihre berufliche Bekanntheit gleich oben eingestiegen ist – sie wurde erste Generalsekretärin einer politischen Partei in Österreich. Für das Liberale Forum war Schmidt die erste weibliche Parteivorsitzende und kandidierte ein zweites Mal bei den Präsidentschaftswahlen 1998. Sie kam auf 11,2 Prozent, eine andere Frau lag noch vor ihr: Gertraud Knoll, evangelische Superintendentin, erreichte mit 13,6 Prozent den zweiten Platz hinter ÖVP-Kandidaten Thomas Klestil.

Oben wird die Luft für Frauen dünner

Doch viele, die den politischen Weg selbst gegangen sind, bestätigen Barrieren für Frauen. Das zieht sich durch alle Ebenen – ob Bund, Land oder Gemeinde – und durch alle Kammern und Gewerkschaften. „Parteien würden Frauen erst gleichermaßen fördern, wenn sie merken, dass das auch Wähler bringt“, meint Stainer-Hämmerle. Und der starke Zulauf zur FPÖ senke die Tendenz zum hohen Frauenanteil.
“Es kommt nur auf dich an und deine Leistung“, hat Heide Schmidt von ihrer Mutter gelernt, aber schnell merkte sie auch, dass man die Augen nicht vor der gesellschaftlichen Realität verschließen dürfe. Nach wie vor sei unsere Gesellschaft diskriminierend strukturiert, gerade bei hohen Funktionen werde die Luft für Frauen entsprechend dünner. Die wenigen Frauen an der Spitze müssten die nötige Sensibilität dafür wecken, sind sich Ablinger und Schmidt einig, denn „erst wenn Frauen auch in Spitzenfunktionen sind, wird die Normalität abgebildet.“ Einer der wenigen Spitzenpolitiker, der den hehren Worten bereits Taten folgen ließ, ist der kanadische Premierminister Justin Trudeau. Der selbstbezeichnete Feminist begründete die Entscheidung, sein Kabinett mit gleich vielen Frauen wie Männern zu besetzen, ganz schlicht: „Weil wir im Jahr 2015 leben.“ Andernorts hat sich
also seit 1951 schon mehr getan.



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  13:02:14 05.13.2005