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17/2016 - Im Gehen auch noch zu denken?
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Ungelesen 27.04.2016, 08:03
Im Gehen auch noch zu denken?

Unterwegs sein bedeutet für Julian Schutting zumeist: zu Fuß unterwegs sein. Viele seiner Texte sind Meditationen über das Gehen abseits ausgetretener Pfade. Für die FURCHE hat der Schriftsteller exklusiv eine „literarische Ausschreitung“ verfasst.


| Von Julian Schutting

in die Stadt unterwegs, trifft dein Blick auf den einer Fensterscheibe eingeschriebenen Imperativ: Keine Angst vor Flüchtlingen! und das fortsetzend, wirst du schneller: hab keine Angst vor (dich) Fliehenden / vor Entfliehenden / vor Ausflüchten, vor Gedankenflucht / vor deiner Fluchenden / vor dir Entflüchteten / vor uns überflutender Flüchtlingsflut / vor allzu Flüchtigem / vor bald Verflüchtigtem /vor der Landflucht der Meeresflut / Hab keine Angst vor jedweder Flucht – Fluchtpunkt!
Manchmal auch so unterwegs: Ein Wegkreuz? vielleicht einmal eines gewesen. ein kantiger Pfahl, dessen wie am Kreuz scheinbar zu brüderlicher Umarmung ausgebreitete Arme, also Querbalken, mit der Anempfehlung gegensätzlicher Himmelsrichtungen uns zu Zauderern machen wollen, obwohl doch auch alle Wienerwaldwege nach Rom führen als die wahren Wegweiser. nach links in den Wald oder nach rechts in sonniges Gelände? seh schon, Begriff „Scheideweg“ wird dich länger, als dir lieb ist, zum Zeitvertreib begleiten: ist schwerlich der Wasserscheide vergleichbar, an der sich entscheidet, ob spätere Flüsse, dort erst ihren Quellen entsprungen, nördlichen oder südlichen Meeren zuzustreben haben, oder so irgendwie. und genauso wäre nachzulesen, inwiefern Scheidewasser etwas recht anderes. einstmals Salpetersäure so benannt, weil in der nur Gold die Wahrheitsprobe besteht, wie von Minderwertigem etwa von ihm beigegebenem Silber geschieden? und auf wessen Geheiß hat wer sein Schwert in welche Scheide zu stecken? Winter adé – scheiden tut weh! Getrennt von Tisch und Bett, bis Hand in Hand vor den Scheidungsrichter getreten wird. Scheidetrichter gibts auch. und Siegfried legt zwischen sich und Brünhilde sein scharfes Schwert! da nach links jetzt? wird schon stimmen – und ists nicht bald dieser öden Wortschatzübungen genug? gleich! was auf Wunsch beider Teile vom weltlichen Richter geschieden worden ist, braucht kein Herrgott mehr zu trennen.

Sich-vergangen-Haben

auf die Frage: „Wohin führt dieser Weg?“ etwa gar: „Wohin Sie wollen!“ zur Antwort zu bekommen? na, da kehr ich lieber um – wer möchte denn draufkommen, wohin er sich, beispielsweise aus hohen Spielschulden, davonmachen möchte, beispielsweise aus dem Leben oder in ein baldiges Sich-vergangen-Haben, in einem von zweierlei Sinn! Schluß jetzt und da nun hinunter! eins noch: ausscheiden! aus einem Amt, einem Wettkampf; und was wir täglich ausscheiden, „absondern“ fein umschrieben. und noch schnell gehört zwischen wenig Verschiedenartigem unterschieden. „verschieden“: … ist am … hinge- oder verschieden, zählt nun zu den Verschiedenen wie seine Brüder, sie drei recht verschieden gewesen. der Totenschein ein amtlicher Bescheid. ich geb dir bezüglich Scheidung bald Bescheid. bescheide dich mit …! sich abscheiden? nur das Resultat: abgeschieden, im Abgeschiedenen, in Abgeschiedenheit leben, in der Sprache vorhanden. und mit all dem sei Schluß, mithilfe der kindischen Häufung: Aufs entschiedenste sei entscheidenden Entscheidungen ausgewichen!
die Wegwendung da ein Anlaß, Wortwendungen zu drehen und zu wenden? der Bach dort drüben kann nichts für sich behalten, plaudert alles aus; und behält auch nicht unverdauliche Kunststoffetzen – speit sie aus, wo sein Weg sich ins Flottere wendet, muß dann nicht in Windungen bis zum Talschluß die Befreiung von Koliken oder gar von einem Darmverschluß finden. ein altes Wegkreuz, an einer Straßenkreuzung stehengeblieben, wenn auch anders als ein Straßenkreuzer? reichlich blöd. die Bodenwellen da wollen dich, ohne dich dorthin zu versetzen, in ein Mitschwingen mit dem da drüben sanft auf- und abwärts gleitenden Hügelgelände versetzen, aber nun soll doch, wo der Weg sich muldenwärts neigt, mit dem Rundblick die Neigung hinter dir gelassen sein, Totgewußtes, aber noch nicht recht Totgeglaubtes in lyrisches Schwingen à la: „Ja, von der Liebe hast du dich durch alle Jahres- und Tageszeiten hoch hinan tragen lassen, jeder Gedanke an die Geliebte hat dich eben noch Eingeschatteten hell wie ein Schönwettermorgen durchhellt, nun aber –“ geraten zu lassen: da drüben, auf dem Fuhrweg, sei eingeschränkter Sicht der schattseitigen Mauer entlanggegangen, und die Aussicht auf trübe Tage wird dich ein Schrittmaß finden lassen, das ohne Bedarf nach Militärstiefeln längst lächerliche Herzensbewegungen wie hohes Gras niedertritt. und im Flachstück dann, ohne dich Hingegangenem zu weiten, weit auszuschreiten – das kann ja nicht zu Ausschreitungen führen, da Ausschreitungen vieler Personen bedürfen.
Wegwarte, leicht zu merken, immer am Wegrand; sie die Wegwärterin? ihr helles Blau von der Mutter in Pullovern bevorzugt worden, gleiche Augenfarbe. Gefängniswärter, aber Schulwart, Liftwart, Tankstellenwart. Wegwarte, Sternwarte, Aussichtswarte. Herr Aufsichts-, also Herr Aussichtswart! da lassen Sie es ungerührt zu, daß einer von Ihrer hohen Warte in die Tiefe springt und sich da unten gewiß schon erschlagen hat? / Schauen Sie – seine Lebensaussichten sind so aussichtslos, daß er sich nach einem Abschiedsblick rundum alle paar Tage in den Tod stürzt. ist ihm nicht zu verübeln!

Jetzt zählen wir schrittweise

Wann es mir zur Gewohnheit geworden, überall dort, wo es steil bergauf geht, die Schritte mitzuzählen, ob ich will oder nicht, trotz Schrittzähler am Hosenbund? nicht eine Unsitte, sondern ein Automatismus – mit den ersten Schritten bergauf setzt dieses Zählen ein auf eine Art, die scheinbar die Wegstrecke verkürzt, als würde ich mir als einem schon müden Kind gut zureden, daß es brav weitergeht: Jetzt zählen wir schrittweise bis sechzig, damit wir, bei sechzig angelangt, schon so weit hinangestiegen sind, daß umzukehren dumm wäre – früher sind wir oben, als wir hinunter zurück brauchten. ja siebzehn, siebzehn, und jetzt nach siebzehn kommt Schritt achtzehn, ja acht plus zehn, achtzehn, und nach neunzehn-neunzehn und zwanzig-zwanzig folgt was? ja, nach zwanzig, jetzt, folgt Schritt ein-und-zwanzig, zwanzig und eins, einundzwanzig, ein-und-zwanzig, und jetzt sind wir schon beim Schritt zweiundzwanzig ...

Beim Auf-und-ab-Gehen

und dieser Automatismus stellt sich als etwas, das nicht abzustellen ist, auch spätabends im Auf-und-ab-Gehen im Warten auf die U-Bahn oder S-Bahn ein: nach einem Blick auf die Stationsuhr schaust du nicht mehr zu ihr auf, hast ja die Wartezeit – noch vier Minuten! – zu ihrer Verkürzung zu übertölpeln, indem du so langsam vor dich hin zählst, daß deine sechzig Sekunden realen zwei Minuten entsprechen. zählst, sollte die Wartezeit zehn Minuten umfassen, auf italienisch, englisch und russisch bis zehn, dann genauso in Zehnerzahlen bis hundert, und nützlich kleine Gedankenabweichungen, denn dann fällst du in schon Gezähltes zurück, zur Streckung der Scheinzeit, zur Verkürzung der wirklichen Zeit, und schiebst zu letzterer Beschleunigung rhythmisierte Beobachtungen ein: Ja, der da drüben auf dem andern Gleis / zündet sich noch schnell eine Zigarette an, / während die junge Dame da / bedächtig Schritt nach Schritt setzt – nur die S-Bahn des Rauchers / Rauchen verboten / wird von seinem Rauch / schon herbeigezogen. und so weiter.
diese Manie auch alle Stiegen hinan und hinunter deine Begleiterin – dir nicht auszutreiben mit Erinnerungen an das hölzerne Männlein der Kinderzeit, dem man einen Schubs geben mußte, damit es die ihm zu Füßen gelegte schiefe Ebene hinuntertorkelt. werde doch hoffentlich nicht im Sterben so angestrengt vor mich hin zählen bis ins Entschlafen, wie als ein Kind während der mir verpaßten Äthernarkose! (von recht anderem Charakter das Zählen gewesen, mir in von neuer Liebe aufgerührten Tagen des öfteren von mir auferlegt: der Vorsatz, beispielsweise in der Stadt bis zur in Sichtweite befindlichen Verkehrsampel nicht an … zu denken, war im flotten Schritte-Zählen leichter durchzuhalten, als mir alle paar Schritte zu sagen: Jetzt, jetzt denke ich nicht an sie, noch immer nicht!)

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