ro ro

Themen-Optionen Ansicht

18/2016 - Zwischen Skylla und Charybdis
  #1  
Ungelesen , 11:45
Zwischen Skylla und Charybdis

Angesichts der vielen Krisen und Probleme erscheint es fast wie ein Wunder, dass das Leben im Libanon funktioniert. Irgendwie. Aber doch.

| Von Otto Friedrich

Man kann den Eindruck gewinnen, Beirut sei eine besonders mondäne Adresse der Levante. Eine moderne zumindest, nimmt man die Zahl der Hochhäuser und die rege Bautätigkeit in der Innenstadt. Große Schilder preisen Maisonetten mit 200 Quadratmetern Fläche an, ein Angebot will ein Appartement von schlichten 5000 Quadratmetern loswerden. Aber am Abend, wenn in den Wohntürmen mit hunderten Wohnungen die Lichter angehen, sind nur wenige davon beleuchtet …
Ähnlich das Bild in den zentralen Shopping-Malls, auch in diesen ist von Rolex bis Swarovski alles zu finden, was eine Weltstadt begehrt – bloß die Käuferinnen und Käufer sieht man kaum, selbst die Zahl der Flaneure hält sich in engen Grenzen.
Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass man zurzeit nur schwer ins unmittelbare Zentrum von Beirut kommt: der Place d’Etoile ist von mehrfachen Stacheldrahtverhauen und Roadblocks abgesperrt, an den wenigen Eingängen, die vornehmlich für hier Arbeitende gedacht sind, kontrollieren Soldaten mit Maschinenpistolen.
Das Verbarrikadieren des Zentrums von Beirut ist Folge der Müllkrise: Von Sommer 2015 bis Anfang 2016 wurde kein Müll abtransportiert, als die Situation unerträglich wurde, gab es teils gewalttätige Massenproteste gegen die Unfähigkeit der Regierenden. Der Müll ist mittlerweile verschwunden, Beiruter erzählen aber, man könne die Müllberge immer noch riechen, und das Militär an allen Ecken der Innenstadt ist geblieben.

Müll-, Elektrizitäts-, Präsidentenkrise …

Die Müllkrise mag als Symptom für die Fragilität und die Unregierbarkeit dieses Landes, das kaum größer als Kärnten ist, herhalten: Der Libanon ist ein Beispiel vielfacher Unmöglichkeiten, und er übt sich im Überleben – schon seit Jahrzehnten.
Neben der Müll- gibt es auch eine Elektrizitätskrise, viele Häuser haben einen Dieselgenerator im Hof, der angeworfen wird, wenn das öffentliche Netz wieder einmal zusammenbricht. Und die politische Krise, die das Land nicht erst seit dem Bürgerkrieg, der zwischen 1976 und 1990 wütete, im Würgegriff hält, ist erst recht prolongiert. Bis heute stehen zwischen den neu erbauten Wohn- und Bürotürmen zerschossene Hochhäuser als stumme Zeugen dieses Kriegs.
Immer noch wird die politische Macht nach einer konfessionellen Formel aufgeteilt. Der Staatspräsident muss ein maronitischer Christ sein, allerdings schaffen es die politischen Player seit Mai 2014 nicht, einen Präsidenten zu küren. Vor allem die schiitische Hisbollah, die im syrischen Bürgerkrieg das Assad-Regime unterstützt, verhinderte bislang eine Lösung.

Enorme Zahl Flüchtlinge aufgenommen

Der Krieg in Syrien färbt aufs kleine Nachbarland in verschiedener Weise ab: Syrien spielt hier seit Jahrzehnten in die Politik hinein. Im libanesischen Bürgerkrieg war Syrien verdeckt oder offen Partei, danach besetzte die syrische Armee den Libanon – oft genug im Interesse eines Teils der libanesischen Fraktionen. Erst durch die Zedernrevolution 2005 wurde Assads Armee gezwungen, den Libanon zu verlassen. Dass nun Assad im eigenen Lande militärisch bekämpft wird, lässt den Libanon natürlich nicht unbeeinflusst. Seit Beginn des Kriegs in Syrien sind Flüchtlinge gekommen –zwischen 1,3 und 1,8 Millionen lauten die Angaben – unter sechs Millionen Libanesen.
Diese Zahl steigt zurzeit wenig, denn der Libanon nimmt kaum mehr Flüchtlinge auf. Trotz der großen Zahl sind die Flüchtlinge nicht überall sichtbar, im – christlichen – Ost-Beirut sieht man sie kaum, während in der Hamra-Straße in West-Beirut syrische Bettlerinnen, oft mit Kindern, sowie syrische Verkäufer und Schuhputzer allgegenwärtig sind. In der Bekaa-Ebene nahe der syrischen Grenze reiht sich Zeltdorf an Zeltdorf mit Flüchtlingen, dort ist auch für die spärlichen Touristen der Krieg alles andere als fern: In Baalbek kann man die römischen Ruinen gefahrlos besuchen, auch wenn fast keine Besucher kommen. Beim Besichtigen der grandiosen Bauten ist das Donnern des Artilleriefeuers von den nahen Grenzgipfeln zu hören, wo einander IS oder Al-Nusra-Front und die syrische Regierungsarmee beschießen. In Baalbek befindet sich auch das Grab von Cholat, der Enkelin des Imam Ali, das schiitische Heiligtum ist mit Panzersperren gesichert – es war schon Angriffsziel islamis*tischer Rebellen von jenseits der Grenze.
Dass der Libanon keine großen Flüchtlingslager errichtet, hat mit der Erfahrung der Palästinenserlager zu tun, die den kleinen Staat destabilisierten und zum Ausbruch des Bürgerkrieges in den 1970ern beitrugen. Auch das soll dazu beitragen, in der unübersichtlichen Lage rund um Syrien als Gesellschaft wie als Staat zu überleben.
In Beirut befindet sich auch die Nahost-Zentrale des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes JRS (Jesuit Refugee Service). Jesuitenpater Stefan Hengst, der JRS-Direktor für den Libanon, hält die politische Strategie, auf die Rückkehr der Flüchtlinge zu zählen, für plausibel: Die Syrer würden nicht in den Nachbarländern bleiben wollen, sondern zurück*kehren, wenn der Spuk des Kriegs vorbei sei.
Das wird aber noch lang dauern, davon gehen die meisten Gesprächspartner im Libanon aus. Für Hengst hängt auch einiges davon ab, für wie lange die internationale Gemeinschaft und Europa zahlen werden: Die angepeilte Deadline 2020 dürfte viel zu kurz sein. Ein – sicherlich willkommener – Tropfen auf den heißen Stein ist da die Ankündigung des österreichischen Finanzministers Hans Jörg Schelling, in den nächsten neun Jahren 160 Millionen Euro für Erstaufnahmeländer
wie den Libanon zur Verfügung zu stellen.

Libanon hängt auch von Lage in Syrien ab


Aber all diese Überlegungen, auch was den Libanon betrifft, hängen von der Entwicklung in Syrien ab. Die Berichte der letzten Tage, vor allem die schrecklichen Bilder, die einmal mehr aus Aleppo rund um die Welt gingen, dämpfen erneut Hoffnung auf wirkliche Konsolidierung. Und man hört viel Kritik an der internationalen Politik gegenüber den syrischen Konfliktparteien und an der Inkompetenz und Unkenntnis derselben. Jesuitenpater Michael Zammit, der JRS-Regionalleiter für den Nahen Osten, bringt es so auf den Punkt: Erst seit dem Engagement Russlands auf der Seite des Assad-Regimes im Herbst 2015 gebe es einen internationalen Player mit einer klaren Agenda – was immer man von den Zielen und Absichten Russ*lands halte. Und die Russen, so Zammit, hätten – im Gegensatz zu vielen Internatio*nalen – wirklich genaue militärische, strategische und politische Kenntnisse. Auch diese Einschätzung ist wiederholt zu hören. Und fast unisono heißt es: Ohne einen echten Dialog aller Konfliktparteien – die Dschihadisten ausgenommen – kann es keine Lösung geben. Dass die Syrien-Gespräche in Genf wieder einmal auf Eis liegen, zeigt jedoch: Kurzfristig wird sich wenig bewegen.
Das gilt wohl gleichermaßen fürs (Über-)Leben im Libanon. Die alte Erzählung aus der Odyssee, wo der Held sein Schiff zwischen den Ungeheuern Skylla und Charybdis durchzunavigieren suchte, kann als Bild für den Libanon heute trefflich herhalten.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  21:32:44 05.16.2005