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24/2016 - Es kommen härtere Tage (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 10:11
Es kommen härtere Tage

Der öffentliche Diskurs nimmt an Schärfe zu – vom US-Wahlkampf bis zur Innenpolitik. Die Mitte der Vernunft erodiert – woran freilich nicht nur die rechte Seite Schuld trägt.

| Von Rudolf Mitlöhner

Schlimmer hätte es kaum kommen können: Terror, Gewaltexzesse und Streiks überlagern massiv das sportliche Geschehen bei der Fußball-EM in Frankreich. Die Frage nach Sieg und Niederlage, Aufstieg und Ausscheiden tritt angesichts der politisch-sozialen Gemengelage in den Hintergrund. Gewiss hat das fürchterlichste Ereignis der jüngsten Zeit nicht auf französischem, nicht auf europäischem Boden stattgefunden, sondern im fernen Florida. Doch in einer globalisierten Welt schwappt der Schrecken über den Atlantik und hält auch hier alle in Bann: gestern Orlando, morgen …? Dazu kommt der Doppelmord an einem Polizistenpaar in der Nähe von Paris; dazu kommen Gewerkschaften, die eine ohnedies schon verwässerte Arbeitsmarktreform in einem maroden Land um jeden Preis verhindern wollen – mit Beton gegen die Realität, in schlechtester gewerkschaftlicher Manier (wobei Präsident Hollande hier erntet, was er gesät hat).
Wie nach jedem Terrorakt mit islamistischem Hintergrund wird nach Orlando und Paris wieder die Islam-Debatte neu entfacht. Dabei ist auch wachen und besonnenen Muslimen längst klar, dass die in solchen Fällen stets auf dem Fuß folgende Beteuerung, das habe alles „mit dem Islam nichts zu tun“, nicht nur nichts bringt, sondern kontraproduktiv ist.

Diskurs, der den Namen nicht verdient

Das gilt auch für einen Auftritt wie jenen von Ramazan Demir, Imam und Generalsekretär der islamischen Gefängnisseelsorge in Österreich, dieser Tage in der ZIB 2. Angesichts der dramatischen Ereignisse wachsende Islamfeindlichkeit und eine Benachteiligung gegenüber der katholischen Kirche in Österreich zu beklagen, darf man schon als Zumutung empfinden. Generell – nicht nur in Bezug auf den Islam – gilt: Misstrauen, Unbehagen, Skepsis, Kritik werden nicht dadurch aus der Welt geschafft, dass man sie unter das moralische Verdikt der Phobie stellt (wobei bezeichnenderweise „Phobie“ zwar genuin Angst oder Furcht bedeutet, in einschlägigen Debatten aber meist im Sinne von Abneigung bzw. feindlicher Gesinnung gebraucht wird).
„Es kommen härtere Tage“, möchte man mit Ingeborg Bachmann sagen. Der öffentliche Diskurs nimmt an Schärfe zu – insbesondere in den sozialen Medien so sehr, dass er die Bezeichnung „Diskurs“ nicht mehr verdient. Vom US-Wahlkampf bis zu den hiesigen Hofburg-Nachwahlwehen werden die Töne zusehends rauer.

Verbannung in den moralischen Orkus

Entgegen dem Mainstream der veröffentlichten Meinung gilt dies freilich beileibe nicht nur für die rechte Seite des politischen Spektrums. Positionen, die bis vor kurzem noch als klassisch bürgerlich oder konservativ gegolten hätten, werden mit Überlegenheitsgestus ins rechte Eck und damit außerhalb der diskursiven Salonfähigkeit gestellt. Das gilt für gesellschaftspolitische Fragen (z. B. Ehe, Familie, Formen des Zusammenlebens) gleichermaßen wie für die Causa prima Massenmigration (und für vieles andere).
Wer aber hat beispielsweise von all den sich lautstark empört und/oder betroffen Gerierenden, die ständig vom Scheitern und Versagen in der Flüchtlingspolitik sprechen (und selbstverständlich alles, was von Kurz & Co. kommt, in den moralischen Orkus verbannen), eine Antwort außer „Fluchtursachen bekämpfen“ und „mehr Integration“?
Aber wie gesagt: Nicht nur bei diesem Thema verschärft sich die Polarisierung in unseren Gesellschaften. Der in angespannten, aufgeladenen Situationen (wie nach Terroranschlägen) übliche Ruf nach Mäßigung und Besonnenheit geht seltsam ins Leere. Eine entgleiste, vielfach orientierungslose Öffentlichkeit verschafft den Rändern beängstigenden Zulauf. Die Mitte der Vernunft erodiert. Woran deren Repräsentanten keineswegs schuldlos sind.


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