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25/2016 - Europa: Idee und Egoismen (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 09:58
Europa: Idee und Egoismen

Von den orthodoxen Kirchen bis zum politischen Europa: Nationales Interesse, staatliche wie kirchliche Eigenbrötelei feiern fröhliche Urständ. Ein Zwischenruf.

| Von Otto Friedrich

Seit Jahrzehnten vorbereitet – und dann schien, in den letzten Tagen vor der Eröffnung am 19. Juni, das orthodoxe Konzil, das auf der Insel Kreta tagen sollte, ein Scherbenhaufen: Die serbische und die rumänische Orthodoxie waren einander ob der kirchlichen Behandlung einer rumänischen Minderheit in Serbien nicht grün. In Bulgarien lieferten sich der Patriarch und der bei dessen Wahl Unterlegene einen Machtkampf. Die Patriarchate von Antiochia und Jerusalem streiten seit Jahr und Tag darüber, wer für die – gewiss zahlreichen?! – Orthodoxen im Golfstaat Katar zuständig ist.
Und der Moskauer Patriarch will schon lang der oberste Orthodoxe sein, weil er der weitaus größten Gläubigenschar vorsteht; er sieht sich in der russischen Orthodoxie einer wachsenden Superioritätsstimmung gegenüber, die jede Ökumene ablehnt. Fazit: Nur zehn von 14 Kirchen sind nach Kolymbari auf Kreta gereist, wo das Konzil tagt.
Bei aller Unterschiedlichkeit der Situationen entpuppen sich die orthodoxen Querelen als Déjà-vu für gelernte Europäer: Hier offenbart sich auf kirchlicher Ebene der Widerstreit partikularistischer und nationaler Egoismen mit einer universalen Idee.

Nationale und regionale Politiker haben es sich leicht gemacht

Das orthodoxe Setting hält so als Ausdruck des Zeitgeistes, der längst nicht nur im Osten Europas herrscht, her. Nationales Interesse, staatliche Eigenbrötelei feiern fröhliche Urständ. Die universale Idee – eines geeinten Europas – wird als verkopftes Elitendenken verunglimpft. „Mia san mia“ scheint die Maxime auch der Politik. Einer, bei dessen Landsleuten das Unheil des Nationalismus im historischen Gedächtnis noch tief verankert ist, hat dies in der Süddeutschen so auf den Punkt gebracht: „Die wahren Ursachen liegen nicht in der Flüchtlingskrise“, meinte dort der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher auf die Frage, warum Europa bei vielen Europäern so unbeliebt ist: „Überall in der EU haben es sich die Politiker in den Hauptstädten, aber auch auf regionaler Ebene einfach gemacht: Brüssel und Straßburg wurden für alles Negative verantwortlich gemacht. Die Schuld wurde immer auf die EU geschoben. Das rächt sich jetzt ganz enorm.“ Der Diagnose aus jener Region, deren Zerschneidung durch die Brennergrenze eine Katastrophe war, und für die die EU das Ende dieser historischen Schande markiert, ist nichts hinzuzufügen.

Chirac 2005, Cameron 2016 – und Bartholomaios I.

Man erinnert sich da, wie 2005 der französische Präsident Jacques Chirac aus innenpolitischen Motiven eine Volksabstimmung über den Europäischen Verfassungsvertrag ansetzte – und diesen damit zu Fall brachte. Und ist nicht auch die Brexit-Abstimmung vor allem dem politischen Überlebenskampf David Camerons geschuldet? Die Liste an Beispielen für den Missbrauch von Solidarität für nationale Interessen unter gleichzeitiger Entsolidarisierung beim Thema Europa ist lang.
Dabei ist es keine Frage, dass das Gleichgewicht zwischen „europäischen“ Agenden bzw. Vorgangsweisen und regionalen Ebenen unterschiedlicher Stufen behutsam auszubalancieren bleibt. Die Katholische Soziallehre hat dafür schon seit langem das Wort „Subsidiarität“ parat, das meint, dass Dinge, die auf unteren Ebenen entschieden werden können, dort auch bleiben sollen. Das bedeutet im besprochenen Zusammenhang: Es gibt erstens an der Idee Europa nichts zu deuteln. Und es geht zweitens darum, das „Subsidiäre“ zu schärfen und gegebenenfalls neu zu verhandeln.
Der Spannung zwischen großer Idee und partikulären Interessen wie Notwendigkeiten haben sich auch die orthodoxen Konzilsväter auf Kreta ausgesetzt. Dass Bartholomaios I., der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel und Primus inter pares der Weltorthodoxie, sich trotz aller Widrigkeiten vom Konzil nicht abbringen ließ, kann auch als Zeichen in Richtung Europa gelten: Man darf sich von staatlicher wie kirchlicher Kleingeisterei nicht ins Bockshorn jagen lassen.

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