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26/2016 - Die hilflosen Erben von Robin Hood
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Ungelesen , 08:13
Die hilflosen Erben von Robin Hood

Wie eine Stadt in England zum Symbol des Aufstandes gegen Europa wurde – was Europa dafür kann –
und was nicht. Eine Brexit-Analyse mit Feder, Pfeil und Bogen.


| Von Oliver Tanzer

Wirklich mächtige Bösewichte bleiben zu Lebzeiten meist ungefährdet und erfreuen sich in ihrem Umfeld höchster Achtung. Erst die Nachwelt formt daraus die Ächtung. Es ist eine grausame Rache, bei der die Hinterbliebenen dem Toten quasi den Rufmord noch hinterher spucken. Da wird dann eifrig gebastelt, gefeilt und gedichtet, an den Liederlichkeiten und Lächerlichkeiten, an den Grausamkeiten und der Verworfenheit.
So geschah es dem unglücklichen englischen König Johann Ohneland. Der Bruder von Richard Löwenherz blieb als Kretin im historischen Gedächtnis haften, als ungeliebter, verschlagener Normanne, erbitterter Feind des angelsächsischen Volkshelden Robin Hood, der als Retter der Armen und Bedrängten seine Pfeile gegen die Verkommenheit der Obrigkeit schießt. Das ist die Sage: Robin der Held, der Sieger.
Aber was geschah mit Johann Ohneland, dem Bösen? Allzu menschliches. 1216 ist der finstere Regent elend an einer Darminfektion zugrunde gegangen. Das geschah am Rand eines Wattlandes vor der Stadt Boston an Englands Ostküste. Johann war beim Durchqueren des Schwemmlandes, das die Einheimischen „The Wash“ nennen, samt Gefolge von der Flut eingeschlossen worden. Der Tross und der unschätzbare Kronschatz gingen dabei verloren. Spott und Hohn blieben. Selbst Shakespeare hat sich in einem Königsdrama über Johann lustig gemacht: „Der König hat seine Wäsche im Wash verloren!“

Brexit-Metropole Boston

Nun gibt es Zufälle, die es nicht geben kann und dann eben doch gibt, als wären sie von unsichtbarer Hand gestiftet: Exakt 800 Jahre nach dem ruhmlosen Hinscheiden des Ruchlosen erreicht in Boston erneut ein epochales Drama seinen Scheitelpunkt, das von Unterdrückung und Freiheit, von Ausgeliefertsein und Selbstbestimmung handelt, wenn auch ganz ohne Ritter, Schwert, Bogen und Jungfer Marian.
Nirgendwo sonst in Großbritannien haben die Menschen mit so großer Mehrheit für den Brexit gestimmt, wie in Boston. 75 Prozent der Einwohner lehnten die EU ab. Anhand dieses Städtchens zeigen sich die Fallstricke der Union genauso wie jene der Globalisierung und der nationalen Idee.
Boston könnte quasi überall in der EU sein. Die Robin Hoods überraschen freilich im aktuellen Drama durch ihre Vielzahl, während der abgewrackte König pauschal „Brüssel“ genannt werden könnte. Das mit dem versunkenen Kronschatz als Symbol der Wertvernichtung stimmt auch, wenn man davon ausgeht, dass der Brexit innerhalb weniger Stunden fünf Billionen Dollar an britischen Vermögenswerten vernichtet hat, etwa das Doppelte des jährlichen britischen BIP.
Aber egal, es soll hier nicht so sehr um ökonomische Werte gehen, die vernichtet wurden und weiter zur Vernichtung anstehen. Sondern darum, welche Einflüsse dafür verantwortlich waren, dass 17,5 Millionen Briten die EU zu einem gescheiterten Projekt erklärten – und damit nebenbei auch bewirkten, dass Großbritannien selbst zu einem gescheiterten Projekt werden könnte (wenn Schottland seine Unabhängigkeit proklamiert).
Vieles davon lässt sich in Boston im Kleinen beobachten. So wie überall war Europa in Boston ein Versprechen. Das ist allerdings schon sehr lange her. Im 17. und 18. Jahrhundert war die Stadt Englands Tor nach Europa. Reich durch den Tuchhandel und übervoll von Kapital. Aber das ist Geschichte. Die Kontore sind geschlossen, der Seehandel ist auf ein paar Fischerboote reduziert und Reichtum findet nur noch auf dem Stadtwappen statt, wo zwei Meerjungfrauen kunstvolle Spiegel halten und drei goldene Kronen rahmen. Das Tor ist zu. Heute lebt die Gemeinde von der Lebensmittelindustrie und der Landwirtschaft.
Wie so oft in Europas Landregionen war auch Boston als ländliche Kleinstadt eine Verliererin der Entwicklung. Die Jungen verließen die Stadt, die Einwohnerzahl betrug 2001 nur noch 35.000, die Straßen und Geschäfte standen und lagen leer. Doch 2004 mit der Osterweiterung der EU kam Europa nach Boston zurück. Allerdings anders als erwartet. Quasi ohne Einladung. Heute hat die Stadt 64.000 Einwohner. Davon sprechen etwa 20.000 kaum oder gar nicht englisch, sondern portugiesisch, polnisch oder litauisch. Die Fremden arbeiten auf den Feldern und in den Fabriken.
Der Billiglohnsektor ist lohnend – aber nur für Fabrikbesitzer, Landwirte und die Arbeitsvermittler, deren englische Bezeichnung „Gangmaster“ ihre ethischen Eigenschaften voll erfasst. Für den Rest der Stadt eröffnet sich eine Parallelwelt, die aus Trailer-Parks, litauischen, polnischen und portugiesischen Shops und den jeweiligen „intra-nationalen“ Kneipen besteht. Boston lebt die Segregation, bei der der Reichtum der Gemeinde zwar steigt, das Wohlbefinden der Bewohner aber stetig sinkt. Das scheint überhaupt ein europäisches Paradoxon zu sein. Aber nicht nur die Engländer fühlen sich angegriffen. Einige Lokale der Fremden müssen sich mittlerweile mit Gittern vor anonymen Pflastersteinwürfen absichern.

Sehnsucht nach der seligen Ruh

So wie in ganz Europa klafft in Boston eine tiefe Kluft zwischen den Eliten und dem Rest der Bürger. Denn die Landwirte und Industriellen hätten noch gerne mehr Arbeiter und sie behaupten zurecht, die billigen Saisonarbeitskräfte hätten ihre Industrien erhalten und damit Boston gerettet. Aber die Mehrheit in Boston würde das schleichende Hinscheiden in trauter Volksgemeinschaft offensichtlich lieber sehen als Wachstum in Entfremdung. Der Zustand der „seligen Ruh“ ist ersehnt und wurde von den Medien und Brexit-Befürwortern ganz präzise getroffen, mit ein wenig Tradition, einem Schuss Symbolik und enormem Pathos: Vom „BeLEAVE in Britain“ der Sun über „The Queen backs Brexit“ über „Take a Bow Britain“ der Daily Mail. Alle auflagenstarken Titel lullten die Briten in Nationalstolz ein, der die Herzen bewegt, aber leider eben nur sie.
Weil auf Seite sechs dieser Ausgabe ein fehlendes Narrativ für Europas Träume beklagt wird. Nun, ein negatives Narrativ hätten wir allemal, wie man sieht. Es ist derart stark, dass es selbst die politischen Eliten des Landes mitreißt. Oder auf Boston bezogen: Wie müssen sich Bostoner, die sich belagert und alleine gelassen fühlen, denn vorkommen, wenn der Premierminister verkündet, der Belagerer sei zwar böse, aber immer noch das Beste auf dem Markt?

Narrative des Lustprinzips

Dann ja doch lieber irgendeiner der neuen Robin Hoods, Boris Johnson oder Nigel Farage. Die erzählten so schöne Geschichten von der Auferstehung der Sicherheit und der Geborgenheit. Letztlich geht es immer um diese Gefühle. Sigmund Freud hätte mit dieser Abstimmung seine Freude gehabt, denn die mutigen Burschen sind allesamt Vertreter des Lustprinzips, das sich gerne einmal die Zukunft pick-süss malt und Millioneneinkünfte verspricht und gleichzeitig Ängste und Identitätsverluste bemüht. Das Realitätsprinzip der rationalen Politik, für das gerade die Briten berühmt waren, haben sie ersetzt – sie und die Sun. Das braucht man übrigens gar nicht vom hohen Ross herab zu sagen. In allen EU-Ländern gibt es gleiche Probleme, ähnliches Personal und ähnliche Blätter.
Wo aber die Ängste die politische Oberhand gewinnen, ersetzen sie politische Werte und Gesellschaftskonzepte – das ökonomische Überich der Gesellschaft. Der Druck auf den Bostoner Bürger erfolgte also von Unten und von Oben. Auch in den Städten Österreichs oder Deutschlands oder Frankreichs ist das zunehmend so. Und das ist auch die Bedeutung des Bostoner Beispiels.
Dass sich die versprochenen Win-win-Situationen in der Sekunde ihrer vermeintlichen Realisierung durch Volksentscheid als Lose-lose-Positionen entpuppen. Der Grund dafür: Die osteuropäischen Arbeiter von Boston werden bleiben, sagt der Wirtschaftsminister. Und neue Massensteuern müssen nun die Verluste des Brexit abfedern, sagt der Finanzminister. Mit einer solchen Bilanz lässt sich die Marschrichtung des populistischen Europas absehen: Sie gehen als Robin Hoods in ihre „Wash-Lands“ hinein und alle kommen als Johann Ohnelands heraus. Sie nennen es auch „Selbstbestimmung“.

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