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27/2016 - Schrittmacher der Wirklichkeit
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Ungelesen , 08:17
Schrittmacher der Wirklichkeit

Immer dringlicher stellt sich heute die Frage nach unserem Verhältnis zur Zeit.
Über Wege zur Entschleunigung und das Ticken der Ewigkeit.


| Von Martin Poltrum

Was ist eigentlich die Zeit? Diese Frage hat das Abendland seit jeher in Atem gehalten. Von Aristoteles bis Heidegger und darüber hinaus beschäftigten sich die großen Philosophen mit dem Wesen der Vergänglichkeit und der Einsicht, dass die Zeit mehr ist als das, was wir mit den Uhren messen. Die Erörterungen über die so genannte Temporalität gehören dabei mit zu den schwierigsten philosophischen Problemen überhaupt.
Der christliche Gelehrte und Kirchenvater Aurelius Augustinus meinte einmal treffend: „Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht.“ Die Zeit ist einerseits der Schrittmacher der Wirklichkeit und damit der Garant für den Lauf der Dinge – und gleichzeitig ein so flüchtiges Gut, das denkend kaum zu fassen ist. Nicht viel besser als Augustinus erging es dem Autor eines der Hauptwerke der Philosophie, Martin Heidegger, der vor dieser Frage ebenfalls kapitulierte und in den 1950er-Jahren zum Thema befragt eingestand: „Man könnte meinen, der Verfasser von ‚Sein und Zeit‘ müsste dies wissen. Er weiß es aber nicht.“

Subjektive und objektive Zeit

Die meisten zeitphilosophischen Erörterungen (James, Bergson, Stern, Husserl, Heidegger) gehen von einem zweiteiligen Zeitmodell aus und unterscheiden die Ich-Zeit, das subjektive Zeiterleben, von der Welt-Zeit, der objektiv messbaren und immer gleich verstreichenden Zeit, die durch die Uhrzeit verkörpert wird. Die subjektive Ich-Zeit kennt verschiedene Qualitäten: von der stressigen zur hohen bis zur heiligen Zeit. Und sie verstreicht im Unterschied zur objektiven Zeit nicht immer gleich schnell. Dem einem vergeht die Zeit wie im Flug, oder es läuft ihm die Zeit gar davon; dem anderen ist so langweilig, dass es ihm vorkommt, als ob man die Zeit tot schlagen müsste. In der Langeweile drängt sich das Zeitvergehen sogar auf eine sehr unangenehme Weise in den Vordergrund und die Zeit scheint unendlich gedehnt, quälend sinnentleert, und man hat das Gefühl, dass die Sekunden kriechen.
Von der Zeit wird auch gesagt, dass sie drei Dimensionen hat und dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ineinander greifen. Eine Melodie, das hat Edmund Husserl, der Begründer der Phänomenologie schön argumentiert, wird darum nicht als Abfolge von unzusammenhängenden Tönen, sondern als eine Sinnganzheit wahrgenommen, weil es so etwas wie ein inneres Zeitbewusstsein gibt. Dieses stellt eine Verknüpfung zwischen den aktuellen, den bereits verklungenen und den noch zu hörenden Tönen her. Mit dem ersten gehörten Ton (Urimpression) und jedem weiteren Ton, der „soeben“ und „gerade nicht mehr“ zu hören ist, aber in einem „zurückgehaltenen Noch-Bewusstsein“ präsent ist (Retention), entsteht bei der Melodiewahrnehmung bereits ein Erwartungshorizont (Protention) für kommende Töne.
Die Zeit ist also nicht so sehr eine objektive Baubestimmung der Wirklichkeit, wie das die alten Griechen oder die mittelalterliche Philosophie noch dachte, sondern etwas, das wir durch unser menschliches Anschauungsvermögen in die Welt hinein tragen. Durch diese Erkenntnis, die Immanuel Kant populär gemacht hat, wurden die Spekulationen beflügelt, wie andere Subjekte – man denke an Wale oder Eintagsfliegen – ihr Erlebnis in der Zeit haben. Vielleicht ist es sogar so, dass Tiere glücklicher sind als wir Menschen, da ihnen die Gnade gegeben ist, an den „Pfahl des Augenblicks angepflockt“ zu sein, wie Nietzsche das einmal formulierte, und die Sorge, die mit dem Zukunftsbewusstsein in die Welt kommt, erspart bleibt.
Dass sich das subjektive Zeiterleben beim Menschen sogar so stark dehnen kann, dass das Verstreichen der Zeit als das Ticken der Ewigkeit erfahren wird und Zeit und Ewigkeit scheinbar in Eins fallen, davon zeugen die Beschreibungen der großen Mystiker. Wenn die Pforten der Wahrnehmung durch die mystisch-ekstatische Versenkung in den Augenblick gereinigt werden, dann werden wir von der Ewigkeit angeblickt: Erfahrungen, die viel Übung und Zeit brauchen, und damit ein Gut, das uns mehr und mehr abhandenkommt.

Pathologien des Zeitgeistes

Von jeher hat es Philosophen, Soziologen und Gesellschaftstheoretiker gereizt, der Epoche, in der sie lebten, eine Diagnose zu stellen und die Pathologie des jeweiligen Zeitgeistes zu benennen. Die Romantiker klagten über eine zu kühle, rationale, nüchterne und entzauberte Welt. Nietzsche sprach von einer nihilistischen, Heidegger von einer seins-vergessenen Zeit. In der Gegenwart freilich mehren sich die Befunde, dass unsere Zeit ganz besonders aus den Fugen geraten sei. In der Spätmoderne ist alles unheimlich beschleunigt und die Zeit hat ihren „Duft“ verloren, so der Philosoph Byung-Chul Han oder der Soziologe Hartmut Rosa. Wir haben die Eisenbahn, das Auto und das Flugzeug erfunden, kommunizieren über Skype, Handy und Internet in Echtzeit mit der ganzen Welt und müssten im Vergleich mit früheren Epochen, als man für eine Reise nach Amerika noch Monate brauchte, eigentlich unheimlich viel Zeit sparen – und damit die Freiheit vom Zeitdruck genießen. Doch genau das Gegenteil scheint der Fall zu sein und Michael Endes Momo recht zu behalten: „Je mehr Zeit wir sparen, desto weniger haben wir.“
Doch nicht nur die Technik hat alles beschleunigt, sondern auch das Sozialgefüge scheint dem gefräßigen Gott Kronos, der seine Kinder verschlingt, zum Opfer zu fallen. Moden, Lebensstile, Familienstrukturen, Arbeitsverhältnisse, politische und religiöse Bindungen haben mittlerweile eine so kurze Halbwertszeit, dass diese „Steigerung der sozialen Veränderungsraten“ zu einer extremen „Erwartungsunsicherheit“ führen, so ein Befund Rosas. Wir werden im Laufe unseres Lebens mit zunehmender Wahrscheinlichkeit viele verschiedene Lebensabschnittpartner haben, mehrere Berufe erlernen und ausüben, wechselnde Arbeitgeber, Wohnungen und Wohnorte haben. Wenig wird fix und sicher bleiben, da alles angetrieben und in ständiger Veränderung ist. Wer auf nichts mehr länger bauen kann und nicht auf die Sahneseite derer gefallen ist, die ökonomisch unabhängig sind, bekommt es in einer beschleunigten Welt vielleicht besonders mit der Angst zu tun.
Zur technischen und sozialen Beschleunigung kommt hinzu, dass auch das Lebenstempo am Ende der Moderne enormzugenommen hat. Unsere Handlungsgeschwindigkeit nimmt durch Fast Food, Speed Dating, Multitasking und die Tatsache zu, dass immer mehr Dinge in kürzeste Zeitintervalle gepumpt werden. Zwischen der Beendigung und dem Neubeginn von Aufgaben und Projekten schrumpfen die Pausen, die Zeiten der Erholung bleiben oft aus. Das Wesen des Kapitalismus – der vielleicht im Hintergrund der totalen Beschleunigung sämtlicher Lebensbereiche zu vermuten ist – liegt vielleicht sogar in einem zeitmoralischen Theorem begründet. Nämlich dem, dass der Müßiggang aller Laster Anfang ist.

Verweilend beim Schönen

Die Verdichtung und Steigerung der Handlungs- und Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit, so wird das zeitsoziologisch formuliert, führt unweigerlich zum Erleben von Zeitnot und Stress. Eine Reihe von Symptomen der Gegenwart lassen sich vermutlich auf das Rasen unseres Zeitalters zurückführen. Burnout, Hyperaktivität und schließlich die Depression als chronische Überforderung und Erschöpfung stellen möglicherweise Beschleunigungspathologien dar. Wir haben die Uhr erfunden, messen Tausendstel von Sekunden, und haben dafür die Zeit, die Kunst des Verweilens
verloren.
Eine originelle Strategie zur Verlangsamung des Lebenstempos, ein erster Protest gegen Eile, Hast und Hetze, eine Übung zur Entdeckung der Langsamkeit wurde von Walter Benjamin festgehalten. Eine Zeit lang, so berichtet der Philosoph, war es angeblich in Paris Mode, in den Passagen sehr, sehr langsam zu gehen. Das hatte einen Grund: „1839 war es elegant, beim Prominieren eine Schildkröte mit sich zu führen. Das gibt einen Begriff vom Tempo des Flanierens in den Passagen.“
Wer kein Flaneur sein möchte, dem sei ein anderes Therapeutikum zur Entschleunigung empfohlen: den Gedanken an den Tod oder an die Ewigkeit. Denn angesichts dessen relativiert sich alles Zeitliche. Nichts wird dann so wichtig, dass es unbedingt zur Erledigung drängt. Frei von der Zeit werden wir auch in den Momenten der ästhetischen Kontemplation, indem wir ganz im schönen Augenblick aufgehen. Durch das Verweilen beim Schönen steht die Zeit still. „Die Kunst“, sagt Schopenhauer, „reißt das Objekt der Kontemplation heraus aus dem Strome des Weltlaufs (...), das Rad der Zeit hält sie an.“


| Der Autor ist Philosoph, Psychotherapeut und Dozent an der Sigmund Freud Privat Universität Wien
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