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27/2016 - Das innere Rauschen der Sanduhr
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Ungelesen 06.07.2016, 07:20
Das innere Rauschen der Sanduhr

Je nach Situation verleiht er der Welt ein eigenes Gesicht: Wie Hirnforscher und Psychologen unseren Zeitsinn entschlüsseln.


| Von Martin Tauss

Stellen Sie sich vor, Sie sind einer der italienischen Fußballer, die im EM-Viertelfinale zum Elfmeterschießen gegen Deutschland antreten mussten. Der Ball liegt auf dem Elferpunkt, im Stadion wird es ruhig. Welttorhüter Manuel Neuer baut sich vor Ihnen auf und beginnt wie ein Hampelmann zu springen. Die Angst vor dem Versagen kriecht in Ihre Knochen. Um die Nervosität zu überspielen, machen Sie eine überlegene Geste in Richtung Tormann und deuten an, wie sie den Ball gleich lässig mitten ins Tor schupfen werden. In Wirklichkeit wählen Sie die rechte Ecke, der Atem ist gepresst und die Beine werden weich. Die Sekunden vor dem entscheidenden Moment – eine gefühlte Ewigkeit.
In großer Aufregung und emotional aufgeladenen Situationen beschleunigt sich nicht nur unser Puls, wir „ticken“ auch innerlich schneller: Das Erleben brennt sich ein, der Zeitfluss wird dichter, die Sekunden und Minuten scheinen zu erstarren. Menschen, die ihr Erleben von schweren Unfällen schildern, berichten ebenso von dieser subjektiven Zeitdehnung wie jene, die besondere Glücksmomente beschreiben.

Die Zeit und das Alter

Im Alltagssprachgebrauch freilich steht der Begriff der „Langeweile“ nur für dumpfe Zustände, die uns besonders leicht befallen, wenn wir an Desinteresse leiden und weniger auf das Geschehen, sondern primär auf das Ticken der Zeit achten: Wenn wir zum Beispiel auf den nächsten Zug warten müssen oder vor der Supermarktkassa in der Schlange stehen. Aber auch das umgekehrte Phänomen einer Zeitraffung ist wohl gut bekannt: Die Stunden vergehen wie im Flug, weil wir so in unserem Erleben absorbiert sind – etwa während eines Konzerts, einer Wanderung, eines intensiven Gesprächs.
Hirnforscher und Psychologen bemühen sich darum, unser Zeitempfinden zu entschlüsseln. Laut Zeitforscher Marc Wittmann, Autor des Buches „Gefühlte Zeit“ (s. Buchtipps), sind es vor allem zwei Faktoren, die unseren Zeitsinn prägen: die Aufmerksamkeit während des Geschehens sowie rückblickend die Erinnerungen darüber. Neuartige Erlebnisse dehnen im Rückblick die Zeit, was umgekehrt dazu führt, dass die Zeit während eines monotonen Alltags zu fliegen scheint. Oder besser gesagt: eben wahnsinnig schnell verflogen ist. Wittmann fand heraus, dass ältere Menschen tatsächlich den Eindruck haben, die vergangenen Jahre und Jahrzehnte seien schneller vergangen als in ihrer Jugend. Erst nach dem 60. Geburtstag stabilisierte sich das Zeitempfinden halbwegs.
Einen biologischen Zeitsinn – also ein Sinnesorgan, das die Zeit erfasst – gibt es nicht. Ebenso wenig gibt es einen direkten physikalischen Reiz, der eine Zeitempfindung hervorrufen könnte, so Hede Helfrich, die bei der Salzburger Werktagung über psychologische Aspekte der Zeit sprechen wird. Im Organismus wirken aber zahlreiche biologische Rhythmen als Zeit- und Taktgeber, darunter vor allem der Schlaf-Wach-Rhythmus. Dieser zirkadiane Rhythmus pendelt sich auch in Experimenten, in denen sich die Probanden wochenlang in unterirdischen Bunkern aufhalten, weitgehend beim natürlichen Wechsel von Tag und Nacht ein. Die Versuchsteilnehmer ohne Tageslicht waren auch aufgefordert, nach jeder gefühlten Stunde einen Knopf zu betätigen. Hier bestätigte sich eine These, die Shakespeare in seiner Dichtung vorgetragen hat – dass nämlich die Zeit „bei verschiedenen Menschen verschieden schnell vergeht“. Manche der Teilnehmer des viel zitierten Bunker-Experiments kamen dem Ablauf der Stunden recht nahe, andere drückten gar nur alle drei Stunden auf den Knopf.
Auch Zeitschätzungen im Minuten-, Sekunden- und sogar Millisekundenbereich wurden wissenschaftlich untersucht. Hede Helfrich etwa hat in einer Studie die kurzfristige Zeitwahrnehmung von Studierenden in Tokyo – einer Stadt mit hohem sozialem Tempo – und Regensburg, einer Stadt mit gemächlicherem Tempo, verglichen. Das Fazit: Das höhere Tempo der japanischen Großstädter schlug sich zwar in einer besseren Differenzierung von zeitlich knapp beieinander liegenden Reizen nieder; dieser Effekt ist aber wohl nur auf die kulturell unterschiedliche Bewertung der gleichen Wahrnehmungsleistung zurückzuführen.

Diktat der protestantischen Zeit

„Gerade im Umgang mit der Zeit zeigen sich große kulturelle Unterschiede“, berichtet die deutsche Psychologin, die auch an einer chinesischen Universität lehrt. „Typisch für westliche Kulturen ist eine protestantische Ethik, wobei die Gegenwart der Zukunft gänzlich untergeordnet wird. In China hat sich das Lebenstempo in letzter Zeit stark erhöht. Die Zukunftsperspektiven in manchen östlichen Gesellschaften sind aber oft noch von einer konfuzianischen Ethik geprägt.“ Diese Haltung ist stärker gegenwartsorientiert und fußt auf der Überzeugung, dass ein heute als positiv bewertetes Verhalten auch eine positive Zukunft zur Folge haben wird.
Wie die Zeit bei Kindern mit einer Teilleistungsschwäche wie Dyspraxie zum Stressfaktor werden kann, erläutert Michael Schulte-Markwort in seinem Vortrag bei der Salzburger Werktagung. „Kinder mit Dyspraxie haben eine verlangsamte Verarbeitungsgeschwindigkeit“, sagt der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater. „Sie fallen in der Schule meist erst dann auf, wenn sie anfangen müssen, schriftliche Arbeiten abzugeben. Dramatisch ist, dass die Langsamkeit oft mit fehlender Intelligenz verwechselt wird.“
Auch Kinder und Jugendliche mit Erschöpfungsdepression (Burnout) geraten leicht unter die Räder der Zeit. „20 bis 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen fühlen sich problematisch gestresst. Sie denken etwa, sie müssten ständig durcharbeiten und begreifen nicht, dass es besser wäre, regelmäßige Pausen einzustreuen. Nicht alle entwickeln ein Burnout, aber diese Erkrankung zeigt in diesen Altersgruppen eine steigende Tendenz“, berichtet Schulte-Markwort, der letztes Jahr ein Buch zum Thema veröffentlicht hat („Burnout Kids“, Pattloch-Verlag). „Viele Kinderärzte erzählen mir, wie erschrocken sie sind, mit wie vielen erschöpften Kindern sie es jeden Tag zu tun haben.“

Zeiterleben bei Depression

Bei depressiven Menschen ist das Zeiterleben verlangsamt, aber auch der Zeitbezug ist verzerrt: Die Vergangenheit mit ihren tristen Details erlangt übergroßes Gewicht, die Zukunft hingegen ist verdunkelt, so dass ein Voranschreiten unmöglich erscheint. Dieses Phänomen ist bei depressiven Kindern seltener und meist weniger stark ausgeprägt, weil die Zukunft in diesem Lebensalter noch stark positiv besetzt ist. „Nur bei Jugendlichen mit schwerer, chronischer Depression kann es sein, dass sie keine Perspektive mehr auf die Zukunft entwickeln können“, so Schulte-Markwort. Kinder und Jugendliche aber sind generell weniger vorausschauend und haben ein viel gedehnteres Zeitgefühl als Erwachsene, wie der deutsche Arzt betont: „Bezeichnend dafür ist etwa ein 15-jähriger Patient, der mir einen Tag vor der Zeugnisverteilung mit vollster Überzeugung gesagt hat, dass er seinen Fünfer noch ausbessern wird.“
Auch das Wort „gleich“ lässt in unterschiedlichen Altersstufen und Kulturkreisen einen gewissen Interpretationsspielraum zu. Es wird von Teenagern lockerer gesehen als von ihren Eltern – und umfasst in Kenia oder Indien meist einen größeren Zeitraum als in Deutschland oder Österreich. Vielleicht also sollte man ein bisschen nachsichtiger sein, wenn das Zeitempfinden anderer nicht gleich mit dem eigenen harmoniert.

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