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28/2016 - Katholische Kirche in Gender-Troubles
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Ungelesen 13.07.2016, 09:14
Katholische Kirche in Gender-Troubles

Der Flyer „Gender: katholisch gelesen“ löste im Vorjahr Debatten in Deutschland aus. Auch auf der Familien-Synode in Rom war das Thema Gender präsent. Hier wie dort offenbart sich ein innerkirchlicher Identitätsdiskurs, der längst nicht ans Ende gelangt ist.


| Von Gregor Maria Hoff

Noch lief die Bischofssynode in Rom im vergangenen Herbst, Ausgang offen, als im Namen der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ein Flyer vorgestellt wurde, der eines der umstrittenen Themen der Synode aufgriff: „Gender: katholisch gelesen“. Es handelte sich um einen kirchenpolitischen Eingriff, der in einen Streit eingriff und einen Konflikt auslöste.
Worum geht es? Kirchlich um einen Identitätsdiskurs, theologisch um ein Darstellungsproblem. In sieben Punkten skizziert der Flyer, was der Gender-Diskurs aus katholischer Sicht bedeutet. Ein Leitsatz sticht heraus: „Die katholische Position besagt, dass man Sex und Gender unterscheiden muss, aber nicht trennen kann. Sie sind aufeinander bezogen, ohne sich ineinander aufzulösen.“ Genau das befürchtete der Regensburger Bischof Rudolf Vorderholzer, der den Flyer einen Tag nach seiner Veröffentlichung scharf kritisierte. Sein Verdacht: „Es geht dem Gender Mainstreaming um die soziale und politische Akzeptanz der Homosexualität und darüber hinaus um die Durchsetzung des Diversity Mainstreaming, in dem alle sexuellen Orientierungen als gleichrangig gelten.“ Im Flyer findet sich kein Wort zum Thema Homosexualität, wohl aber ist die Rede von der „Wertschätzung eines jeden Menschen unabhängig von seiner sexuellen Orientierung.“
Ein Lesefehler des Bischofs? Oder Ausdruck einer tief sitzenden Angst, dass mit der Übernahme der Gender-Sex-Unterscheidung eine Bastion katholischer Sexualmoral falle – der Naturbegriff?

Aufeinander bezogen

Tatsächlich geht es mit ihm ums Ganze – freilich nur, wenn man den Schöpfungsgedanken enthistorisiert und die entsprechenden Schrifttexte gleich mit. Nicht weniger als die geschichtliche Wahrheit des Christentums steht damit auf dem Spiel. Das „ungetrennt und unvermischt“, mit dem die Kirche seit dem Konzil von Chalkedon (451) die göttliche und menschliche Wirklichkeit Jesu Christi darstellt, spricht eine klare Sprache. Im Menschen offenbart sich, wer Gott für uns ist: geschichtlich, konkret, in kulturellen Koordinaten. Ohne sie lässt sich weder das Konzept Natur fassen, noch erreicht man natürliche Prozesse unabhängig von kulturellen Festlegungen. Im Flyer der DBK heißt es: „Die katholische Position besagt, dass man Sex und Gender unterscheiden muss, aber nicht trennen kann. Sie sind aufeinander bezogen, ohne sich ineinander aufzulösen.“
Auf derselben Linie hält das Schlussdokument der Bischofssynode fest: „Das Christentum erklärt, dass Gott den Menschen als Mann und Frau erschaffen hat und sie gesegnet hat, damit sie ein Fleisch werden und das Leben weitergeben (vgl. Gen 1,27-28; 2,24). Ihre Differenz, bei gleicher personaler Würde, ist das Siegel der guten Schöpfung Gottes. Nach dem christlichen Verständnis kann man Seele und Leib, ebenso wie biologisches Geschlecht (sex) und soziokulturelle Geschlechterrolle (gender), unterscheiden, aber nicht trennen.“

Umkämpfte Positionen

Diese Position ist katholisch umkämpft, auch wenn es in Rom nur 14 Gegenstimmen gab. Von „Genderideologie“ ist dann die Rede: auch im Abschlussdokument, auch vom Papst. Aber der vorliegende Abschnitt liest sich als Regie für die katholische Auffassung von Gender und Sex. Er entspricht einer Vorlage, die in der deutschen Sprachgruppe einstimmig verabschiedet wurde.
Es ist nicht bekannt, dass der Präfekt der Glaubenskongregation zu diesem Zeitpunkt den Raum verlassen hätte. Kritiker aber laufen heiß. Die katholische Polemik im Gender-Diskurs zeigt, wie sehr sie in kirchliche und persönliche Identitäten eingreift. Sie legt Verletzungen frei.
Darum geht es bei Gender-Fragen. Deshalb spricht Judith Butler von Gender troubles. Schwierigkeiten und Ärger stehen im Raum, wenn es um Festlegungen im Namen des „Geschlechts“ geht. Hier spielt sich der Kampf um die Anerkennung und die Würde von Menschen ab. Das gilt in besonderer Weise für jene „gefährlichen Körper“ (I. Schmincke), die stabile Ordnungen in Frage stellen: mit abweichender sexueller Orientierung, mit einem Körper, der sich biologisch oder sozial nicht in die duale Ordnung von Mann und Frau einfügt. Vom „dritten Geschlecht“ ist die Rede, und der Gesetzgeber hat ihm Raum gegeben.
Was nicht passt, hat mit Ausgrenzungen zu kämpfen. Nach Judith Butler zeichnet es Opfer aus, sich nicht selbst darstellen zu können. Mit dem Gender-Diskurs geht es kirchlich auch um dieses Problem. Es ist ein Darstellungsproblem ers-ten Ranges. In der Taufe wird jeder Christ, jede Christin zur Nachfolge bestimmt. Indem man sich mit Jesus Christus identifiziert, repräsentiert man ihn: Man bringt das Evangelium im eigenen Leben zur Anschauung. Zumal im liturgischen „Vollzug des Priesteramtes Jesu Christi“, so das 2. Vatikanische Konzil, ist Christus selbst gegenwärtig – „in der Person dessen, der den priesterlichen Dienst vollzieht.“
Diese repraesentatio Christi ist aber beschränkt. Zugelassen zum priesterlichen Amt sind nur Männer, deren „physische und psychische Gesundheit“ feststeht (CIC can 241 § 1). Das Menschsein Jesu Christi wird im Priester männlich sichtbar. Gender Trouble tritt hier in der Form einer weiblichen Ausschließung auf. Sie lässt sich nur bearbeiten, wenn man Chalkedon ernst nimmt. Die Menschheit Jesu zeigt sich in seinem Leben als Mann, das seine Bedeutung ganz von Gott her gewinnt, der in Jesus die Menschen über alle Grenzen hinweg annimmt. Wer Jesus folgt, bringt die menschlich erfahrbare Lebensmacht Gottes zur Darstellung. Sie offenbart sich im unendlich verletzbaren Menschen: dem Gekreuzigten.

Ein Raum für gefährliche Körper

Verwundbarkeit macht den Menschen aus, Humanität entsteht, wo man sie bearbeitet. Gender trouble markiert solche Verwundbarkeit. Dazu zählen in der Kirche auch die Verletzungen von Frauen, die Subjekte kirchlicher Darstellung sein wollen und sich zu Priesterinnen berufen fühlen, dafür aber keinen Ort finden. Es geht auch um die Anerkennung einer Verwundbarkeit. Um Anerkennung muss man kämpfen. Das geschieht faktisch und kontrafaktisch in der Kirche – und die Kirche ist dafür der geeignete Ort.
Denn die repraesentatio Christi
bestimmt die Kirche als einen Raum für gefährliche Körper: Flüchtlinge, Arme, Marginalisierte. Diese Räume müssen immer wieder neu entdeckt und besetzt werden. Der Flyer zur Geschlechtersensibilität der DBK stellt sich dieser Herausforderung. Die Bischofssynode gab ihr Raum. Die Zukunft der katholischen Kirche hängt entscheidend daran, ob sie ihn zu nutzen versteht.


| Der Autor ist Professor für Fundamentaltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Uni Salzburg |

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