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28/2016 - Im Reich der wilden Tiere (Oliver Tanzer)
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Ungelesen , 10:22
Im Reich der wilden Tiere

Was Italiens und Europas Finanzkrise mit ökonomischen Strategien von Affen und Tauben zu tun hat – und warum Letztere besser agieren als die Bankenretter.

| Von Oliver Tanzer


In der FAZ stand jüngst zu lesen, dass Tiere erstaunlich gute Ökonomen sind. Ob Einzeller, Fische oder Ratten, Tauben oder Affen. Sie alle gehen bei ihrer Suche nach Nahrung und Gemeinschaft instinktiv rational und entlang ökonomischer Strategien vor. Putzerfische putzen mobilere Fische besser als Fisch-Kunden ohne Aktionsradius. Tauben tendieren bei garantiertem Nahrungsmittel-„Grundeinkommen“ zur zufriedenen Faulheit. Kapuzineräffchen wiederum setzten im Versuch Plastikjetons als Geld-Tauschmittel für Nahrung und Dienstleistungen (etwa für das Lausen) ein und arbeiteten in strenger Arbeitsteilung für den gemeinsamen Erfolg. Es gibt also nicht nur den homo oeconomicus, sondern vielmehr auch die bestia oeconomica. Klingt gut und kann auch ökonomisch benannt werden. Also entlang unserer Beispielkette: Marktmonopolgestaltung bei den Putzerfischen, Grundeinkommen und Armutsfalle in Taubengesellschaften, Haushalts- und Preistheorie sowie Kooperationswert und Arbeitsteilung bei den Affen. Man könnte daraus auch auf eine allgemeine ökonomische Lebensmechanik schließen. Und zweifellos sind es genau diese Mechanismen, die auch in großen Teilen funktionierender Märkte Geltung haben.

Die Entwertung der Logik

In diesen Tagen erkennt man den Wert der Geschichten aus dem Reich der wilden Tiere sehr gut. Denn der Vergleich zeigt, wie schlecht derzeit die europäische Ökonomie im Vergleich zur Fauna funktioniert: Sie wird ausgerechnet dort teurer, wo sie der natürlichen ökonomischen Logik nach billiger werden sollte, sie verlängert künstlich (Banken-)Leben, das in natürlicher Umgebung längst in die Hand von Zerstörung und Erneuerung (reset) gegeben worden wäre. Und sie entwertet den Glauben an eine Währung, welche die Grundlage allen Tausches in der Gemeinschaft ist.
Da wurden und werden in Italien Banken, die 350 Milliarden Euro an notleidenden Krediten angesammelt haben, mit Steuergeld (von Italien und letztlich von der EZB) über Wasser gehalten, anstatt die Missstände mit Konkursverfahren zu behandeln. Anstatt Schulden zu tilgen, werden Schulden aufgehäuft. Nun ist das Tragische an dieser Situation nicht, dass der Mensch die Schranken der natürlichen Ökonomie durchbricht. Tragisch ist, mit wie wenig Vorsicht und Voraussicht er das tut.

Pleitiers als Systemerhalter

Denn die einzige Logik der nächsten Bankenrettung scheint in der Absicht zu liegen, statt des Schlimmen (Defizit) noch Schlimmeres (Defizit-Blase) zu erzeugen, um sich damit Zeit kaufen zu können. Die Schulden erstrecken sich dann auf die nächsten Jahre, auf die nächste Generation. Das ist unsere neue Art von Generationenvertrag. Und das alles mit dem Argument der „Systemrelevanz“ einzelner Banken. Aber wie viel ist das System eigentlich wert, wenn seine Erhalter eine Ansammlung von Pleitiers sind? In den Verhältnissen der natürlichen Ökonomie wäre diese Rettung unvorstellbar. Jede Taube würde das Köpfchen schütteln, Putzerfische würden angewidert abtauchen und die Affen einen Lachanfall bekommen.
Noch dazu, wo Europa noch immer unter den Folgen der Bankenrettung 2008 leidet. Neue Schulden und Bürgschaften für Staaten, Spekulationen gegen einzelne Staaten, eine massive Misstrauenswelle der Bürger gegen die Institutionen der Gemeinschaft und die Politik im Allgemeinen, eine in allen Teilen der Union spürbare Renationalisierung. Das mag weit hergeholt erschienen, aber waren nicht zumindest Teile dieses Fallouts mitverantwortlich für den Brexit? Dieses Referendum war kein Warnschuss. Es war der erste Akt eines Zerfallsprozesses, der fortschreiten wird, wenn die Logik nicht endlich wieder Einzug hält. Bei Italiens Banken sollte sie beginnen. Nennen wir es im besten Sinne des Wortes: Animal-Spirits.

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