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29/2016 - „Unbehagen“ ist zu wenig (Rudolf Mitlöhner)
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Ungelesen , 10:50
„Unbehagen“ ist zu wenig

Terror, Massenmigration, das Abdriften der Türkei …: Keiner hat Antworten auf all diese Probleme. Klar ist nur: Beschwichtigen und Beschönigen macht alles noch schlimmer.


| Von Rudolf Mitlöhner


Die Nachrichtenlage dieser Tage und Wochen erzeugt ein diffuses Gefühl der Rat- und Hilflosigkeit. Auch in den Äußerungen professioneller Beobachter, Analytiker und Kommentatoren ist dies spürbar. Man (auch man selbst) greift auf Versatzstücke aus dem Fundus zurück, auf Formulierungen aus dem erprobten Repertoire, weil einem die Worte fehlen, weil das, was sich zur Zeit rund um uns tut, buchstäblich nicht zu fassen zu sein scheint. Selbst ein so kluger Kopf und kühler Denker wie der in Berlin lehrende Politikwissenschaftler Herfried Münkler hat keinen besseren Vorschlag, als Terroranschläge einfach „wie Unfälle“ zu behandeln. So wie wir Auto führen, obwohl wir um die statistische Gefahr wüssten, sollten wir auch angesichts und ungeachtet der steigenden Terrorgefahr „unser Leben weiterführen und uns nicht erschüttern lassen“, so Münkler im Interview mit der Kleinen Zeitung.
Einerseits ja, es bleibt uns letztlich auch gar nichts anderes übrig; andererseits lässt sich die Beklemmung eben doch nicht verdrängen, empfinden wir die Bedrohungslage doch anders als die Gefahren, denen wir uns im Verkehr und sonstigen alltäglichen Verrichtungen aussetzen (was natürlich auch Münkler zugibt).

Bedrohungsbild aus vielen Einzelteilen

Es geht freilich nicht nur um terroristische Anschläge und Attacken, wie zuletzt jene von Nizza oder – in kleinerem Maßstab – in einem Regionalzug bei Würzburg. Das als bedrohlich und beängstigend empfundene Bild setzt sich aus einer Vielzahl von Einzelteilen zusammen: von Belästigungen oder Vergewaltigungen in Schwimmbädern und öffentlichen Einrichtungen durch Migranten bis hin zu den dramatischen Umbrüchen in der Türkei mitsamt den nach Österreich importierten Auswirkungen. Und da reden wir noch gar nicht von der aufgeheizten Stimmung in den durch blutige Gewalt erschütterten USA …
Die beschriebene Rat- und Hilflosigkeit dispensiert uns freilich nicht davon, Dinge deutlich beim Namen zu nennen. Gerade unübersichtliche Zeiten verlangen Klarheit und Entschlossenheit. Alles andere würde die Unsicherheit nur noch weiter befördern.

Bemerkenswerte bischöfliche Worte

In diesem Zusammenhang ist es sehr erfreulich, dass der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Schönborn bemerkenswerte Worte zur Massenmigration gefunden hat (s. u. „Also sprach“). In einem Standard-Interview sprach er davon, sich selbst „ein wenig korrigieren“ zu müssen. Entgegen früheren Aussagen von ihm sei nämlich die derzeitige Flüchtlingswelle nicht mit Ungarn ’56 oder Tschechoslowakei ’68 vergleichbar, denn: „Diese Flüchtlinge waren alle Europäer, hatten ungefähr dieselbe Kultur, viele dieselbe Religion. Jetzt haben wir es zu tun mit einer Zuwanderung aus dem Nahen Osten, aus Afrika, und da ist die kulturelle und religiöse Differenz sicher ein Faktor, der Sorge macht.“
Äußerst bemerkenswert auch eine Stellungnahme des Passauer Bischofs Stefan Oster: „Längst schon, im Grunde viel zu lange, sind diejenigen Muslime gefordert, die aus ihrem Glauben motiviert tatsächlich dagegen halten wollen, friedlich, aber intensiv und groß und gemeinsam – gegen das Unheil, das im Namen ihrer Religion immer neu über die Menschen kommt“, heißt es darin. Das klingt doch deutlich anders, als das – auch in kirchlichen Kreisen gängige – Mantra, wonach „das alles mit dem Islam nichts zu tun“ habe.
Freilich, nicht nur in der Kirche sind Stellungnahmen wie die zitierten rar. Auch in der Politik dominiert noch die Beschwichtigungs- und Beschönigungsrhetorik. Sie generiert freilich das Gegenteil von dem, was sie vorgeblich bewirken möchte. Der Bundeskanzler immerhin verspürt (angesichts der hiesigen türkischen Demonstrationen) ein „gewisses Unbehagen“. Na dann …

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