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31/2016 - „Wie ein Treffen von Alkoholikern“
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Ungelesen 03.08.2016, 07:16
„Wie ein Treffen von Alkoholikern“

Ist die Verschmutzung der höher liegenden Atmosphärenschicht die einzige Möglichkeit, die Klimaerwämung zu stoppen? Eine Expertendebatte.

| Das Gespräch führte Oliver Tanzer

Mit seinem Buch „Klimaschock“ hat Gernot Wagner eine interessante Debatte angestoßen: Was, wenn wir die Erderwärmung nicht mit „normalen“ Mitteln stoppen können? Mit Wagner diskutiert Klimaexperte Christoph Müller.

DIE FURCHE:
Wir erleben derzeit politische, gesellschaftliche Verwerfungen, die unerhört scheinen. Kriege, Terror, Politikversagen. Wird der Klimawandel diesen Trend noch verstärken?
Gernot Wagner: Der Klimawandel ist das globalste Problem. Er verbindet alle Problemfelder, auch wenn wir den Zusammenhang nicht immer in genaue Zahlen fassen können. Wir können nicht sagen, wie hoch der Anteil am syrischen Flüchtlingsdrama ist. So wie wir auch nicht wissen, welchen Anteil das Doping bei den Tour-de-France-Siegen von Lance Armstrong hatte. Aber natürlich hat es eine Verbindung gegeben. Klimawandel ist gedoptes Wetter.
DIE FURCHE: Ist sich die Politik des Problems bewusst?
Christoph Müller: Die Politik ist sich auf einer kognitiven Ebene zumindest teilweise der Problematik bewusst, aber alle bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die überwiegend auf der Ebene der Nationalstaaten organisierte Politik nicht die adäquaten Mittel hat, das Problem anzugehen. Klimawandel ist auch Kulturwandel. Henry Kissinger meinte 2009 treffend, dass die politische Organisation der Welt der wirtschaftlichen Organisation der Welt hinterherhinkt.
DIE FURCHE: Aber ist nicht die Politik mit dabei, wenn es darum geht Illusionen zu erzeugen? Marke, wir retten den Planeten, indem wir eine Stunde das Licht abschalten.
Wagner: Das ist die kognitive Dissonanz der Gesellschaft. Für den Klimawandel gibt es oft die typische „grüne“ Antwort: weniger konsumieren, weniger Fleisch essen, nicht so viel Auto fahren. Ist es die moralisch richtige Antwort? Ja. Ich selbst bin noch nie mit dem Auto gefahren, bin Vegetarier. Aber macht das einen Unterschied? Nein. Teils kann es sogar ein Schritt zurück sein: „Warum eine CO2-Steuer? Ich fahr schon Rad.“
DIE FURCHE: Aber selbst die Aktionen guten Willens sind nicht mehr gefragt, wenn andere Sorgen aufflammen. Etwa Terror oder Jobkrise. Warum „verkauft“ sich Klimawandel so schlecht?
Müller: Der Klimawandel ist das komplexeste politische Problem der Menschheitsgeschichte. Im Rahmen der Welthandelsorganisation Bananenkontingente zu regeln, ist vergleichsweise einfach, vor allem weil es beim Klimawandel zu einer erheblichen Verwässerung der Ursache-Wirkungs-Ketten gekommen ist. Er ist im wesentlichen Resultat der vergangenen 200 Jahre, eine Konsequenz daraus, dass 80 Prozent unserer Lebensweise auf Erdöl und Erdgas beruht. Und: Werden unsere Enkelkinder spüren, wenn wir in Europa ab jetzt nur noch halb so große Autos fahren? Unsere Welt ist geprägt von bestimmten Annahmen und Selbstverständlichkeiten, die nicht bewusst sind und gerade deshalb Wahrnehmungen und Handeln bestimmen. Es gibt Politiker und Beamte in den Ministerien, die das erkennen. Ein Kernproblem ist unsere quasireligiöse Überzeugung von der Notwendigkeit eines ewigen quantitativen Wachstums. Die Aufgabe der demokratisch organisierten und legitimierten Politik ist, das gesellschaftliche Ganze zu steuern, aber das gelingt ihr immer weniger.
Wagner: Ja, und wir haben es dazu noch mit Problemen zu tun, die selbst unseren Strategien zuwiderlaufen. Ein Beispiel: Pro Jahr töten wir global drei bis sechs Millionen Menschen durch Luftverschmutzung. Der Grund? Kohleverbrauch, individueller Transport, die so viel Schwefeldioxid und andere Schadstoffe erzeugen. SO2 tötet. Aber es hemmt auch die Klimaerwärmung, indem es teilweise die Sonnenstrahlen ins All zurückreflektiert. Was würde etwa passieren, wenn wir ab morgen aufhören, Kohle zu verbrennen, kein CO2 mehr zu produzieren? Langfristig ist es natürlich gut: weniger CO2, weniger Klimawandel. Aber die Temperaturen übermorgen werden sogar steigen. Seit 1980 hat sich die Arktis um etwa ein halbes Grad erwärmt, weil Europa den sauren Regen drastisch reduziert hat.
Müller: Ich glaube, das ist ein eindrückliches Beispiel, in welchem Dilemma wir in vielen Punkten stecken. Viele Menschen, und da mag ich mich teilweise nicht ausnehmen, wollen und können sich nicht mit diesen komplexen Themen auseinandersetzen.
Wagner: Hier gäbe es ja sogar eine Lösung, vor der wir tatsächlich einmal stehen werden. Und zwar Geo-Engineering. Wir könnten etwa bewusst sagen, nehmen wir die Aerosole aus der Troposphäre, wo sie jährlich drei bis sechs Millionen töten. Gleichzeitig befördern wir ein 50stel dieser Aerosole in eine höhere Luftschicht, die Stratosphäre. So haben wir quasi einen teilweisen Schutzschirm gegen die Sonneneinstrahlung und damit ein Mittel gegen die Erderwärmung. Wir retten jährlich drei bis sechs Millionen direkt und indirekt vielleicht noch viele mehr durch den geringeren Klimawandel. Das Problem dabei: Wir würden tatsächlich bewusst die höhere Atmosphäre verschmutzen.
DIE FURCHE: Welches politische Sys*tem würde das machen? Demokratien etwa, die sich dem Umweltschutz verpflichtet fühlen?
Müller: Im Kern geht es darum, dass Dinge oft erst geändert werden, wenn es weh tut oder schon zu spät ist. Tief drinnen glaubt die Mehrheit der Menschen nicht an den Klimawandel. Ganz einfach, weil er bisher nicht oder zu wenig physisch erfahrbar ist. Wenn man es vergleichen will, dann steht die Menschheit vor einem Tsunami, bei dem sich das Meer gerade zurückzieht, bevor die Welle kommt.
DIE FURCHE: Aber wenn Menschen nicht mit Argumenten überzeugt werden, wie soll es dann gelingen?
Müller: Ich fürchte, die nationalstaatliche Demokratie mit ihren mächtigen Interessengruppen und Vetospielern steht langfris*tigen, globalen Lösungen derzeit eher im Weg. Hier bedarf es innovativer Ansätze. Das heißt nicht, dass ich für das chinesische Modell eines autoritären Staatskapitalismus bin. Aber dieses politische
System kann andere strategische Entscheidungen treffen als das unsere und ist so für viele Entwicklungsländer attraktiv. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts geht es in der Nachhaltigkeitspolitik um strukturelle Fragen, also um die Wurzel eines globalen Problems. Wer geht schon gern zur Wurzelbehandlung.
DIE FURCHE: Und das bisher auf den Klimakonferenzen Erreichte?
Müller: Die Klimakonferenzen zeigen, dass die notwendige Transformation als unangenehmes Muss empfunden wird. Man könnte das mit einem Alkoholikertreffen vergleichen, bei dem ein Alkoholiker zum anderen sagt: „Sauf doch einmal ein bisserl weniger.“ Der andere sagt: „Ja schon, aber nur wenn du auch weniger säufst.“ Und dann gibt es den Neoalkoholiker, der meint: „Ich will werden wie ihr, deshalb darf ich 30 Jahre saufen und dann geh ich in Rehab.“
DIE FURCHE: Und wie geht es nun also zum Entzug?
Wagner: Es gibt tatsächlich politische Fortschritte. Jede Emmissionsregelung, ob in den USA oder China, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Die beiden größten Verschmutzer der Welt investieren enorm in erneuerbare Energien. Europa hat auch ein Emissionshandelsgesetz. Und viele andere Staaten wollen dem Klimaklub beitreten. Reicht das bisher aus? Natürlich nicht. Weder in Europa noch sonstwo. Klar ist: Der CO2-Ausstoß muss sinken. Wenn wir also zu dieser Lösung kommen wollen, muss eine Grundvoraussetzung sein, dass CO2 nicht gratis und nicht subventioniert sein darf. Derzeit bezahlen sieben Milliarden dafür, dass ich einmal über den Atlantik fliege. Lasst mich doch für die Schäden selbst aufkommen! Das wäre der logische Schritt. Noch schwieriger wird’s bei neuen Technologien, etwa dem Geo-Engineering. Die Institutionen, die solche Entscheidung treffen könnten, gibt es noch nicht.
Müller: Neue Technologien sind sicher notwendig. Leider ist erfolgreiche Klimapolitik in der Hoffnung vieler eine Mischung aus Hypertechnologie und Katastrophenschutz. Aber welches Wachstum wollen wir? Verzicht tut erst einmal weh. Aber kann eine Einschränkung nicht auch eine Ausweitung der Optionen für die Gesellschaft bedeuten?

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