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32/2016 - Gefangen im binären Code (Brigitte Schwens-Harrant)
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Ungelesen , 09:09
Gefangen im binären Code

Vereinfachungen und Polarisierungen, soweit das Auge blickt. Was Gemeinschaften brauchen, um sich selbst zu definieren, wird gefährlich oft zur Keule für die anderen.

| Von Brigitte Schwens-Harrant


In den vergangenen Monaten beschlich mich immer wieder das Gefühl, als befände ich mich in einem Rechenzentrum – und hätte nur mehr die Wahl zwischen 0 und 1. Wo ich auch hinsah, was ich auch las: binärer Code. Einzig mögliche Antwort und Verhaltensweise: richtig oder falsch, links oder rechts, gut oder böse. Ein Drittes oder gar Komplexität: selten zu sehen, weder in der Politik, noch in den Medien.
Nun ist der Mensch ja überhaupt, nicht erst in den vergangenen Monaten, ein recht polarisierendes Wesen. Tag/Nacht, Gut/Böse, Schwarz/Weiß, so funktionieren nicht nur Märchen und Bestseller. Gemeinschaften etwa konstituierten sich immer durch entsprechenden Gegensatz: Das sind wir - und das sind die anderen, das Nicht-Wir. Wir sind, was die anderen nicht sind. Durch derartige Abgrenzungen kann man sich definieren: als Nation, als Religionsgemeinschaft, als Familie, als Paar. Entsprechende Erzählungen, von Gründungsmythen angefangen, stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl. Durch Abgrenzung entsteht Stärke; die Grenze zur Abwertung ist dabei, wie die Geschichte lehrt, gefährlich fließend.

So homogen sind sie gar nicht

Gemeinschaftsnarrationen neigen zur Vereinfachung, zum Pauschalisieren. Das müssen sie wohl auch, sonst würden sie kaum funktionieren. Immerhin bestehen Gemeinschaften aus Individuen – und aus mehreren Kulturen. So homogen, wie Gemeinschaften sich gerne selbst erzählen, sind sie gar nicht. Auch was als „Wertegemeinschaft“ kolportiert wird, ist so einheitlich nicht, sondern durchaus widersprüchlich – und vor allem sind Werte ständig in Bewegung.
Seit im Herbst vergangenen Jahres so viele Menschen aus Kriegen und Nöten nach Europa fliehen, reißt die Diskussion um Werte und ihre Vermittlung nicht ab. Vereinfachung und Polarisierung werden auch hier sichtbar. Um ein Beispiel zu nennen: die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Reinhold Lopatka nannte sie jüngst als zu unserer „Leitkultur“ gehörig, die sich an der „christlich-abendländischen Kultur“ orientiere.

Hart errungener „Wert“

Es ist erfreulich, dass die derzeit politischen Verantwortlichen diese Errungenschaft nicht gegen ein neues altes Patriarchat tauschen wollen. Dass die Gleichberechtigung aber fester Bestandteil der „christlich-abendländischen Kultur“ sei, ist so selbstverständlich nicht, sie ist hart errungen. Der „Wert“ ist weder statisch, noch „fertig“ (die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist hierzulande längst nicht erreicht – bezüglich Entlohnung etwa herrscht immer noch himmelschreiende Ungerechtigkeit, die mit erstaunlicher Gelassenheit hingenommen wird), noch war er immer schon da.
Gerade 40 Jahre ist die gesetzliche Gleichstellung in der Ehe jung: Bis 1976 galt das Gesetz von 1811 und der Mann als „Haupt der Familie“. Und der Beitrag der katholischen Kirche zur Gleichberechtigung der Frauen ist sehr bescheiden. Zwar treten schon in der Bibel starke, wichtige Frauen auf, auch bei den Mys*tikerinnen finden wir sie, allerdings wurden sie immer an den Rand gedrängt. Da ist noch viel Handlungs- und Verhandlungsbedarf.
Veränderungen beginnen oft mit einem Aufbegehren gegen den herrschenden Wertekonsens. Neu verhandelte Werte können später als eigene traditionelle Werte gepriesen werden. Denn sie sind dazu geworden. Die Gleichberechtigung etwa, die Lopatka nun als „Leitkultur“ festschreiben will, wurde unter anderem von Sozialdemokratinnen gegen eine durchaus christlich geprägte Gesellschaft erstritten. Die eigene Tradition als Überlieferung, Übersetzung, Transformation zu sehen und mit allen Widersprüchen, „Werte“ nicht wie Keulen zu schwingen, sondern immer neu zu verhandeln: Das könnte helfen, den Raum der Polarität zu verlassen, dieses Rechenzentrum, in dem der binäre Code herrscht, der Differenzierungen verbietet.


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