ro ro

Themen-Optionen Ansicht

37/2016 - Selbstbestimmter Umgang
  #1  
Ungelesen , 10:15
Selbstbestimmter Umgang

Nüchtern betrachtet: Medien sind Teil des Lebens – das ist weder gut noch schlecht, das ist einfach so.


| Von Golli Marboe

Nach Studien der Universität Wien verbringt ein Vierzehnjähriger zirka 7,5 Stunden täglich aktiv mit seinem Handy, dazu schaut der durchschnittliche Österreicher beinahe vier Stunden pro Tag fern, am Weg zur Arbeit hört man Radio oder liest in den öffentlichen Verkehrsmitteln eine der kleinformatigen Gratiszeitungen. Medien
prägen den Alltag – und wider besseres Wissen fühlt sich für viele der Umgang mit Handy, Zeitung oder Internet immer noch wie ein Teil eines anderen Lebens aus einer virtuellen Welt an. Es ist daher notwendig, den Umgang mit Medien nicht mehr als Paralleluniversum, sondern als integralen und unumkehrbaren Teil des Lebens zu verstehen. Und es geht um die Frage, wie und vor allem wann es zu schaffen ist, einen selbstbestimmten Umgang damit zu pflegen?
Vielleicht kennt der eine oder andere das Gefühl, wie unsicher man ist, wenn man gebeten wurde, in der Messe eine der Fürbitten zu formulieren. Man denkt dann viel darüber nach, was man anderen Kirchenbesuchern wirklich von sich preisgeben möchte. Oft werden dann allgemeine Floskeln formuliert, und man bittet – frei nach Sandra Bullocks Ausspruch im Film „Miss Undercover“ – einfach um Weltfrieden.

Die Fantasielosigkeit der User(innen)

Aber jetzt im Netz ist es wohl einer allgemeinen Fantasielosigkeit geschuldet, die dieses natürliche Schamgefühl so oft durcheinander bringt. Denn wenn wir eine Nachricht ins Netz stellen, dann fehlt der Augenkontakt zum Vis-à-vis. Wir fühlen uns so, als ob uns eh keiner sieht bei dem, was wir tun.
Problematisch wird das schnell, wenn Kinder sich in ihrer Schulklassen-App über den Außenseiter der Klasse lustig machen. Dann mag das an früher erinnern – weil es ja immer schon in jeder Klasse einen Außenseiter gab; aber über den ist die Häme nicht in einem Schwall ergossen worden, wie das heute elektronisch viel zu häufig der Fall ist.
Und wenn es stimmt, dass in Österreich die Hälfte aller Zehn- bis Vierzehnjährigen schon intime Fotos von sich an Freunde verschickt hat, ist zu sehen, wo die Gefahren der Entwicklung liegen. Denn jeder kann sich lebhaft vorstellen, was mit solchen Bildern passiert, sobald diese Beziehungen, in denen man sich derartige Beweise der Liebe geschickt hat, auseinanderbrechen: Dann werden diese Fotos sehr schnell Bestandteil der öffentlich zugänglichen Plattformen.
Nur wenn schon in der Schule und in der Familie ein vorsichtiger Umgang im öffentlichen Teilen von persönlichen Fotos erlernt wird, sind Phänomene wie Sexting, wie das neudeutsche Wort für private Online-Sex-Kommunikation heißt, einzudämmen. Denn, was von einem selber im Netz zu finden ist, kann man zu einem beträchtlichen Maße (immer noch) selbst bestimmen!

Intelligente Suche nach Information

Ähnlich sollte es sich mit der Suche nach Informationen verhalten. Auch da sollte man als User zu gestalten versuchen, obwohl die im Hintergrund der Suchprogramme eingesetzten Algorithmen einzig und allein dem Ziel dienen, die Verweildauer auf den Seiten – und damit den Konsum der dort platzierten Werbung – möglichst lange auszudehnen. Wer kennt das nicht: Wenn man sich einmal nach einer Gleitsichtbrille erkundigt hat, wird man noch Wochen später Angebote dazu vorgelegt bekommen …
Hier gilt es, konsequent immer wieder untypisch zu handeln. Etwa indem man ab und zu nach Dingen sucht, die überhaupt nichts mit den eigenen Interessen zu tun haben. Durch eine derartige „Irreführung“ der Algorithmen kann sich ein User neue Welten eröffnen, auf die er sonst nie gestoßen wäre. Auf diese Weise führt das Netz dann zu einer Erweiterung des eigenen Horizontes statt zu einer Verengung durch immer mehr vom Gleichen.
Suchmaschinen mag man also in gewisser Weise überlisten können, aber wie ist das mit freiwillig gewählten Communitys in Sozialen Medien? Es entspricht einer ganz normalen Sehnsucht des Menschen, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben. Man tauscht sich also zu gewissen Themen mit Freunden und ähnlich Denkenden aus – und ohne dass man sich dessen klar wird, entstehen Echoräume. Dort bekommen die User nur mehr das zurück, was sie hineingeschickt haben.
Irgendwann weiß man sich dann auch in der Mehrheit. Denn subjektiv wahrgenommen erhält man den ganzen Tag Zustimmung zu dem, was man selbst glauben möchte. Keine anderen Positionen kommen noch an einen heran. Derartige Echoräume führen zu Radikalisierung und Intoleranz – wie geschehen beispielsweise bei dem IS nahe stehenden Gruppen oder der Pegida-Bewegung in Deutschland.
Der Reiz der Social Media lag ursprünglich nicht zuletzt darin, alte Freunde aus früheren Zeiten oder in weit entfernten Ländern wieder zu finden und den Kontakt lebendig zu halten. Die immer brisanter werdende Frage dazu lautet heute: Folgen wir im alltäglichen Gebrauch der Sozialen Medien tatsächlich noch diesen Wurzeln, oder tauschen wir eigentlich nur Belangloses aus?
Ähnlich verhält es sich, als vor einigen Jahren bei den Online-Fassungen der Zeitungen die Möglichkeit geboten wurde, zu einem Artikel im Anhang auch persönliche Statements zu posten. Viele hofften da auf eine unglaubliche Demokratisierung der Gesellschaft. Man dachte, dass damit in der Öffentlichkeit und in einer Qualitätszeitung ein ergänzender, differenzierter und interessanter Dialog zu den angerissenen Themen entstehen würde.
Doch es kam anders: Postings, in welchen Zeitungen auch immer, dienen in der Regel nur mehr der Beschimpfung des jeweils anders Denkenden. Noch krasser stellen sich solche Phänomene dar, wenn diese in Hasspostings und so genannten „Shitstorms“ gipfeln.
Ursprünglich dachte man außerdem, dass die freie Meinungsäußerung im Netz einen Hauch von direkter Demokratie in sich trage. Aber ein „Shitstorm“ ist und bleibt zutiefst undemokratisch: Es fehlt das Prinzip des „audiatur altera pars“, also auch die Gegenseite zu hören, und in den seltensten Fällen kann man den Urheber einer solchen Verunglimpfung überhaupt erkennen.
Die größte Qualität der Demokratie besteht darin, dass sich eine Minderheit sicher fühlen kann. Die Aufgeregtheit und der Gruppendruck, der über Plattformen im Netz hergestellt werden kann, nimmt aber auf Minderheiten keine Rücksicht.
Wie kann man diesen Phänomenen begegnen, um nicht ungewollt selbst Teil einer populistischen Kampagne zu werden? Vier wesentliche Punkte seien dazu genannt:
• Erstens, wozu gibt es Nicknames, also Aliasnamen, unter denen ein User seine Postings verfasst? Wenn man seine Meinung öffentlich kund tun möchte, dann soll man das doch unter dem eigenen Namen tun. Warum gibt es dieses eigenartige Versteckspiel hinter Nicknames überhaupt? Würden Sie im Büro oder wenn Sie jemandem persönlich vorgestellt werden, einen anderen Namen sagen als ihren tatsächlichen? Diese Kultur der Nicknames ist gleichzeitig ein Indiz dafür, dass die Aktivitäten im Netz immer noch als eine Art Paralleluniversum zum tatsächlichen Leben angesehen werden. Was aber nicht stimmt. Es wäre wichtig, das Netz als einen ganz selbstverständlichen Teil des Alltags zu verstehen und sich hier wie dort genauso zu bewegen und zu geben
• Zweitens, warum gibt es Postings, wenn es doch Journalisten gibt? Ein Journalist macht sich kundig, um den Mediennutzern einen differenzierten Inhalt bestmöglich zu erläutern. Postings in Online-Zeitungen sind dem gegenüber ungefähr so obsolet, wie das die Leserbriefe in der Kronen Zeitung immer schon waren.
• Drittens sollte man Kampagnen in Social Media-Foren nicht einfach weiterleiten und stattdessen Screenshots von Hasspostings erstellen, um diese gegebenfalls belegen zu können.
• Denn viertens, wenn man mitbekommt, dass jemand im Netz persönlich attackiert wird, dann kann man sich mit der verunglimpften Person öffentlich solidarisieren. Dabei muss immer wieder darauf hingewiesen werden, dass es bei gemobbten Klassenaußenseitern, aber selbst bei ehemaligen
Finanzministern um Menschen geht, die nicht nur selbst Gefühle und Würde, sondern eben auch ein Umfeld mit Verwandten und Kindern besitzen.

Gewaltenteilung nicht aufheben


Bevor man jemanden im Netz beschimpft, könnte man doch kurz inne halten und überlegen, ob man möchte, dass die Tochter oder der Sohn der attackierten Person dann mit den Bashings gegen die eigenen Eltern konfrontiert werden.
Und: Auch im Netz darf die Gewaltenteilung nicht aufgehoben werden. User
und/oder Poster sind keine Ankläger und Richter in einer Person!
Gerade im Netz sollten wir im Umgang mit Berichterstattung auf Fachleute vertrauen: auf die Arbeit von Journalisten, die ein Thema eben ohne Verschwörungstheorien und ohne Hasspostings darstellen und für uns User entsprechend aufbereiten.
Jeden Tag neu liegt es an uns, zu entscheiden, ob wir das Netz als eine Quelle unendlicher Informationen aus aller Welt und damit als Bereicherung verwenden, oder ob wir uns von den Algorithmen der Anbieter in immer engere Räume des immer Gleichen zurückdrängen lassen.


| Der Autor war viele Jahre TV-Produzent und ist heute u. a. Obmann des Vereins VsUM – des Vereins zur Förderung eines selbstbestimmten Umgangs mit Medien. |

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  19:37:46 07.19.2005