ro ro

Themen-Optionen Ansicht

37/2016 - Jagdfieber nach Taschen-Monstern
  #1  
Ungelesen , 10:45
Jagdfieber nach Taschen-Monstern

Das Suchspiel „Pokémon Go“ avancierte zu einem medialen Aufreger dieses Sommers. Ein Beispiel für „Augmented Reality“ –„erweiterte Realität“, an die wir uns ebenso gewöhnen werden wie an die drahtlose Telekommunikation per Handy & Co.

| Von Michael Kraßnitzer

Das Biest hat enorme Schneidezähne, lange Barthaare und ein lila Fell. Seine roten Augen stieren angriffslustig und es schwankt hin und her als ob es schwer atmen würde: Rattfratz, so heißt das nagetierartige Wesen, sieht aus wie eine Zeichentrickfigur. Doch statt auf einem Bildschirm oder einer Leinwand hockt es mitten in der Stadt auf dem Trottoir, neben einer achtlos weggeworfenen Gratiszeitung am Fuß eines Halteverbotsschildes – zumindest wenn man dieses Straßenstück durch die Kamera des Smartphones betrachtet. Nun schnell über den Bildschirm gewischt und einen virtuellen Ball auf die Kreatur geworfen – und schon hat man ein Pokémon gefangen. Hurra!

Virtuelle Kampfstätten

Ein echter Pokémon-Aficionado kann über diesen ersten Jagderfolg nur milde lächeln. Denn seit vor nunmehr zwei Monaten das Spiel Pokémon Go veröffentlicht wurde, liegen viele Jugendliche in einem wahren Pokémon-Fieber. Auf ihr Smartphone starrend, durchkämmen sie Straßen, Plätze, Parks, Wiesen und Wälder auf der Suche nach den kleinen Taschenmonstern (Pokémon steht für „pocket monsters“) und treffen an neuralgischen Punkten in Scharen zusammen. Sinn des Spieles ist es, so viele der 151 verschiedenen Kreaturen wie möglich einzufangen, sie zu trainieren und schließlich in sogenannten Arenen gegeneinander antreten zu lassen. Diese virtuellen Kampfstätten befinden sich oft an historischen Gebäuden, Denkmälern oder sonstwie besonderen Orten.
Pokémon Go ist eine besonders avancierte Form der sogenannten erweiterten Realität (augmented reality), also der Ergänzung von bewegten Bildern mit virtuellen Objekten. Ganz simple Formen davon werden bei Übertragungen von Sportveranstaltungen eingesetzt: Beim Fußball etwa der Kreis, der bei einem Freistoß die von den Spielern einzuhaltende Distanz anzeigt, oder beim Skispringen die rote Linie, die eine zu erreichende Weite markiert. Bereits zu Beginn der Nullerjahre entwickelte die britische Künstlergruppe Blast Theory das Spiel „Can You See Me Now?“, das für die Teilnehmer eine virtuelle Schicht über die Stadt legte, damals noch mit tragbaren Kleincomputern und über Satellitentelefon. Dafür bekamen sie 2004 die Goldene Nica des Prix Ars Electronica.
Doch Pokémon Go katapultiert die Verbindung der digitalen Welt mit der realen Welt in eine neue Dimension: „Mit Pokémon Go ist ein medientechnisches Phänomen in der breiten gesellschaftlichen Realität angekommen“, analysiert Gerfried Stocker, der Leiter der Ars Electronica, „es ist gewissermaßen aus der Zukunft, für die wir solche Szenarien lange hielten, in unserem Alltag gelandet“.
Natürlich ist Pokémon Go auch ein Mega-Hype, der die üblichen kuriosen Geschichten mit sich bringt. In Wyoming fand ein Teenager auf der Suche nach Taschenmonstern eine Wasserleiche, in Missouri lockten Räuber nach Pokémons suchende Jugendliche in einen Hinterhalt, um ihnen Geld und Smartphones abzunehmen. In Deutschland verirrten sich bei der Monstersuche drei Teenager auf einen Truppenübungsplatz, auf dem scharf geschossen wurde. Ein Texaner, der auf Facebook ironisch ankündigte, mit einer Paintball-Waffe Jagd auf Pokémon-Spieler machen zu wollen, wurde als Terrorist hopsgenommen. Eine andere Texanerin wurde dadurch bekannt, dass sie Pokémon-Figuren mit Liebe in jeder Masche selbst strickt und in der Realität aussetzt.

Wenn die Spielwelt an sensible Orte gerät

Problematisch wird es, wenn sich die virtuelle Spielwelt über sensible Orte legt. Das ehemalige NS-Vernichtungslager Auschwitz, das Holocaust-Museum in Washington und auch das Holocaust-Mahnmal in Berlin ersuchten die Betreiber, das US-Softwareunternehmen Niantic, sie aus dem Spiel zu entfernen, so dass sich dort niemand auf Pokémon-Jagd begeben kann.
In der steirischen Landeshauptstadt kam es zu Aufregungen, weil im Grazer Zentralfriedhof am Internationalen Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus eine Pokémon-Arena eingerichtet wurde. Die Friedhofsverwaltung sah allerdings keinen Grund zum Einschreiten, solange sich die Spieler taktvoll verhielten. Auch die Friedhöfe Wien verkündeten, nichts gegen Pokémon-Spieler zu haben, so sich diese pietätvoll benehmen. Toni Faber, Dompfarrer von St. Stephan zu Wien, verkündete, es sei nicht angebracht, in der Kirche Pokémon zu spielen. Andere Religionsgemeinschaften sehen das lockerer: Die anglikanische Kirche rief dazu auf, Spieler in den Kirchen zu dulden, weil auf diese Weise auch religionsferne Menschen Gotteshäuser aufsuchten. „Jesus hat Pokémon-Spieler gerne“ steht auf einem Schild vor einer Methodistenkirche in Birmingham.

Auch kommerzielle Interessen

Einige islamische Länder kennen hingegen kein Pardon: In Saudi-Arabien wurde Pokémon Go verboten, weil es subtil Werbung für die Evolutionstheorie mache und jüdische Symbolik beinhalte. Auch der Iran und Malaysia sprachen ein Verbot aus, offiziell aus Sicherheitsgründen.
Wie bei jedem Hype lassen sich natürlich auch hier handfeste kommerzielle Interessen festmachen. Die App selbst ist zwar gratis, aber Niantic verdient sich eine goldene Nase daran, dass Spieler bestimmte Gegenstände und Tränke, mit denen sie frisch gefangene oder verletzte Pokémons aufpäppeln können, lieber käuflich erwerben statt sie mühsam einzusammeln. Andere Firmen wiederum richteten bei sich sogenannte Pokéstops ein, also virtuelle Orte an denen Gegenstände und Tränke frei erhältlich sind, um die Spieler anzulocken. In den USA bewerben Hotels ihre Zimmer damit, dass sich Pokéstops in der Nähe befinden. Dass der Hersteller auch aus den Informationen, die er von den Spielern gewinnt, – zum Beispiel Bewegungsdaten – irgendeinen Profit schlagen wird, liegt auf der Hand.
Pokémon Go hat wie jeder Hype dieser Größe auch Eingang in kulturtheoretische Diskurse gefunden. Städteplaner etwa freuen sich über die Aufwertung des öffentlichen Raumes und die Neuentdeckung der Stadt durch die Pokémon-Spieler. Auf diese Weise sei es möglich, die Wege der Stadtbenutzer in neue Bahnen zu lenken. In Frankfurt etwa hat ein Pokéstop einer bislang kaum beachteten Gedenktafel für eine von den Nazis zerstörte Synagoge zu jäher Bekanntheit verholfen. In den USA ist sogar eine Rassismus-Diskussion ausgebrochen, weil es in Stadtvierteln, in denen hauptsächlich Afroamerikaner leben, weniger Pokémons und vor allem Pokéstops gibt als anderswo, und die dortige Bevölkerung daher diskriminiert werde. Klar: In armen Gegenden gibt es weniger Pokéstop-geeignete Sehenswürdigkeiten – und arm bedeutet in den USA oft afroamerikanisch. Tatsache jedenfalls ist, dass sich in einkommensschwachen Regionen und am Land deutlich weniger Pokémons und Pokéstops finden als in wohlhabenden Stadtvierteln und in Großstädten.
Pokémon Go führt auch eine Entwicklung vor Augen, deren Tragweite nicht zu unterschätzen ist: nämlich dass das Smartphone immer mehr Funktionen übernimmt. Es ist ja längst nicht nur Telefon, Fernsehapparat und Walkman in einem, es kann auch – um nur drei von unzähligen Möglichkeiten zu nennen – als Taschenlampe, Schminkspiegel oder Gitarrenstimmgerät verwendet werden. Nun bereitet es auch noch der Spielkonsole ernsthafte Konkurrenz, weil es nicht auf einen Bildschirm beschränkt ist, sondern die ganze Welt zu seiner Spielwiese macht.
An das werden wir uns bald gewöhnt haben. „Genauso spektakulär wie es einst war, drahtlos von überall miteinander zu sprechen, und genauso selbstverständlich und achtlos wie wir die HighTech-Computer in unseren Hand- und Hosentaschen heute als alltägliche Normalität sehen, wird uns diese Augmented Reality bald selbstverständlich vorkommen“, ist Stocker überzeugt. Aber er sieht auch die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden sein werden: „Die Werbeindustrie träumt schon seit einiger Zeit davon, auch die virtuelle Welt mit Plakaten, Gutscheinen und ähnlichem Müll vollzukleistern.“

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  12:07:15 07.16.2005