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38/2016 - Job-Traum und Wirklichkeit
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Ungelesen , 08:06
Job-Traum und Wirklichkeit

30 Arbeitsplätze in einem Jahr: Ein Selbstexperiment zeigt, wie Suchende sich selbst konfrontieren –
und dabei lernen können.


| Von Jannike Stöhr

Wie viel Geld müsste ich Ihnen zahlen, damit Sie heute nicht zur Arbeit gehen? So viel, wie Sie verdienen, wenn Sie hingehen würden? Mehr, oder könnte ich Sie schon mit weniger Geld überzeugen? Auf der Suche nach meinem Traumjob begleitete ich dreißig Menschen, von denen ich jedem eine Menge hätte zahlen müssen, um sie von ihrer Arbeit abzuhalten. Denn jeder von ihnen liebte den Job, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdiente. So ein Mensch wollte ich auch sein. Nicht mehr arbeiten, sondern leben und für das, was ich ohnehin gern tue und gut kann, auch noch bezahlt werden. Das war meine Idealvorstellung.
Nur was tue ich eigentlich wirklich gern und was kann ich richtig gut? Und wie stellt man es an, einen dazugehörigen Job zu finden? Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten, gibt es wie Marmeladensorten im Supermarkt. Nur welche Wahl ist die Richtige?
„Erst handeln, dann denken“ las ich in einem Ratgeber. Einfach ausprobieren, wie es schmeckt, anstatt grübelnd vor dem Marmeladenregal stehen zu bleiben. Immer wieder fällt mir aber auf, dass Menschen genau das tun und in Jobs oder Umständen verharren, die sie unglücklich machen. Auch mir erging es noch vor einiger Zeit so. Wie so viele wartete ich auf die perfekte Lösung. Ich grübelte und grübelte, aber klarer wurde mir dabei nichts. Erst später begriff ich, dass ich allein durch Denken die perfekte Lösung nicht finden kann.
Die Krebserkrankung meines Vaters wurde zu einem Wendepunkt in meinem Leben. Das Leben ist endlich, wurde mir bewusst. Ich muss etwas tun, erst handeln, dann denken. Ich verließ meinen Job, löste meine Wohnung auf, verkaufte weite Teile meines Eigentums und machte mich auf die Suche nach des Rätsels Lösung: Was kann ich richtig gut, was tue ich wirklich gern und wie finde ich den passenden Job dazu? Ein Jahr lang begleitete ich also Menschen, die ihren Traumjob bereits gefunden hatten. Je eine Woche arbeitete ich unter anderem als Erzieherin, Biobäuerin, als Architektin, Pathologin, Politikerin und Hebamme.

Motivation und Verunsicherung

Ich bin hochmotiviert und freue mich riesig. Bis zur Eingangstür der KiTa. Die stellt sich als mein erstes größeres Hindernis heraus, gleich gefolgt von dem Kindergitter vor der Treppe. Beides kann ich ohne fremde Hilfe nicht überwinden. Vielleicht wäre ich doch besser zu Hause geblieben.
Eine Mutter öffnet die Tür. Kurze Zeit später finde ich mich im Gruppenraum meiner zugewiesenen Sonnenblumengruppe wieder. Ruckzuck rennen elf schreiende Kinder im Alter von eins bis drei quer durch den Raum und wieder zurück. Es ist laut und schnell gibt es die erste Schreierei. Julia hat geschubst! Was nun? Soll ich das schubsende Kind zurechtweisen, das heulende in den Arm nehmen? Leons Nase läuft. Die Schnötte wischt er sich mit einer gekonnten Handbewegung bis zur Schläfe.
Nach dem ersten Kennenlernen geht es nach draußen. „Sophie hat eine Schnecke gefunden. Passen Sie bitte auf, dass die Schnecke nicht in der Hosentasche landet?“ Na klar, meine Aufmerksamkeit gilt ab jetzt zusätzlich der Schnecke. Die zwei im Garten befindlichen Pfützen habe ich unterschätzt. Sie reichen aus, um nach einer Stunde elf von Kopf bis Fuß matschige Kinder sauber machen zu können.
Nach anfänglichen Berührungsängsten läuft es gegen Mittag recht rund. Paul greift mit der Hand in den Kartoffelbrei und streckt sie mir grinsend entgegen in Richtung Mund. „Da!“. Ich bin nicht hungrig, nehme das Geschenk aber an. Ich möchte nicht unhöflich sein. Nach dem Mittag wird geschlafen. Die Betreuer kraulen die Kinder im Schlafraum in den Schlaf. Gefährliche Situation für mich, in drei von vier Mittagspausen schlafen 11 Kinder und eine Erwachsene. Der KiTa-Alltag ist aber auch anstrengend. Einen unkonzentrierten Augenblick kann man sich kaum leisten.
Die KiTa-Leiterin beschäftigt sich für einen Vortrag, den sie halten soll, mit der Frage: „Was verstehen wir unter Familie?“. Die Mitarbeiter dieser KiTa verstehen sich selbst als Teil der Familie des Kindes. In erster Linie geht es dabei um Beziehungsaufbau, nicht um das Ersetzen der Eltern. Es geht um ein Vertrauensverhältnis zwischen Kind und Erzieherin, in dem alle Probleme gelöst werden können, ohne dass es vieler Tränen bedarf.
Das stelle ich sowieso fest. In den Arm nehmen hilft immer. Die ersten erfolgreich getrockneten Tränen machen mich schon ein wenig stolz. Die ersten ausgestreckten Arme auch. Mit den Tagen finde ich mich besser zurecht. „Jannike, Sie werden ja immer freier!“, ruft mir die KiTa-Leiterin zu, die gerade den Raum betritt. Ich finde mich – ein wenig über mich selbst erschrocken – auf allen vieren krabbelnd und bellend auf dem Fußboden wieder, Nathalie steht kichernd vor mir. Nach Feierabend bin ich erschöpft. Mir tut alles weh. Meine Kleider sind vollgespuckt, vollgeschnöttet und einmal sogar vollgepinkelt. Trotz der Anstrengung verstehe ich, warum dieser Beruf ein Traumjob sein kann. Man bekommt viel zurück.

Sich selbst ausprobieren

Das wichtigste Kriterium auf meiner Traumjob-Suche war, dass ich nur Menschen begleitet habe, die ihrem Job leidenschaftlich nachgingen. Durch ihren Blickwinkel betrachtet, war jeder Job ein Traumjob. Mal mehr, mal weniger passend für mich. Viele meiner Vorurteile konnte ich ausräumen. Heute weiß ich zum Beispiel, dass Pathologen keine Mordopfer obduzieren, das tun nämlich die Gerichtsmediziner. Pathologen obduzieren nur zu circa zehn Prozent ihrer Arbeitszeit Leichen, den Großteil ihrer Zeit kümmern sie sich um Gewebeproben von lebenden Menschen.
Auch über mich selbst habe ich vieles in meinem Experiment gelernt. Die Schranken, die ich in meinem Kopf hatte und die nur einen Bruchteil des Möglichen als Optionen für mich zuließen, konnte ich weitestgehend abbauen. Wo ich mir selbst früher noch einredete: „Das kannst du nicht machen, das kannst du dir nicht leisten, das wird wahrscheinlich nicht funktionieren“, sage ich mir heute: „Probiere es aus!“.
Während ich vor dem Beginn meines Experiments noch davon überzeugt war, dass ich hinterher meinen Traumjob gefunden haben würde und Architektin oder Lehrerin werden würde, ist meine Auffassung von erfüllender Arbeit heute eine andere. Die gute Nachricht: Es gibt nicht nur einen Job, der uns erfüllen kann. Die Kombination aus Dingen, die uns liegen, Freude bereiten und uns wichtig sind, lassen mehrere Optionen zu. Vielleicht erfüllt uns die Kombination aus Teilzeit-Assistenz und dem eigenen Catering-Service. Oder der Job, der uns über Jahre Freude bereitet hat, tut es heute nicht mehr und es wird Zeit für eine berufliche Veränderung, Zeit für den nächsten Traumjob.
Wir haben so vieles in uns, das wir nicht kennen, weil das enge Gerüst aus Verpflichtungen und die Vorstellung einer perfekten Lösung uns davon abhält, uns auszuprobieren und kennenzulernen. Doch die Suche nach einer erfüllenden Arbeit lohnt sich. Wer einmal im Flow war, in dem wir unser Potenzial ausschöpfen können, der weiß, was für positive Energien freigesetzt werden, die wir für weit mehr als nur die Arbeit einsetzen können.
Die Suche kann schon im Kleinen anfangen. Ob wir uns im Ehrenamt ausprobieren oder Freunden Dienstleistungen zur Verfügung stellen, mit denen wir beruflich liebäugeln. Ob wir ein Praktikum machen oder Menschen interviewen, die einen Beruf haben, der uns imponiert. Mit jedem Schritt kommen wir einem erfüllenden Job näher, öffnen die Schranken im Kopf ein Stück mehr und entdecken neue Facetten von uns selbst. Und, wie viel müsste ich Ihnen zahlen? Verraten Sie es mir auf www.talk-to-me.

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  14:52:14 07.15.2005