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40/2016 - Der Jakob der Neuzeit
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Ungelesen , 09:41
Der Jakob der Neuzeit

Was bedeutet „Glaube“ und „Gott“ heute? Ist nur der „Wille zum Glauben“ geblieben – oder nicht einmal der? Anmerkungen zu „Gott und Welt“.

| Von Rudolf Mitlöhner

In ihrem Aufsatz „Theologie nach dem Tode Gottes“ (1964) entwirft die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929–2003) ein bis heute faszinierendes Bild des modernen Menschen in seinem Verhältnis zu Gott. Sie interpretiert die alttestamentliche Geschichte von Jakobs Kampf mit Gott (Gen 32,23 ff.) als Gleichnis für das Ringen des „aufgeklärten“, aus vermeintlich sicheren, selbstverständlichen Glaubensgewissheiten gefallenen Zeitgenossen mit dem übermächtigen Unbekannten: „Denn hier […] ringt der Jakob der Neuzeit mit dem Engel: hier […] lässt der historisch-kritische Verstand nicht los, ‚du segnest mich denn‘.“ Seither „hinkt die Theologie […], geschlagen mit Bewusstsein“.
Jakob, der erst durch den nächtlichen Ringkampf mit dem fremden Mann, der sich letztendlich als Gott erweist, gewissermaßen zu sich kommt, zu dem wird, der er sein soll, erscheint hier also als Archetyp. Er lässt den Fremden nicht los, bevor er ihn nicht segne. Als der, der mit Gott „gestritten“ hat, wird er zu „Israel (Gottesstreiter)“ (32,29). Solch erbittertes Ringen – es geht dabei um nicht weniger als ums Ganze, also um alles – bleibt freilich nicht folgenlos: Im Kampf erhält Jakob einen Schlag aufs Hüftgelenk, seitdem hinkt er. Nochmals mit Sölle gesprochen: der „Segen“ des Bewusstseins ist nicht umsonst, nicht schmerzfrei zu haben.

Zwischen Immanenz und Transzendenz


Um die Möglichkeiten einer „Theologie“, also eines Redens von Gott nach dem „Tode Gottes“ ging es auch beim diesjährigen Philosophicum Lech. Selbst einem strikt säkularen Denker wie Konrad Paul Liessmann, der sich im FURCHE-Interview als „Agnostiker“ bzw. „Ungläubiger“ definiert hatte (Nr. 38, S. 22), gilt „Gott und die Welt“ als „präziseste Formel dafür, was wirklich das Spannungsfeld der menschlichen Existenz ausmacht: die Dualität zwischen Immanenz und Transzendenz“.
In diesem „Spannungsfeld“ muss man sich freilich nicht als Ringender verstehen, geschweige denn als einer, der nicht loslässt, bevor er nicht gesegnet wird. Im Extremfall dreht man den Spieß sogar einfach um, wie Markus Gabriel: Ihm ist schon die Vorstellung einer „Welt“ als Totalität suspekt – weswegen sich die Frage nach Gott als deren Gegenüber für ihn erst gar nicht stellt: „Wenn es die Welt nicht gibt, kann es dann Gott geben?“ fragte er keck.

Der Umweg zum Menschen über Gott

Einer, auf den das Bild vom „Jakob der Neuzeit“ indes gut passt, ist Rüdiger Safranski (siehe Seite 6). Er hat schon beim ersten Philosophicum, 1997, referiert und dort einen Gedanken vorgetragen, der dieses Jahr wiederkehrte: „Wenn man aufhört, an Gott zu glauben, bleibt nichts anderes mehr übrig, als an den Menschen zu glauben. Dabei kann man allerdings die überraschende Entdeckung machen, dass der Glaube an den Menschen womöglich leichter war, als man noch den Umweg über Gott nahm.“ Damals sprach er über das Böse und das „Drama der Freiheit“, diesmal lautete der programmatische Titel „Der Wille zum Glauben“.
Dieser sei „ein Phänomen der aufgeklärten Spätzeit, in der die religiösen Lichter einfach ausgehen und dem raffinierter gewordenen und von seiner eigenen Aufgeklärtheit überanstrengten Bewusstsein nicht mehr der Glaube sondern nur noch der Wille zum Glauben bleibt“.
Safranski plädiert nicht einfach für eine Rückkehr zum Glauben, für eine Entsäkularisierung – aber er sieht ganz klar die Leerstellen, welche die Säkularisierung hinterlassen hat. Er spürt, dass mit der „religiösen Restwärme“ auch eine gewisse „Strahlkraft“ verloren gegangen ist und eine „Eindimensionalisierung“ kommt. Ganz lapidar sein Befund: „Am Ende der Säkularisierung droht die Platzangst.“ Sein Vorschlag: den „Umweg über Gott“ zumindest offenhalten, nicht den direkten Weg als den einzig gangbaren erklären, den „Fuß in der Tür behalten“, wie er es auch ausdrückt. Karl Rahner würde Safranski vielleicht einen anonymen Christen nennen. Und, wer weiß, vielleicht gefiele das Safranski nicht einmal so schlecht.

Ein vernünftiges Ganzes?

Freilich ist Safranski mit solchen Positionen im gegenwärtigen philosophischen Diskurs – und auch bei diesem Philosophicum – eine recht einsame Stimme. Expliziter noch (oder noch weniger „anonym“) argumentierte indes Holm Tetens (siehe Interview Seite 4/5). Er formulierte gleichsam die Gegenfrage zu Markus Gabriel mit einem Hegel-Zitat: „Was wäre denn sonst der Mühe wert zu begreifen, wenn Gott unbegreiflich ist?“ In seinen eigenen Worten: „Lässt sich die Welt und die Stellung von uns Menschen in der Welt ohne Gott als ein vernünftiges Ganzes denken und begreifen?“
Bis Hegel sei diese Frage von der großen Mehrheit der Philosophen negativ beantwortet worden – seitdem habe sich „der Wind des Zeitgeistes immer schneller zu drehen“ begonnen. Was bedeutet, dass nicht nur die Antwort auf die Frage heute mehrheitlich positiv ausfällt, sondern, mehr noch, viele die Sinnhaftigkeit der Frage an sich negieren würden. Tetens selbst ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht zu Letzteren zählt. Vielmehr hält er die Frage für unaufgebbar, es sei denn um den Preis einer Art Selbstrestriktion der Philosophie, die ihm wohl intellektuell unredlich erschiene. Und er ist zudem überzeugt, dass es Vernunftgründe gibt, diese Frage negativ zu beantworten: Dass es also auch heute nicht unvernünftig ist, die Welt im Lichte Gottes zu betrachten, „Gott und die Welt“ zusammenzudenken.

Klare Abgrenzung, aber keine Trennung

In der Tat hat ja insbesondere in der christlichen Theologie das Verhältnis von Glaube und Vernunft stets eine große Rolle gespielt. Ganz profan und unphilosophisch gesagt: Die Erfolgsstory des Christentums wäre wohl nicht möglich gewesen ohne die lebendige Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen der jeweiligen Zeit, ohne die Befruchtung durch je aktuelle philosophische und auch humanwissenschaftliche Erkenntnisse (selbst wenn diese vielfach von der Kirche abgelehnt wurden bzw. sich erst gegen deren Lehre durchsetzen mussten).
Kein Zurück kann es freilich zu jedweder Form von Kurzschließung zwischen Denken und Glauben, zwischen Philosophie und Theologie, zwischen Vernunft und Religion geben. Das machte auch Tetens ganz klar. Es wäre im übrigen auch nicht im Sinne der Religion. Von der klaren Abgrenzung der Sphären profitieren beide. Wobei eben Trennung nicht unüberbrückbare Distanz bedeuten muss. Möglicherweise ließe sich dieses Verhältnis mit der (alten theologischen) Formel von „unvermischt und ungetrennt“ vorsichtig annähernd beschreiben …
Es scheint jedenfalls, als ließe auch der Jakob des 21. Jahrhunderts seinen „Engel“ nicht los – die Sehnsucht nach „Segen“ lässt in einer vielfach als gnadenlos erlebten Zeit nicht nach; hinkend sind wir allemal unterwegs.


21. Philosophicum Lech
20. bis 24. September 2017
„Mut zur Faulheit. Die Arbeit und ihr Schicksal“
Online-Anmeldung ab 3. April 2017
www.philosophicum.com

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