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40/2016 - Die Ratio des Glaubens
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Ungelesen , 09:49
Die Ratio des Glaubens

Der Philosoph Holm Tetens hält die Frage nach Gott auch philosophisch für keineswegs obsolet und plädiert für die prinzipielle Vernünftigkeit religiöser, zumal christlicher Glaubensinhalte.

| Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner

Holm Tetens, emeritierter Professor für Theoretische Philosophie an der Freien Universität Berlin, über die getrennten Sphären von Denken und Glauben, die für ihn dennoch wesentlich aufeinander bezogen sind.

DIE FURCHE: Ist die Gottesfrage für die Philosophie überhaupt noch ein Thema?
Holm Tetens: Es stimmt sicher, dass „Gott“ für den Großteil der Philosophen keine ernsthafte Frage mehr ist. Aber in der Philosophie zählt ja nicht der Zeitgeist, sondern das gute Argument – und wenn man nach den guten Argumenten fragt, so kehren im Grunde genommen alle philosophischen Positionen irgendwann wieder zurück. Es gibt keine Themen und keine Fragestellungen in der Philosophie, die ein für alle Mal erledigt wären. Insbesondere hat sich die Gottesfrage, die die Philosophie so stark beschäftigt hat, nicht erledigt – auch wenn gegenwärtig viele Philosophen sie so behandeln, als sei sie erledigt. Aber das ist meines Erachtens ein Irrtum, und insofern hat das Philosophicum Lech gut daran getan, die Gottesfrage – gerade zu seinem Jubiläum – wieder auf die Tagesordnung zu setzen.
DIE FURCHE: Für Thomas von Aquin war die Philosophie die „Magd der Theologie“ („ancilla theologiae“). Wie ließe sich denn heute, wenn überhaupt, ein Verhältnis zwischen Philosophie und Theologie bestimmen?
Tetens: Die Philosophie ist sicher nicht die „Magd“ irgendeiner anderen Disziplin. Sie hat jene Autonomie, die jede geistige Anstrengung besitzen sollte. Umso merkwürdiger ist es, dass sich manche Philosophen in eine Abhängigkeit von den empirischen Wissenschaften begeben haben, sodass man davon sprechen könnte, dass die Philosophie heute die „Magd der empirischen Wissenschaften“ ist. Das ist mindestens so problematisch wie der Ansatz von Thomas. Geschichtlich betrachtet hatte die Philosophie natürlich immer eine enge Beziehung zur Theologie, und das scheint mir auch sachlich begründet. Denn die Philosophie antwortet jedenfalls partiell auf dieselben Fragen, die sich auch die Theologie und die Religionen stellen.
DIE FURCHE: Gibt es so etwas wie eine „christliche Philosophie“? Martin Heidegger hat ja gemeint, das sei ein „hölzernes Eisen“ …
Tetens: Ich glaube, dass es eine „christliche Philosophie“ insofern gibt, als man über die Vernünftigkeit des Christentums bzw. der Inhalte des christlichen Glaubens nachdenken kann, und zwar philosophisch nachdenken kann. Es kann sie aber nicht in dem Sinne geben, dass man zunächst eine „dogmatische“ Vorentscheidung zugunsten des Christentums trifft, und danach darüber philosophiert. Denn es ist ein Verrat an der Philosophie, wenn man irgendeinen Inhalt per se und a priori als unhinterfragbar annimmt. Ich kann also nicht die christlichen Glaubensinhalte als gegeben annehmen und dann so über die Welt philosophisch nachdenken, dass ich immer im Einklang mit den zentralen Inhalten des Glaubens bleibe. Philosophie muss beispielsweise selbstverständlich auch nach dem Sinn oder Unsinn des Trinitätsdogmas fragen: Was haben wir uns vernünftigerweise unter dem Begriff eines dreieinigen Gottes vorzustellen? Das heißt nicht, dass herauskommen muss, dass die Trinitätslehre unvernünftig ist – aber es kann nicht so sein, dass ich das erst gar nicht zur Diskussion stelle. Ich kann nicht philosophische Antworten auf Fragen entwickeln, indem ich das Trinitätsdogma als Prämisse setze. Das wäre ein Dogmatismus, der mit Philosophie nichts zu tun hat. Aber noch einmal: die philosophische Reflexion über das Christentum und seine Inhalte ist jederzeit möglich. Und es kann dabei auch herauskommen – ich habe den leichten Verdacht, dass das so ist – dass sich das Christentum sehr gut rational verteidigen lässt, zumindest in seinen zentralen Inhalten, wenn auch nicht in allen Details. Ja, ich wage sogar zu sagen, dass von den drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam sich das Christentum am besten philosophisch rechtfertigen lässt. Ich halte das Christentum für die vernünftigste Version des Monotheismus.
DIE FURCHE: Glaube und Vernunft sind also kein Widerspruch …?
Tetens: Nein, keineswegs. Es war immer eine Stärke des Christentums, dass es versucht hat, eine Verbindung zwischen Denken und Glauben herzustellen. Ein Buch, welches ich – aus dem Protestantismus kommend – außerordentlich schätze, ist Joseph Ratzingers „Einführung in das Christentum“. In diesem Buch findet man ein wunderbares Nachdenken über die Synthese von griechischem Vernunftdenken, philosophischer Theologie und der spezifisch christlichen Theologie.
DIE FURCHE: Nun sagen aber viele, der Gott der Philosophen und der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs seien zwei völlig voneinander verschiedene „Dinge“ …
Tetens: Es ist sicher ein Missverständnis, wenn man meint, man müsse so glauben, dass man seinen Verstand zuvor an der Garderobe abgibt. Vielmehr geht es ja darum, sich davon zu überzeugen, dass die christlichen Gottesvorstellungen nicht irrational sind. Das wäre der Fall, wenn sich herausstellte, dass diese Vorstellungen in sich logisch widersprüchlich sind. Etwas logisch Widersprüchliches kann nicht existieren – dann wäre in der Tat der Gottesglaube irrational. In diesem Sinne ist der Gott des Glaubens letztlich der Gott der Philosophen. Das Umgekehrte gilt auch, denn wenn der Gott der Philosophen nur als Gegenstand der metaphysischen Spekulation gedacht wird, dann ist er eigentlich uninteressant. Interessant wird es erst, wenn der Gottesgedanke auch eine existenzielle Bedeutung hat.
DIE FURCHE: Aber das ist dann nicht mehr das Gebiet der Philosophie …
Tetens: … nein, das nicht, aber trotzdem kann man fragen, wie sich die christlichen Glaubensinhalte mit guten Argumenten verteidigen lassen – und zwar nicht so, als ob diese Inhalte rational deduziert werden könnten, sondern in dem Sinne, dass man fragt: Wie vernünftig ist es, in seinem Leben auf Gott zu hoffen? Das scheint mir die Grundfrage einer philosophischen Theologie zu sein. Dafür lassen sich in der Tat Vernunftgründe anführen. Damit lassen sich nicht diese Inhalte selbst beweisen, aber es lässt sich zeigen, dass es nicht unvernünftig ist, auf diese Inhalte in seinem Leben zu setzen und zu vertrauen.
DIE FURCHE: Der Skeptiker könnte jetzt sagen, das mag wohl so sein – aber was ist damit gewonnen. Umgekehrt gefragt: Was verliert die Philosophie, wenn sie die Gottesfrage ausblendet?
Tetens: Sie verliert damit Entscheidendes. Die Philosophie fragt: Wie lässt sich die Welt, unser Sein in der Welt vernünftig denken bzw. lässt es sich überhaupt vernünftig denken? Und in diesem Zusammenhang muss die Philosophie jedenfalls offen sein für die Frage, ob sich die Welt ohne Gott vernünftig denken lässt. Sie kann nicht von vornherein ausschließen, dass sich die Welt nur mit Gott als ein vernünftiges Ganzes denken lässt. Deshalb wäre es eine willkürliche Restriktion der Antwortmöglichkeiten, wenn man quasi dogmatisch von vornherein die Gottesfrage aus der Philosophie ausklammern würde – wie das heute viele Philosophen tun. Das tun sie, weil sie davon ausgehen, dass sich die Welt auch ohne Gott sinnvoll denken lässt. Aber in Wirklichkeit ist das gar nicht so klar.
DIE FURCHE: Wenn ich auch Gott als Denkmöglichkeit zulasse – wie kann ich darauf kommen, dass dieses Wesen sich für mich interessieren könnte? Nur dann wäre es ja, wie Sie gesagt haben, von existenzieller Bedeutung?
Tetens: Der sogenannte Deismus, eine Version philosophischer Theologie des 17. und 18. Jahrhunderts, geht ja davon aus, dass Gott zwar die Welt geschaffen hat, aber diese seine Schöpfung dann sich selbst überlässt. Aber das finde ich, wie bereits erwähnt, uninteressant – und das erklärt auch gar nichts. Bei Gott hingegen, wie er in der abendländischen Philosophie und Metaphysik immer gedacht worden ist, geht es um jemanden, der sich eminent für seine Schöpfung und seine Geschöpfe interessiert. Und deswegen geht es auch um ein Wesen, das mich „unbedingt angeht“, um einmal die berühmte Formulierung von Paul Tillich zu zitieren. Überdies würde ich sagen: Der Mensch steht nicht vor der Alternative Gott oder kein Gott, sondern nur vor dieser: Gott oder Götze. Dazu passt auch der Satz von Martin Luther: Woran jemand sein Herz hängt, das ist sein Gott. Auch die sogenannten Agnostiker, auch die sogenannten Atheisten haben in Wahrheit etwas, woran sie ihr Herz hängen, was für sie von unbedingter Bedeutung ist.
DIE FURCHE: Viel ist heute von einer „Rückkehr der Religion“, von einer Entsäkularisierung die Rede. Stimmen Sie dem zu?
Tetens: Da muss man sehr genau hinsehen. Ich bin ein wenig skeptisch. Die intellektuellen Eliten in den westlichen Ländern wenden sich immer stärker vom Glauben und von den Kirchen ab. Die Entplausibilisierung des Gottesgedankens und -glaubens durch Wissenschaft und Technik sowie unsere Lebensform schreitet in diesen Kreisen meines Erachtens munter fort. So gesehen sollten sich die christlichen Kirchen nicht zu früh zurücklehnen und meinen, dass die Säkularisierungsthese widerlegt sei. Ich glaube, dass sich das Christentum und die Kirchen sehr stark verändern werden – meiner Ansicht nach nicht zu ihrem Vorteil –, wenn es ihnen nicht gelingt, einen Teil der Eliten für die Sache des Glaubens zurückzugewinnen.
DIE FURCHE: Nun gibt es die Befürchtung, dass der Islam in das religiöse Vakuum der westlichen Gesellschaften vorstoßen könnte. Wie sollen „religiös erkaltete“ Gesellschaften, wie das Herfried Münkler nennt, mit dem Vordringen einer zur Überhitzung neigenden Religion umgehen?
Tetens: Wir müssen offensiv verteidigen, dass wir in einer Gesellschaft leben, deren staatliche Institutionen das Prinzip der religiösen Neutralität zu beachten und einzuhalten haben. Dass wir keine Religion dulden können und wollen, die diese Neutralität nicht akzeptiert, sondern vielmehr zu Verhältnissen zurückkehren will, wo Staat und Religion nicht getrennt sind. Auch aufgrund unserer eigenen Erfahrungen mit Religionskonflikten und -kriegen müssen wir es als absoluten Fortschritt darstellen, dass es uns gelungen ist, die religiöse und die politische Sphäre zu trennen. Umso bedrohlicher ist es, wenn eine Religion in Europa Fuß fasst, die diese Trennung nicht zu akzeptieren bereit ist.
DIE FURCHE: Glauben Sie, dass sich der Islam von seinem Wesen her mit dieser Trennung schwerer tut als Juden- oder Christentum?
Tetens: Das glaube ich schon. Und ich glaube deswegen auch, dass dem Islam gegenwärtig größere intellektuelle Anstrengungen abverlangt werden als etwa dem Christentum. Dieses hat eine Lektion bereits hinter sich, welche der Islam erst lernen muss. In diesem Zusammenhang fürchte ich auch, dass sich die liberalen, kritischen, aufgeklärten Vertreter des Islams nicht ganz über das Ausmaß im Klaren sind, in dem sich der Islam mentalitätsmäßig ändern muss, wenn er die erwähnte Trennung akzeptieren soll. Es gibt jedenfalls praktisch kein islamisches Land, in dem das Verhältnis von Staat und Religion, in diesem Fall von Staat und Islam, zufriedenstellend gelöst ist.
DIE FURCHE: Noch einmal schwieriger als für den Staat bzw. die Gesellschaft ist es wohl für die christlichen Kirchen, angemessen auf die „islamische Herausforderung“ zu reagieren, weil diese ja keine neutralen Player sind, sondern gewissermaßen selbst befangen …
Tetens: Die Kirchen sollten den muslimischen Gläubigen Mut zu den beschriebenen Änderungen machen. Sie sollen auch klar machen, dass sie selbst erst ihre Lektion lernen mussten – dass aber jede Religion, die sich darauf einlässt, nicht geschwächt, sondern in Wahrheit gestärkt daraus hervorgeht. Denn man kann ja die Säkularisierung auch so interpretieren: Die Kirchen mussten im Grunde genommen vor sich selbst geschützt werden, nämlich davor zu meinen, dass die Kirche, wenn sie auch die politische Macht besitzt, diese zum Wohle der Menschen und zum Segen der Kirchen ausüben wird. Die Geschichte zeigt leider etwas ganz anderes. Vom Staat deutlich getrennte Kirchen waren segensreicher als alle institutionellen Verknüpfungen von Kirche und staatlicher, politischer Macht.

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