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40/2016 - Der Wille zum Glauben als Spiel ohne Ball
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Ungelesen 05.10.2016, 08:53
Der Wille zum Glauben als Spiel ohne Ball

In den religiös erkalteten Gesellschaften des Westens ist der „Himmel“ weitgehend leer. Die mit der Säkularisierung einhergehende „Entzauberung“ wird indes dem Menschen als transzendierendem Wesen nicht gerecht. Ein Plädoyer dafür, „den Fuß in der Tür zu behalten“.


| Von Rüdiger Safranski

Wir befinden uns in einer Situation, in der die Einsicht wächst, dass wir für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Wertorientierung ganz gut wieder eine Religion brauchen könnten. Zugleich aber wissen wir oder sollten doch wissen, dass aus dieser Einsicht allein noch nichts Religiöses folgt, sondern nur der Wille zum Glauben. Dieser Wille zum Glauben ist das Bedürfnis nach moralischer Letztbegründung.
Nehmen wir beispielsweise den „Wert“ der Menschenwürde. „Alle Menschen sind frei und an Würde und Rechten gleich geboren“, verkündet der Artikel I der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Aber wird der Mensch tatsächlich mit Würde wie mit Gliedmaßen ausgestattet geboren? Selbstverständlich nicht. Die „Würde“ wird zuerkannt – aber durch welche Instanz? Die säkularisierte Antwort: durch die Gesellschaft. Die Religion aber sagt: durch Gott. Mit Recht aber empfindet man die Gründung der Menschenwürde in einer gesellschaftlichen Übereinkunft als ziemlich schwach, denn sie lässt diese „Würde“ auf dem Treibsand von Übereinkünften und wechselnden Mehrheiten gründen. Beim Hitlerismus hat sich ja gezeigt, dass es möglich ist, Mehrheiten für ein Projekt der systematischen Zerstörung von Menschenwürde zu gewinnen. Deshalb kommt es zu dem paradoxen Versuch, die Würde in der demokratischen Entscheidung zu verankern, sie aber doch als Wert unabhängig zu machen von dieser Entscheidung. Das deutsche Grundgesetz bietet ein Beispiel dieser Paradoxie. Dort wird die Würde des Menschen „unantastbar“ genannt: Keine Mehrheit darf die aus der „Würde“ des Menschen abgeleiteten Grundrechte antasten. Das aber ist nichts anderes als der Versuch, in einer säkularen Welt ein heiliges Tabu zu errichten. Eine gesellschaftliche Entscheidung wird in eine Angelegenheit umgewandelt, die in Zukunft der gesellschaftlichen Entscheidung entzogen bleiben soll. Dabei lässt man die „Würde“ nicht nur in einer gesellschaftlichen Entscheidung begründet sein, sondern in etwas Absolutem, in Gott – oder dem, was von ihm übrig geblieben ist: eine Instanz der moralischen Letztbegründung.

Die Suche nach Letztbegründung

Warum aber dieser Transzendentalismus der moralischen Letztbegründung?
Offenbar deshalb, weil der Mensch die Moral, die Entscheidung über Gut und Böse also, in einem Fundament verankert sehen möchte, das tiefer und umfassender ist als er selbst. Eine Moral, von der man weiß, dass man ihr Erfinder ist, hat nicht dieselbe unbedingte, transzendierende Bedeutung.
Was aber zeigt sich im Verlangen nach moralischer Transzendenz? Doch wohl dies, dass der Mensch sich selbst nicht über den Weg traut: was ich selbst erfunden habe, kann nicht so viel Wert haben. Wer aber bemerkt, dass er dasjenige selbst hervorgebracht hat, woran er glaubt – also Gott oder die Moral – der wird nur schwer daran glauben können. Der von Nietzsche beschworene „Tod Gottes“ bedeutet deshalb: Wenn man aufhört, an Gott zu glauben, bleibt nichts anderes mehr übrig, als an den Menschen zu glauben. Dabei kann man allerdings die überraschende Entdeckung machen, dass der Glaube an den Menschen womöglich leichter war, als man noch den Umweg über Gott nahm.
Der zweite Bereich, in dem der Wille zum Glauben wirkt, ist der ästhetische. Man beginnt wieder zu begreifen, das die Kunst in ihren besten Augenblicken stets eine intime Verbindung zum Erlebnis des Heiligen unterhielt. Am deutlichsten wird man das wohl in der Musik spüren. Es wird wohl kaum jemanden geben, der bei der Bach’schen „Matthäuspassion“ nicht einen religiösen Funken in sich entdeckt, egal wie man dieses Spurenelement dann nennt. Papst Johannes Paul II. hatte schon recht, als er sagte, wenn man aus der Kunstgeschichte in Europa alles wegnähme, was mit religiöser und christlicher Inspiration zusammenhängt, würde man sehen, wieviel – das heißt: wie wenig – übrig bliebe.
Aber auch bei der Kunst machen sich die Folgen der Säkularisierung bemerkbar. Die große Entzauberung hat auch hier eingesetzt. Die religiöse Restwärme hat der Literatur (und auch der Philosophie) ihre besondere Strahlkraft gegeben. Schwindet sie, ist es um das besondere Charisma dieser Disziplinen geschehen. Die Säkularisierung entzauberte zuerst die Religion und dann die anderen kulturellen Bereiche. Es läuft auf eine Eindimensionalisierung hinaus, die letztlich wohl eine ökonomische ist. Deshalb ist es so wichtig, den Fuß in der Tür zu behalten, damit sie offen bleibt und nicht vollends zufällt. Denn dann sitzen wir in der Falle. Am Ende der Säkularisierung droht die Platzangst.

Das Entlastende des Glaubens

Den Fuß in der Tür behalten ist auch eine Art des Willens zum Glauben.
Dabei geht es genau besehen nicht um den Glauben an etwas, sondern um eine Erfahrung, an die man nicht glauben braucht, sondern die man macht oder eben nicht macht. Mit der religiösen Sphäre wird die horizontale Bewegung des Suchens und Begehrens, die zu Verfeindungen und Enttäuschungen führen kann, in die Vertikale gelenkt. Das bedeutet eine enorme Entlastung. Wenn es einen Gott gibt, sind die Menschen davon entlastet, füreinander alles sein zu müssen. Sie können damit aufhören, ihren Mangel an Sein aufeinander abzuwälzen und sich wechselseitig dafür haftbar zu machen, wenn sie sich fremd in der Welt fühlen. Sie brauchen auch nicht mehr so ängstlich um ihre Identität kämpfen, weil sie glauben dürfen, dass nur Gott sie wirklich kennt. Solche Religionen erinnern den Menschen daran, dass er hier nur zu Gast ist, mit beschränkter Aufenthaltsgenehmigung. Mit den Religionen muten sich die Menschen das Eingeständnis ihrer Ohnmacht, ihrer Endlichkeit, Fehlbarkeit und Schuldfähigkeit zu und machen dieses Eingeständnis lebbar.
Wenn diese Erfahrung auch nicht jedem zugänglich ist, so liegt doch eine universalisierende Tendenz darin. Denn diese Erfahrung impliziert eine Art Ergriffenheit vom Ganzen, weshalb der Gedanke nicht fern liegt, dass sie auch alle angeht oder doch angehen sollte, was nichts daran ändert, dass sie bestritten und zurückgewiesen werden kann und wird.
Und doch: dasjenige, was in uns glauben will, die schöpferischen religiösen Kräfte, welche sich in der Menschheitsgeschichte manifestieren und die Kulturen geformt haben, diese Kräfte gibt es in uns nach wie vor. Der Mensch ist ein Wesen, das transzendieren, das heißt: über sich hinausgehen kann; ein Wesen, zu dem es gehört, dass es sich nicht selbst gehört. Für dieses transzendierende Vermögen gibt es viele Formulierungen, die vielleicht schönste hat Schelling gefunden, als er erklärte: der Mensch sei zwar ganz und gar Natur, aber im Menschen schlage die Natur ihre Augen auf und bemerke, dass sie da ist. Die Natur ist also im Menschen zur Selbstsichtbarkeit und damit zur Selbsttranszendenz gesteigert. Daraus erwächst das große Staunen darüber, dass es das Sein gibt und nicht das Nichts. Aus diesem Spielraum des Transzendierens erwachsen Kultur und Wissenschaft und die große Verantwortung für das Leben insgesamt und nicht nur für das eigene Ich.
Aus diesem Spielraum des Transzendierens sind die Religionen erwachsen. Sie sind Spielarten des Transzendierens, Versuche, der Transzendenz jeweils ein bestimmtes Gesicht – Formen, Rituale, Dogmen – zu geben. Diese sind vergänglich, wie alles, was der Mensch macht. Insofern gibt es ständig einen Gestaltwandel der Götter. Gegenwärtig ist in den religiös erkalteten Zonen des Westens der Ort der Transzendenz ziemlich leer. Das braucht noch nicht einmal so schlimm sein, vorausgesetzt, das transzendierende Vermögen, das einen vor der Eindimensionalität bewahrt, bleibt erhalten.

Fangt an zu spielen!

Unter dieser Voraussetzung würde die „leere“ Transzendenz ironischerweise sogar dem religiösen Gebot entsprechen: „Du sollst dir kein Bildnis machen!“
Die leere Transzendenz lässt sich aber auch als Spiel ohne Ball verstehen. Im Kultfilm „Blow Up“ von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1966 gibt es am Ende des Films folgende Szene: Der Protagonist, ein Fotograf, kommt nach einer Nacht voll turbulenter Ereignisse am Morgen zu einem umgitterten Platz. Dort spielen zwei Leute hingebungsvoll Tennis. Das heißt, wir sehen, dass die Spieler die entsprechenden Bewegungen machen, aber wir sehen keinen Ball. Auch der Fotograf sieht keinen Ball, denn er bleibt entgeistert vor dem Gitter stehen und schaut zu. Und wir schauen auch zu, denn die Kamera verfolgt nach einer Weile mit ihren Schwenks die Flugbahn des imaginären Balles. Immer wirklicher wird das Unwirkliche an diesem grauen Morgen. Jetzt hören wir auf einmal den Ball, zuerst leise, vom Wind übertönt, dann immer lauter, und der Fotograf draußen vor dem Gitter bewegt den Kopf im Rhythmus des Ballwechsels. Jetzt hat ein Spieler zu stark geschlagen. Der Ball, den noch keiner gesehen hat, fliegt über das Gitter und fällt dem Fotografen, wie es aussieht, vor die Füße. Die Spieler blicken bittend hinüber zu ihm. Er zögert, doch dann beugt er sich nieder und hebt etwas auf, das nicht da ist, und wirft es hinüber. Die Spieler bedanken sich und setzen ihr Spiel ohne Ball fort.
Über den Ball lässt sich ebensowenig sagen wie über Gott. Aber das Spiel ist da, und seine Dynamik verwandelt die Zuschauer, auch uns, in Mitspieler.
Das heißt: fangt an zu spielen, dann werdet ihr merken, wie wirklich der Ball ist. Wenn ihr vorher wissen wollt, ob der Ball da ist, dann werdet ihr nie anfangen. Dann wird es niemals ein Spiel geben.


| Der Autor lebt als literarischer und philosophischer Essayist in Berlin. Der Text ist ein Auszug aus dem Vortrag, den Safranski beim Philosophicum Lech gehalten hat. |

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