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41/2016 - Das gemeinsame Mahl der Raubtiere
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Ungelesen , 08:54
Das gemeinsame Mahl der Raubtiere

Von der blutigen Realität der Steinzeit bis zur heutigen Sektenbildung rund um die Ernährung: Wie das „Fressen“ Geist und Kultur geprägt hat.

| Von Kurt Kotrschal


Zweifelhaft ist der Wahrheitsgehalt des beliebten Bonmots, dass Dummheit frisst, Intelligenz dagegen säuft. Dies wäre auch eine unzulässige thematische Verengung des heurigen Biologicum Almtal. Auch wenn man dort den lustvoll-weisen Erkenntnisprozess gern mit einem abendlichen Gläschen Wein würdigt – die Verbindung von Genuss und Geist ist dem Saufen fern. Zudem ging es nur eher nebenbei um die Theorie und Praxis des Essens. Denn eine „orale Beziehung“ zur Welt ist keineswegs bloß ein Privileg unreifer Zeitgenossen, vielmehr ist sie grundlegender Treiber der Evolution aller Tiere, einschließlich des Menschen. Als „heterotrophe“ Organismen, die sich nicht wie die grünen Pflanzen mittels Photosynthese über Licht ernähren können, beziehen wir die Energie fürs Leben immer schon aus dem Einverleiben anderer Organismen. Und mussten stets darauf achten, nicht selbst zur Nahrung zu werden.
Diese Zwänge ließen unseren Vorfahren über die Mechanismen der Evolution Kiefer, Zähne, Flossen, Schuppen wachsen, schließlich Beine, Flügel und ein immer größeres Gehirn. Mehr noch, die mit dem Fressen und Gefressenwerden verbundenen Selektionsdrucke ließen uns auch sozial werden. Denn die Gefahr, selbst zur Beute zu werden, zwang unsere Vorfahren schon bald, sich zusammenzutun. Ein Leben in Schwärmen schützt vor Raubfeinden: Mehr Augen sehen mehr und das Risiko, selbst erwischt zu werden, teilt sich durch die Zahl der Individuen in der Gruppe. Dies erforderte aber auch die Entstehung geeigneter Sinnesorgane und Nervensysteme. Denn um als Gruppe zu existieren, muss man sich mit anderen in Beziehung setzen, synchronisieren. So etwa spezialisierten sich Nervenzellen zu den bekannten Spiegelneuronen und formierten sich in Wechselwirkung mit den Hormonen zu jenen Emotions- und Motivationssystemen, die für den Gruppenzusammenhalt sorgen.

Spirituelle Jagd- und Opferrituale


Diese Systeme im Gehirn sichern etwa den Schwarmzusammenhalt bei Heringen, sie sorgen aber auch für das gute Gefühl des Aufgehens in der Masse am Fußballplatz. Seit mehr als 400 Millionen Jahren Stammesgeschichte blieben sie im Grunde unverändert. So entstanden auch die bio-psychologischen Grundlagen für ein kompliziertes Sozialleben. Aber erst die Vögel und Säugetiere starteten mit der Entwicklung eines komplexen Soziallebens so richtig durch. Nicht zuletzt deshalb, weil sie im Gegensatz zu den Fischen, Amphibien und Reptilien ihre Gehirne ständig auf Betriebstemperatur halten können.
Ein anspruchsvoll kooperatives Sozialleben zeichnet Arten aus, die gemeinsam jagen, wie etwa Wölfe, Schimpansen oder eben Menschen. Der entscheidende Schritt war das Jagen von Großwild. Einzelne Menschen oder Wölfe können Kaninchen jagen; Mammute oder Bisons zu erlegen, geht aber nur in Kooperation. Damit sich echte Zusammenarbeit entwickeln kann, braucht es ein hohes Ausmaß an wechselseitiger Toleranz. Schließlich wird man nur dann wiederum zusammen jagen, wenn hinterher die Beute auch verlässlich geteilt wird. So erlangt das Teilen mit anderen und das gemeinsame Mahl zentrale Bedeutung für den Zusammenhalt. Um das Jagen und gemeinsame Essen entwickeln sich Rituale. Erfolgreiche Jäger werden zu angesehenen Mitgliedern ihrer Gruppen, nicht nur beim Menschen. Und nicht zuletzt scheinen – neuesten Erkenntnissen zufolge – Wölfe und Menschen bei der Jagd auf Mammute zusammengefunden zu haben, woraus Hunde als unsere engsten Tiergefährten hervorgingen.
Vom gemeinsamen Jagen ist es nur noch ein kleiner Schritt zur überragenden sozialen Bedeutung des gemeinsamen Essens beim Symbol- und Kulturtier Mensch. Die Clans der Jäger und Sammler entwickelten spirituelle Jagd-, Nahrungs- und Opferrituale. In allen Religionen und Kulturen erlangte das gemeinsame Mahl große Bedeutung, symbolisch besonders stark aufgeladen wurde es etwa im Christentum.
Heute sind in buchstäblich allen gemeinsamen Unternehmungen der Menschen jene Verhaltensmuster und mentalen Einstellungen erkennbar, die sich im Zusammenhang mit der Kooperation und Konkurrenz um Nahrung sowie um das gemeinsame Jagen entwickelten: Verlässlichkeit, wechselseitige Toleranz und Respekt, Fairness und Freude an der geglückten Zusammenarbeit. Das „Nett-Sein“ wurde beim hoch kooperativen „Homo sapiens“ offenbar zum starken Selektionsfaktor. Heute diskutiert man daher wieder über die „Selbstdomestikation“ des Menschen – allerdings in einem ganz anderen Sinn wie dies die „alten Kulturpessimisten“ wie etwa Konrad Lorenz und Arnold Gehlen taten.

Subkulturen der Ernährung

Immer schon waren für Menschen die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen und die symbolischen Unterschiede zu „den Anderen“ von großer Bedeutung. So bedeutet die Selbstbezeichnung vieler ursprünglicher Ethnien einfach „Mensch“ und impliziert damit bereits Zweifel am Menschsein der genetisch und kulturell Anderen. So muss das Essen gläubiger Juden „koscher“, das der Muslime „halal“ sein, und sehr viele Hindus essen gar keine Tiere. Dem Christentum dagegen mangelt es aus historischen Gründen – mit Ausnahme des Fastens – auffällig an rituellen Nahrungsvorschriften. In dieses brachliegende Terrain dringen heute viele Subkulturen um die Nahrungsaufnahme vor. Dies deutet auf ein menschliches Grundbedürfnis hin, die Nahrungsaufnahme zu ritualisieren, zwischen Kultur und Spiritualität einen starken Zusammenhang herzustellen. Nahrung muss heute bei den reichlich damit Versorgten vor allem „gesund“ sein. Darin stimmen all die sektenartigen Auffassungen zur „richtigen“ Ernährung überein. Und die Ernährungswissenschaften arbeiten im Grunde an der Faustregel, zu viel an Zucker, Salz, Weißmehl, rotem Fleisch und Alkohol zu vermeiden.
Die aktuell zu beobachtende Subkulturen- und Sektenbildung um die Ernährung wird durch die modernen sozialen Medien beschleunigt. Aber heute katalysieren sie eine nie zuvor da gewesene Fraktionierung der Gesellschaft und einen Autoritätsverlust von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und klassischer Medien, auch des klassischen Expertentums in der Ernährung. In der „Schönen Neuen Welt“ der Digitalisierung scheinen gesichertes Wissen und der gute alte Hausverstand wenig zu zählen. Ernährungsregeln halten für den Verlust religiöser und politischer Gewissheiten her. Dass es noch einen Mainstream in der Ernährung gibt, verdanken wir weniger den verblassenden Traditionen als dem zwar reichhaltigen, aber nivellierendem Angebot der Nahrungsindustrie. So lassen sich die meisten jüngeren Leute heute unter dem Schlagwort des „bequemen Essens“ mittels vorgefertigter Lebensmittel („Convenience Food“) trophisch freudig entmündigen.

Essen wir uns zu Tode?

Bis heute hungert man Menschen in großer Zahl zu Tode, während sich Milliarden von Menschen mittels Messer und Gabel gleichsam zu Tode zu bringen suchen und die Kochkunst sowie der Kult um den Genuss teils seltsame Blüten treiben. Von der verschwenderischen Übererfüllung der Ernährungsbedürfnisse lebt eine große Industrie – zum Preis des Raubbaus an den letzten natürlichen Lebensräumen und katastrophaler ökologischer Fußabdrücke. So wird für die Wohlhabenden pflanzliche Nahrung unter hohen Energieverlusten und gar nicht nachhaltig an intensiv gehaltene Tiere verfüttert oder sogar in Bio-Treibstoff umgesetzt. Und mit welchem Recht verursachen wir eigentlich millionenfaches Tierleid; halten und töten wir andere Tiere, nur um sie dann zu essen? Auch die ethischen Debatten hierzu werden uns wohl weiterhin beschäftigen.


| Der Autor ist Professor am Department für Verhaltensbiologie
der Univ. Wien sowie wiss. Leiter der Konrad Lorenz
Forschungsstelle in Grünau und des Biologicum Almtal
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  04:48:17 07.18.2005