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41/2016 - „Exzessive Beschäftigung mit dem Körper“
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Ungelesen , 09:00
„Exzessive Beschäftigung mit dem Körper“

Hannelore Daniel über Ernährung als Ersatzreligion, Ampelsignale für Lebensmittel und die Vision vom personalisierten Speiseplan.

| Das Gespräch führte Martin Tauss


Welche Trends werden unsere Ernährung künftig prägen? Die FURCHE hat bei der Professorin für Ernährungsphysiologie an der TU München nachgefragt.

DIE FURCHE: Beim Biologicum Almtal sprachen Sie über „Ernährung zwischen Technologie und Trans*zendenz“. Was ist hier mit Trans*zendenz gemeint?
Hannelore Daniel: Das bezieht sich auf alles jenseits der offenkundigen Bedeutung von Ernährung für unseren Körper. Mittlerweile ist das Essen auf dem Teller mit vielen anderen Attributen geradezu überfrachtet. Man sucht im Essen sehr viel mehr, als dort eigentlich gesucht werden dürfte.
DIE FURCHE: Wie stellt sich diese übersteigerte Erwartungshaltung aus Ihrer Sicht dar?
Daniel: In den Medien werden die Menschen mit Informationen geradezu überschüttet. Sie sind überfordert, weil sie diese Infos nicht mehr einordnen können. Es gibt daher nur noch zwei Kategorien von Konsumenten: Die einen, die die Mehrzahl der Empfehlungen einfach nur noch ignorieren, und die anderen, die dazu neigen, dem Thema eine so große Bedeutung zu geben, dass sie mitunter sogar krank davon werden. Das Verhalten infolge der intensiven Auseinandersetzung mit dem Essen nimmt gelegentlich schon pathologische Züge an. Deshalb ist mit der „Orthorexie“ auch ein neuer Krankheitsbegriff entstanden (Anm.: krankhaftes Streben, sich gesund zu ernähren).
DIE FURCHE: Dieser relativ junge Begriff ist ja wirklich interessant, weil er zeigt, wie sehr das gesellschaftliche Umfeld neue Krankheiten hervorbringen kann ...
Daniel: Wenn ich mir meinen Aktenordner mit Briefen anschaue, die ich in den letzten Jahren erhalten habe, hat sich die Zahl der pathologischen Fälle deutlich erhöht: Das sind Menschen, die mit teils großer Verzweiflung von ihren Problemen berichten. Ich war irritiert, wie weit sich die Leute auf das Thema Ernährung einlassen.
DIE FURCHE: Wo sehen Sie die Ursachen für diese symbolische Aufladung von allem, was mit dem Essen zu tun hat?
Daniel: Das hat unmittelbar mit der exzessiven Beschäftigung mit unserem Körper zu tun. Wenn Sie so wollen, stopfen wir beim Essen jeden Tag ganz viele Dinge in uns hinein – das hat ein Ausmaß von Intimität wie kaum ein anderer Vorgang in unserem Alltag. Ein anderer Aspekt ist das tiefe Bedürfnis des Menschen nach etwas Metaphysischem. Früher haben die klassischen Religionen das abgefangen. Früher war man katholisch oder protestantisch, heute ist man Vegetarier oder Veganer. Was heute mit der Ernährung betrieben wird, ist in gewisser Weise „personalisierte Religion“. Das Bedürfnis nach Metaphysischem hängt auch mit dieser engen Beziehung zum Körper zusammen. Im Mittelalter haben streng gläubige Menschen ihren Körper noch gegeißelt, heute entsagt man bestimmten Lebensmitteln im strengen Glauben, dass sie ungesund sind.
DIE FURCHE: Das heißt, die These von der Ernährung als Ersatzreligion trifft zu?
Daniel: Ja, das sieht man in vielen anderen Lebensbereichen auch. Aber das weite Feld der Ernährung ist aufgrund der großen Intimität hier besonders geeignet.
DIE FURCHE: Wie sehen Sie die Rolle der Wissenschaft in diesem Zusammenhang: Ist sie der Wegweiser im Dschungel der verschiedenen Ernährungsweisen oder erleidet sie im Zeitalter der sozialen Medien, wo unzählige Ernährungstipps kursieren, einen Autoritätsverlust?
Daniel: Natürlich spielt die Wissenschaft eine Rolle, aber nicht mit dem totalitären Anspruch, den sie früher hatte. Und natürlich müssen Kalorien, die aufgenommen werden, irgendwo hinkommen – das ist ein Grundgesetz der Thermodynamik. Aber der Machtanspruch, den die Wissenschaft früher hatte, ist ein Auslaufmodell. Wissenschaftliche Ernährungsempfehlungen werden heute infrage gestellt, so wie fast alles in dieser pluralen Welt infrage gestellt werden kann. Schauen Sie sich die zehn Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung an, das erinnert fast an die zehn Gebote. Aber Gott sei Dank müssen wir uns nicht dafür bestrafen, wenn wir diese Regeln nicht befolgen. Bei der Ernährung gilt die Thermodynamik, der Rest ist Vertrauenssache. Man wird einen überzeugten Veganer nicht davon überzeugen können, dass es bessere Ernährungsweisen gibt. Als Forscherin weiß ich, dass Menschen mit unterschiedlichen Ernährungsweisen gut leben und auch sehr alt werden können.
DIE FURCHE: Aber dennoch gibt es wissenschaftliche Daten zu verschiedenen Lebensmitteln und Ernährungsweisen. Wie sieht eine gesunde Ernährung aus?
Daniel: Die Frage, wie gesund Ernährung sein kann, ist relativ neu: Irgendwie absurd, dass wir von jedem Lebensmittel erwarten, dass es auch gesund ist. Warum sollten uns Lebensmittel überhaupt gesund machen, woher sollte dieser Auftrag kommen? Im Zuge der Evolution haben die Menschen festgestellt, dass sie in moderaten Mengen fast alles verzehren können. Das meiste vertragen wir auch ganz gut – und wenn nicht, müssen wir durch Braten, Backen oder andere Techniken nachhelfen. Alles was man sagen kann, ist dass eine abwechslungsreiche, kalorisch eher eingeschränkte Ernährung am besten ist. Das heißt ein eher an der vegetarischen Ernährung – nicht der veganen! – orientierter Speiseplan. Moderater Fleischkonsum ist überhaupt kein Problem. Es gibt keine Langzeitstudien zum Veganismus, zu „Slow Food“ et cetera. Selbst wenn man das in Studien untersucht hätte, wären die Rückschlüsse schwierig, denn Sie werden wohl keinen Veganer finden, der dem Tabakkonsum frönt. Ernährungsweisen sind kaum von bestimmten Lebensstilen zu trennen.
DIE FURCHE: Was halten Sie von der Kennzeichnung der Lebensmittel nach Gesundheitswert? In Deutschland etwa wurde die
Ampel-Skala heftig diskutiert ...

Daniel: Mittlerweile gibt es die Ampel über eine App, wo man über einen Code die jeweilige Farbe erhält. Das ist ein charmantes Projekt, aber es hat seine Grenzen: Was geben Sie zum Beispiel einem Parmesan? Da kann nur Rot rauskommen. Damit vermiesen wir den Leuten den Genuss von 20 Gramm Käse. Ich kann aus Sicht des Konsumentenschutzes gut nachvollziehen, dass die Dinge einfach sein sollen. Aber für manche Lebensmittel funktioniert die Ampel nicht. Und es gibt Studien aus England, wo man geprüft hat, wie sich die Kennzeichnung im Warenkorb auswirkt. Bei Kindern sah man einen gegenteiligen Effekt – lauter rote Artikel mit hohem Genuss-, aber geringem Nahrungswert.
DIE FURCHE: Stichwort „personalisierte Ernährung“: Werden wir anhand unserer biologischen Daten bald einen individuell maßgeschneiderten Speiseplan befolgen?
Daniel: Die Tendenz zur Individualisierung wird in der Ernährung sicher viel Raum einnehmen. Über den Supermarkt wird personalisierte Ernährung aber nicht umsetzbar sein. Gut möglich, dass man sich künftig in ein Anbieter-System einkauft und dort individualisiert bedient wird. Das betrifft einzelne Produkte, Fertigmenüs oder Tiefkühlkost, die dann vielleicht schon durch Drohnen oder kleine Roboter ins Haus geliefert werden. In bestimmten Restaurants wird man Ihre Präferenzen speichern, und wenn Sie abends zum Essen ausgehen, erhalten Sie die passenden Menüvor*schläge. Ebenso glaube ich, dass der 3D-Drucker in zehn Jahren ein Verfahren sein wird, das ein hohes Maß an Personalisierung erlaubt.
DIE FURCHE: Sie glauben, dass unsere Nahrungsmittel künftig aus dem 3D-Drucker kommen werden?
Daniel: Die Firma Barilla kommt demnächst mit dem ersten Pasta-Drucker auf den Markt. Da können Sie sogar Ihre Initialen in den
Pasta-Teig pressen lassen. Vieles davon hat also noch einen Spielzeugcharakter.
DIE FURCHE: Sie waren in das EU-Projekt „Food4me“ involviert, der weltweit größten Studie zur personalisierten Ernährung, bei der auch DNA-Proben einbezogen wurden. Muss man sich einem Gentest unterziehen, um das eigene Essverhalten zu optimieren?
Daniel: Eine personalisierte Ernährung braucht keine Gentests. DNA-Proben dienen gegebenenfalls nur dazu, zusätzliche Informationen zu berücksichtigen. Es gibt zum Beispiel Menschen, die aufgrund einer genetischen Variation einen erhöhten Folsäure-Bedarf haben. Ihnen wird empfohlen, mehr Blattgemüse und Spinat zu essen. Aber ich bin skeptisch, ob wir jemals in der Lage sein werden, solide Empfehlungen für Menschen mit verschiedenen Genotypen vorzulegen. Dazu fehlen Langzeitstudien, die außerordentlich schwierig durchzuführen wären. Beim „Food4me“-Projekt wurden die Teilnehmer auf der Basis ihres Lebensstils beraten. Diese Beratung hat zu einer deutlichen Verbesserung der Ernährungsweise – mit weniger Kalorien, weniger Fleisch oder Salz – geführt. Genetische Untersuchungen haben wir nur gemacht, um zu prüfen, ob sie das Ernährungsverhalten weiter verbessern können. Es hat sich jedoch kaum ein Zusatznutzen gezeigt.

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