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41/2016 - Zu einfache Antwort auf komplexe Fragen
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Ungelesen , 09:04
Zu einfache Antwort auf komplexe Fragen

Die Frage, ob Fleischkonsum erlaubt ist, treibt auch theologische Ethiker um. Der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger meint, auch der völlige Verzicht auf tierische Nahrung entkommt den ethischen Dilemmata nicht. Dies legt er in einem eben erschienenen Buch dar.

| Von Otto Friedrich


Die ethische Bewertung des Fleischverzehrs ist nicht nur eine philosophische Debatte (vgl. Seite 4 und 5 dieser FURCHE). Auch in der theologischen bzw. religiösen Auseinandersetzung spielen Fragen der menschen- bzw. schöpfungsgerechten Ernährung eine zunehmend wichtige Rolle: Die Frage, ob vegetarische oder die in den letzten Jahren immer häufi*ger praktizierte vegane Lebens*weise nicht die eigentlich christliche Option wäre, wird immer häufiger, wenn auch kontrovers diskutiert.
Die Positionen des australischen Moralphilosophen Peter Singer, der, ausgehend vom Tierrechtsgedanken, radikale Abkehr vom derzeitigen Fleischkonsum fordert, werden auch christlicherseits rezipiert. Der Sozialethiker an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Graz, Kurt Remele, hat vor wenigen Wochen in seinem Buch „Die Würde des Tieres ist unangreifbar“ eine radikale Abkehr von einer anthropozentrischen Ethik, die die Tierwürde (nicht zuletzt in der Massentierhaltung) missachtet, gefordert. Konsequenter*weise propagiert Remele daher nicht nur eine vegane Ernährung, sondern auch den Verzicht von Kleidung tierischen Ursprungs wie Leder (vgl. FURCHE 19/2016).

Eine lesenswerte Darlegung

Ein theologischer Ethiker, dem Remele explizit widerspricht, ist der an der Katholischen Privat*universität Linz lehrende Moraltheologe Michael Rosenberger, der seinerseits in einem eben erschienenen Band die Frage des Fleischgenusses auf seine Weise diskutiert. Rosenbergers Buch „Wie viel Tier darf’s sein?“ ist eine lesenswerte Darlegung und Analyse zur Frage „ethisch korrekter Ernährung aus christlicher Sicht“.
Größtes Manko dieser Abhandlung ist, dass Rosenberger mit keinem Wort auf Pe*ter Singer oder Kurt Remele eingeht, wenngleich deren Positionen auch in seinen Ausführungen sehr wohl vorkommen. Wer sich in dieser Debatte äußert, sollte zu den öffentlichen Stimmen in ihr aber klar Stellung beziehen.
Grundsätzlich ist jedoch auch Rosenbergers Zugang von einer Anerkennung der vegetarischen bzw. veganen Ernährungsweise geprägt – und zwar nicht deswegen, weil es sich um eine Wellness-*Mode handelt, sondern weil er darin einen Ausdruck von Gerechtigkeit gegenüber der Schöpfung und den Widerstand gegen die industriellen Formen der Tierhaltung und Fleischproduktion sieht. Man entnimmt Rosenbergers Ausführungen etwa, dass das Fließband nicht eine Erfindung der industriellen Fertigung war, sondern erstmals 1860 in den Schlachthöfen Chicagos zum Einsatz kam.
Verdienstvoll ist in jedem Fall die menschheits- und ideengeschichtliche Einordnung der vege*tarischen Lebensweise, die Rosen*berger in seinem Buch in knapper Form vornimmt. Vegetarische Grundzüge findet er in einigen philosophischen Strömun*gen der griechischen Antike, in den Religionen haben nur die Anhänger des indischen Jainismus, die kein Lebewesen töten, einen reinen Vegetarismus religiös begründet. Interessanterweise ist, so Rosenberger, auch das frühchristliche Mönchtum durch eine starke Abkehr von Fleisch sowie von Tieren produzierter Nahrung wie Milch oder Eiern geprägt. Rosenberger erklärt, warum diese radikale Lebensform sich über die Jahrhunderte nicht gehalten hat, aber er versucht auch, ihren Wert nicht gering zu schätzen.

Barbarische Fleischproduktion

Der Autor kommt gleichfalls bei tierethischen Überlegungen an, aufgrund derer die gegenwärtige Fleischproduktion, die in den Händen von immer weniger Produzenten und immer industrielleren Tötungsmaschinerien liegt, ethisch nicht zu rechtfertigen ist. Schon von daher sympathisiert er mit vegetarischen oder veganen
Formen der Ernährung, warnt aber gleichzeitig davor, dass durch den Verzicht auf Fleisch nicht auch alles ethisch sauber wird.
Interessant, wie Rosenberger ein vegetarisches Moment gerade im Christentum herausarbeitet. Er weist etwa darauf hin, dass im zentralen Glaubensbegriff der Inkarnation im Wortsinn nicht die Menschwerdung, sondern die Geschöpfwerdung Gottes steckt, was dann auch ein ganz anderes Verhältnis zu den Tieren beinhalten müsste. Auch dass in den rituellen Vollzügen der Christen – Brot und Wein in der Eucharistie, Öl bei anderen Sakramenten – genau keine tierischen, sondern pflanzliche (nach heutigen Begriffen: vegane) Produkte zum Einsatz kommen, zeugt von dieser Dimension.
Im Versuch, die Tiere als Geschöpfe zu begreifen und sie nicht der gegenwärtigen Barbarei der Tierhaltung und Fleischproduk*tion auszusetzen, trifft sich Rosenberger mit Kritikern seiner Posi*tion wie Kurt Remele. Das, was der Linzer Moraltheologe herauszuarbeiten sucht, ist aber, dass Vegetarismus und Veganismus die ethischen Dilemmata, die bei der menschlichen Ernährung auftreten, nicht lösen. Rosenberger meint, der Veganismus gebe vor, eine einfache Lösung für ein komplexes Problem darzustellen. Er argumentiert, auch eine vegane Lebensweise bedeutet nicht automatisch Schöpfungsgerechtigkeit, die Massenproduktion von pflanzlicher Nahrung – etwa die Abholzung des brasilianischen Regenwalds für Soja-Plantagen – zerstört gleichfalls das ökologische Gleichgewicht. Außerdem weist er darauf hin, dass gerade der ökologische Landbau bislang nicht ohne tierischen Dünger auskommt.

Zwei neue Evangelische Räte

Dennoch plädiert Rosenberger für ein Ernstnehmen auch veganer Ernährungsweise, er schlägt sogar vor, den klassischen drei Evangelischen Räten (Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam), nach denen Ordenschristen bis heute leben, zwei weitere hinzuzugesellen – den der Gewaltlosigkeit und den eines vegetarischen/veganen Lebensstils, der von wenigen beispiel*haft vorgelebt werden kann.
Den weniger radikalen Zeitge*noss(inn)en legt Rosenberger eine im Grund auch radikale Option für einen umfassenden „Schöpfungsfrieden“ ans Herz, der Tiere als „Tisch*genossen“ wahrnimmt und jedenfalls den Fleischkonsum stark einschränkt – auf jenes mensch*liches **Maß, das in den letzten Jahrzehnten hierzulande völlig aus den Fugen geraten ist.

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