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42/2016 - „Sich der eigenen Identität vergewissern“
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Alt 19.10.2016, 07:12
„Sich der eigenen Identität vergewissern“

Zu viel auf deutsches Luthertum fokussiert, zu wenig den gesamteuropäischen Protestantismus im Blick, kritisiert Ulrich Körtner die Reformationsfeiern.

| Das Gespräch führte Otto Friedrich

Ende September haben in Deutschland katholische und evangelische Kirche ein Ökumenisches Wort zum Lutherjahr vorgestellt, das u.a. Bußgottesdienste der beiden Kirchen und ein gemeinsames Christusfest anregt. Der reformierte Theologe Ulrich Körtner kritisiert diese „Eintracht“.

DIE FURCHE: Sie haben große Einwände gegenüber der ökumenischen Eintracht, die sich rund um das Reformationsjubiläum zeigt.
Ulrich Körtner: Ich habe überhaupt nichts gegen ökumenische Eintracht. Ich habe etwas gegen diese Art ökumenischer Eintracht, weil ich glaube, dass für die evangelische und die katholische Kirche Unterschiedliches auf der Tagesordnung steht. Für die evangelische Kirche geht es darum, sich nach 500 Jahren neu der eigenen Identität zu vergewissern. Das kann und darf nicht – wie oft in der Vergangenheit – in polemischer Abgrenzung zur katholischen Kirche geschehen.
Aber es ist ganz wichtig, dass so etwas wie Selbstbesinnung einsetzt und man überlegt, dass es unter den heutigen Bedingungen gut ist, evangelisch zu sein. Und wir haben als Evangelische nicht nur Grund, uns zu vergewissern, sondern auch die Impulse der Reformation zu feiern: Das geht mir bei diesem gemeinsamen Christusfest ab.
DIE FURCHE: Was wären die Themen derartiger Selbstvergewisserung?
Körtner: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat 2014 das Dokument „Rechtfertigung und Freiheit“ veröffentlicht, das positiv aufzeigt, dass die Botschaft der Reformation eine Freiheitsbotschaft ist. Das ist auf massive Kritik gestoßen: Zum einen meinten evangelische Kirchenhistoriker, man hätte die historischen Differenzen zwischen 1500 und heute zu sehr eingeebnet. Die katholische Seite kritisierte, man betone zu sehr die Unterschiede. Das war so nicht richtig. Denn die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa …
DIE FURCHE:… ein Dachverband von 94 protestantischen Kirchen …
Körtner: … sagte schon 2012, die Reformation sei als europäisches Ereignis und kirchlicher, gesellschaftlicher und geistiger Aufbruch mit positiven Auswirkungen bis in unsere Gegenwart zu feiern. Bei dem, was gerade unter Federführung der deutschen Kirchen abläuft, wird die Perspektive des gesamteuropäischen Protestantismus stark vernachlässigt. Bei dem, was gerade unter Federführung der deutschen Kirchen abläuft, fällt die Perspektive des gesamteuropäischen Protestantismus wieder heraus. Man konzentriert sich zu sehr auf Luther und deutsches Luthertum. Auch in der Art und Weise, wie da die vom Vatikan und dem Lutherischen Weltbund 1999 unterzeichnete „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ beschworen wird, verwischt, was eigentlich die Pointen waren. Es geht bei Luther nicht um die Allwirksamkeit der göttlichen Gnade. Die kann man ja auch katholischerseits gut vertreten. Sondern es ging um die Aussage, dass wir allein durch den Glauben gerettet werden. Dass der Glaube nichts anderes ist, als die persönliche unbedingte Heilsgewissheit. Diese Art von Heilsgewissheit, die jede Mitwirkung am Erwerben der Gnade ausschließt, ist schon vom Konzil von Trient ausdrücklich zurückgewiesen worden. Es ist kein tragfähiger Kompromiss, nun einfach ein ökumenisches Christusfest zu feiern.
DIE FURCHE: Was stört Sie konkret?
Körtner: Wenn man sich angeblich in der Frage der Rechtfertigung aus Glauben so einig war, wie kann es dann sein, dass es etwa bis heute immer noch ein Ablasswesen in der katholischen Kirche gibt? Das geht mit einem evangelischen Verständnis nicht zusammen.
DIE FURCHE: Aber hat sich nicht katholischerseits massiv viel geändert? Vor 50 Jahren war es noch undenkbar, dass die katholische Kirche über Martin Luther in einer Weise spricht, wie sie das jetzt tut.
Körtner: Auch da sage ich: Genau hinschauen! Ich sehe schon, dass einige katholische Theologenkollegen sagen, Luther würde heute als Reformkatholik durchgehen. Aber zur Zeit Luthers wäre niemand auf eine derartige Idee gekommen. Sondern es gab diese Frontstellung. Und ich sehe nicht, dass die römisch-katholische Amtskirche ihre Position zu Luther offiziell geändert hätte. Es bleibt dabei, dass er exkommuniziert wurde. Ich wüsste nicht, dass eine Rehabilitierung Luthers vorgesehen wäre.
DIE FURCHE: Aber kann es nicht sein, dass sich das, was sich in der katholischen Kirche unten längst bewegt, auch einmal oben ankommt? Könnte ein „gemeinsames“ Jubiläum nicht auch so etwas anstoßen?
Körtner: Dass viele Impulse der Reformation auch ihre Wirkung in der katholischen Kirche haben, bestreite ich nicht. Umgekehrt gibt es viele katholische Impulse auf die evangelische Kirche. Aber bei der gemeinsame Aktion von EKD und katholischer Bischofskonferenz wird ein wechselseitiges Schuldbekenntnis und ein Gedenken in den Vordergrund gestellt, das ich schon wegen eines völlig ungeklärten Schuldbegriffs für ebenso problematisch halte wie dieses Bestreben, unbedingt eine Form von Gemeinsamkeit zu zelebrieren. Ich komme noch einmal auf die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“, die von katholischer Seite zur Voraussetzung gemacht wurde, um überhaupt gemeinsam zu feiern: Sie hat bis heute in keiner Weise irgendeine praktische Konsequenz gehabt. Die evangelischen Kirchen sind nach wie vor nicht als Kirche im Vollsinn anerkannt, von einer Anerkennung der Eucharistie sind wir auf katholischer Seite nach wie vor meilenweit entfernt. Und ich möchte mich aber nicht an Aktionen beteiligen, die darauf hinauslaufen, dass ich mich dafür entschuldigen soll, dass es uns weiter noch gibt.
DIE FURCHE: Das befürchten Sie wirklich?
Körtner: Das ist das, was übrigbleibt: Aufgrund von tragischen Missverständnissen ist es einmal zur Trennung gekommen, das ist bedauerlich, schön wär’s, wir hätten die Kirche von einst. Es hat sich aus der Reformation heraus ein Kirchentum entwickelt, das ich nicht
missen möchte, und von dem ich feststelle, es wird von der römisch-katholischen Kirche nach wie vor nicht als Kirche anerkannt. Damit kann ich leben, aber man sollte diese Tatsache nicht verschweigen.
DIE FURCHE: Aber der derzeitige Papst spricht auch in Bezug auf die Protestanten wieder von Kirchen, ist das nicht ein Fortschritt? Ich rekapituliere: Sie wollen auf Augenhöhe als Kirche angesehen werden und zweitens das gemeinsame Abendmahl.
Körtner: Das wären die springenden Punkte. Aber davon sind wir weit entfernt. Wenn der Papst auch von Kirchen der Reformation spricht – mit Verlaub: Das bedeutet für mich nicht viel. Entscheidend sind lehramtliche Erklärungen. Der jetzige Papst sagt viel, das würde ich jetzt nicht so hoch hängen. Auch ist Franziskus kein theologisches Schwergewicht wie sein Vorgänger Ratzinger. Das heißt, es mag sich atmosphärisch einiges tun, ich beobachte das mit Interesse, aber ich würde es nicht für belastbar halten, sodass wirklich mit viel Bedacht eine neue theologische Position eingenommen wurde. Ich denke da an „Dominus Iesus“, den leidigen Text aus 2000, wo die Kirchen der Reformation lediglich so etwas wie „kirchliche Gemeinschaften“ sind: Hier gibt es in der Substanz keine Bewegung. Damit kann ich leben, aber das muss man dann auch so stehen lassen, wie es ist.
DIE FURCHE: Sie haben auch kritisiert, dass die evangelische Seite rund um Reformationsjubiläum der katholischen Kirche zu viel nachgegeben habe etwa im Vorfeld des Treffens des Papstes mit Vertretern des Lutherischen Weltbundes in Lund, das am 31. Oktober stattfindet.
Körtner: Der Lutherische Weltbund hat schon vor einigen Jahren ein gemeinsames Dokument mit der katholischen Kirche herausgebracht, wo aus meiner Sicht nur noch sehr verhalten ausgedrückt wird, was eigentlich die Pointen evangelischer Lehre sind. Es überwiegt da das Bedauern, das Beklagen der Trennung. Ich habe dazu schon seinerzeit gesagt: Da drückt sich ein Luthertum aus, das ein bisschen orientierungslos geworden ist. Auf dieser Basis ist es jetzt auch in Lund möglich, dass der Papst hinfährt (bezeichnenderweise kommt er nicht nach Deutschland). Und da wird ein gemeinsames Fest gefeiert. Davon hat sich der Text „Rechtfertigung und Freiheit“ der EKD wohltuend abgehoben.
Jetzt ist man bei der EKD gegenüber der katholischen Bischofskonferenz in Deutschland auf eine ähnliche Linie eingeschwenkt, wie sie zwischen Lutherischem Weltbund und dem Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen vorgezeichnet wurde. Mit diesem Ritus von gegenseitigem Schuldbekenntnis wird die Freude über das, was uns in der Reformation geschenkt worden ist, verdunkelt.
DIE FURCHE: Würde es helfen, wenn sich auch die katholische Kirche über die Reformation explizit „freuen“ würde?
Körtner: Das würde helfen, aber ich habe überhaupt keine Forderung an die katholische Kirche. Ich lade ein, sich mit uns zu freuen, sofern man meint, mit uns mitfeiern zu können. Und wenn nicht, will ich das niemandem aufnötigen. Ich sehe auch die dunklen Seiten der Reformationsgeschichte, habe aber auch die Transformationsprozesse zwischen der Reformation und heute im Blick – Aufklärung, Säkularisierung …: Auch das protestantische Christentum hat sich immer wieder verändert. Die Anliegen der Reformation sind ja weiterentwickelt worden, in manchem hat man sich auch von der Reformation entfernt. Das Stichwort, dass die nach Gottes Wort reformierte Kirche immer wieder neu zu reformieren ist, drückt ja aus: Die Reformation geht weiter. In Teilen des Protestantismus hat die Entwicklung auch zu Verhältnissen geführt, die ich für eine Ausdünnung des reformatorischen Erbes halte.
DIE FURCHE: Und die katholische Kirche bewegt sich zu wenig?
Körtner: Man darf doch nicht übersehen, dass bei wichtigen Repräsentanten nach wie vor im Grund das Bild herrscht: Wir haben es mit einer Kirchenspaltung zu tun. Die Pluralisierung des europäischen Christentums wird nicht als etwas Gutes gesehen, sondern primär nur als Verlust einer Einheit, die in dieser Form eine ideologische Idee ist. Das andere ist, dass man die Reformation für die negativen Folgen von Aufklärung, Moderne und Säkularisierung verantwortlich macht. Dass es viele einfache Christenmenschen gibt und auch Professoren, die da heute ein differenziertes Bild haben, ist ja alles zugestanden. Aber die kirchenamtliche Position bleibt eine kritische. Da lobe ich mir Kardinal Koch …
DIE FURCHE: … den „Ökumene-Minister“ des Papstes …
Körtner: … der vor einiger Zeit in Bezug auf ein gemeinsames Reformationsjubiläum gemeint hat: „Ich kann doch nicht eine Sünde feiern.“ Da kenne ich mich aus. Ich kann diese Position gut verstehen, ich selber habe natürlich eine ganz andere Sicht auf das, was damals passiert ist.
DIE FURCHE: Rezipieren Sie da aber nicht vor allem katholische Hardcore-Positionen? Wenn der jetzige Papst etwas sagt, ist es theologisch unbedeutendes Gerede, auch eine positive Luther-Sicht katholischer Theologen reicht Ihnen nicht …
Körtner: … weil sie sich problematisch darstellt. Der katholische Neutestamentler Thomas Söding hat kürzlich in der Wiener Kirchenzeitung Der Sonntag zwar geschrieben, Luthers Ablassthesen wären aus heutiger Sicht reformkatholisch. Aber Söding schiebt dann gleich nach, Luther habe sich „selbst radikalisiert“. So spricht man heute über islamistische Terroristen und „Gefährder“. Der Philosoph Peter Sloterdijk hat Luther in der Neuen Zürcher Zeitung jüngst explizit in die Nähe von Salafisten gerückt. So wird auch bei Söding die positive Würdigung Luthers im Nachsatz gleich wieder relativiert. Aber das bringt uns nicht weiter.

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