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42/2016 - Wutchrist als Reformator
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Ungelesen , 08:15
Wutchrist als Reformator

Der Buchmarkt ist schon jetzt vom bevorstehenden Jubiläum von Martin Luthers Thesenanschlag geprägt.
Ein Blick auf vier exemplarische Neuerscheinungen.


| Von Heiner Boberski

„Man hat schon gesagt: Es gibt so viele Lutherbilder wie es Lutherbücher gibt.“ Diese Aussage im Buch „Martin Luther – eine ökumenische Perspektive“ von Kardinal Walter Kasper wird derzeit auf dem Buchmarkt bestätigt. Die Autoren, die sich schon heuer mit dem 500-Jahr-Jubiläum der Reformation befassen, wählen sehr unterschiedliche Zugänge, um die Bedeutung Luthers für seine, aber auch für unsere Zeit zu würdigen. Sie kommen aber auch einhellig zu dem Schluss, dass vieles an Luther unserer Zeit völlig fremd ist. Kasper verweist auf die Fremdheit der Welt, in der Luther lebte, auf die Fremdheit seiner Botschaft, und er meint: „Heute sind vielen, auch praktizierenden Christen beider Kirchen, die von Luther aufgeworfenen Fragen gar nicht mehr verständlich.“

Luthers Bedeutung für Gegenwart

Der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin betont in seinem Werk „Die fremde Reformation“, dass Luther „als Mensch des Mittelalters aufwuchs“. Leppin beleuchtet „Luthers mystische Wurzeln“ und meint: „Luther ist uns Heutigen fremd“, und dies nicht nur „in seinem unerträglichen Judenhass, in seinen Ausfällen gegen Türken oder den Papst“. Auch in seinem innersten Anliegen, der Rechtfertigung des Sünders, sei der Reformator noch ganz von der kulturellen Welt des Spätmittelalters geprägt gewesen, insbesondere von der Bewegung der Mystik. Viele heutige Protestanten könnten mit den Positionen des Mannes, der die „Freiheit des Christenmenschen“ und das „Priestertum aller Gläubigen“ predigte, wenig anfangen.
Es waren nicht nur, aber in hohem Maß die Ablass-Praktiken seiner Zeit, die den jungen Augustiner-Eremiten Luther zum Wutchristen werden und am 31. Oktober 1517 mit 95 Thesen gegen die Kirchenleitung aufbegehren ließen. Die Konfrontation mit Rom spitzte sich zu, für Luther war der Medici-Papst Leo X. der „wahre und leibhaftige Antichrist“. Er wurde gebannt, blieb aber 1521 auf dem Reichstag von Worms seiner Linie treu: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ Die weitere Geschichte ist bekannt: Luther wird von seinem Landesfürsten geschützt, übersetzt die Bibel ins Deutsche, heiratet eine ehemalige Nonne. Als er 1546 stirbt, ist die Spaltung der Kirche vollzogen.
Walter Kasper will Martin Luther offenbar ins Katholische heimholen. Hinter den 95 Ablassthesen sei „ein durchaus katholisches Anliegen“ gestanden, erklärt der Kardinal. „Sie sind ein Dokument der Reform, aber nicht der Reformation. Diese Reform galt der Erneuerung der katholischen Kirche, das heißt der ganzen Christenheit; sie hatte keine eigene Reform-Kirche zum Ziel.“ Luther habe kein „billiges Christentum zu herabgesetzten Preisen“ wollen. Schon in seiner ersten These stehe, „das ganze Leben eines Christen müsse eine stete Buße sein“. Für Kasper war Luther „ein Reformer, kein Reformator“ mit dem Ziel einer Neuevangelisierung. Der ehemalige Chef-Ökumeniker des Vatikan fordert dazu auf, sich heute gemeinsam auf dieses ursprüngliche Anliegen Luthers zu besinnen: „Der wichtigste Beitrag Martin Luthers zur Weiterführung der Ökumene liegt nicht in den bei ihm noch offenen ekklesiologischen Ansätzen, sondern bei seinem ursprünglichen Ansatz beim Evangelium von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes und dem Ruf zur Umkehr.“
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe man, so Kasper, den Weg des Dialogs beschritten, „einen Weg, keine fertige Lösung!“ Die Rezeption des Zweiten Vatikanums sei auch nach 50 Jahren nicht zu Ende, Papst Franziskus habe dabei eine neue Phase eingeleitet, indem er „die Volk-Gottes-Ekklesiologie, das Volk Gottes im Aufbruch, den Glaubenssinn des Volkes Gottes und die synodale Struktur der Kirche“ betone. Der deutsche Kardinal hebt hervor, dass man nicht mehr auf dem Weg zur Trennung, sondern jenem zur Einheit sei: „In dieser ökumenischen Perspektive könnte 2017 für evangelische wie für katholische Christen eine Chance sein. Wir sollten sie nützen. Es täte beiden Kirchen gut, vielen Menschen, die darauf warten, und der Welt, die zumal heute unser gemeinsames Zeugnis braucht.“

Turmerlebnis et cetera

„Luthers existenzielles Problem, das ihn persönlich umtrieb“, ist für Kasper die Frage: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Zu welcher Erkenntnis er dabei kam – sei es durch das berühmte „Turmerlebnis“ oder eher in einem längeren Prozess – formuliert Kasper so: „Luther entdeckte, dass die Gerechtigkeit Gottes nicht die aktive ausgleichende, strafende, rächende Gerechtigkeit ist, sondern die passive, den Menschen gerecht machende und damit die Menschen frei machende, vergebende und tröstende Gerechtigkeit ist, die uns nicht aufgrund unserer menschlichen Werke, sondern allein aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit, nicht durch äußerliche Frömmigkeitsformen wie den Ablass, sondern durch den Glauben zuteilwird. Damit setzte er gegen die damalige Veräußerlichung auf Verinnerlichung des Christseins, ein zutiefst mystisches Anliegen.“
Zum Thema „Heimholung des Ketzers“ fragt Norbert Bolz in seinem Buch „Zurück zu Luther“: „Müsste das nicht auch die Haltung eines katholischen Theologen Luther gegenüber sein?“ Kasper hat den Versuch jedenfalls gemacht. Bolz, der an der Technischen Universität Berlin Medienwissenschaft und –beratung lehrt, fasst Luthers Kernbotschaft so zusammen: „Das eigentliche Geschenk, das Luther den Menschen machen wollte, hat die Neuzeit zurückgewiesen. Er wollte uns nämlich die Lehre schenken, dass menschliches Sein Glaube ist und dass wir einen gnädigen Gott haben. Stattdessen hat die Neuzeit auf Selbstermächtigung und auf Selbstbehauptung durch Leistung gesetzt. Die Tugend sollte selbst leisten, was man sich als Gnade nicht schenken lassen wollte. Aber wir können heute sehen: Dieses Projekt der gnadenlosen Neuzeit ist gescheitert.“
Bolz verfolgt „als Hobbytheologe und einfaches Mitglied der evangelischen Kirche“ mit seinem Buch, das sehr viele Luther-Zitate enthält, „keine kritische, sondern eher eine pädagogische Absicht“. Dabei möchte er Luther „gegen den sentimentalen Humanitarismus unserer Zeit in Stellung bringen“. Seine Überzeugung lautet: „Es gibt nämlich keinen schärferen Kritiker des Gutmenschentums als Luther.“ Die Stärke dieses Buches ist, dass es Luthers Positionen darlegt und mit unserer Zeit in Beziehung bringt, es wird aber kaum hinterfragt, wie diese Aussagen zustande gekommen sind, was sie mit Luthers Leben und Zeit zu tun hatten. Auch wenn man Bolz mitunter schwer folgen kann oder möchte, muss man anerkennen, dass er sich tiefgründig mit dem Verhältnis von Glauben und Vernunft auseinandersetzt. Sein Fazit: „Die Welt muss ich erkennen, an Gott muss ich glauben. Was wir wissen können, ist Sache der Vernunft. Aber sie wird zur Hure, wo sie auf den Glauben übergreift. Denkend kann man das Wesen Gottes nämlich nicht erfassen.“ Bloßes Wissen, so Bolz, sei kalt und leidenschaftslos: „Zum Glauben kommt man nicht durch einen Gottesbeweis, sondern nur durch Gotteserziehung.“ Religiosität erfordert aus Sicht von Bolz Leidenschaft, Mut und Kampfgeist, und er empfiehlt dem, „der heute einen Glauben für Erwachsene sucht“: Zurück zu Luther!

Konflikt zwischen Luther und Rom

Dem konkreten Ablauf des Konflikts zwischen Luther und Rom geht der Historiker Volker Reinhardt, Professor in Fribourg, in seinem Buch „Luther, der Ketzer“ nach. Dass Luther seine Thesen wirklich eigenhändig ans Tor der Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen hat, wie sein Mitstreiter Philipp Melanchthon überlieferte, gelte „heute wieder als glaubwürdig“, meint Reinhardt. Andere Autoren halten den Thesenanschlag ja für eine Legende, wohl aber habe Luther damals die Thesen an Erzbischof Albrecht von Mainz geschickt und auch sofort als Plakat weit verbreiten lassen.
In Rom fühlte man sich dem „hässlichen Deutschen“ Luther haushoch überlegen. Das ergab Reinhardts Auswertung von Quellen in den Vatikanischen Archiven. Luthers theologische Ansätze konnte oder wollte man im Vatikan nicht verstehen. Man verachtete seine Attacken auf „des Teufels Sau, den Bapst“ und nahm ihn als eitlen, ungebildeten Polterer wahr, der sich gerne der Fäkalsprache bediente und sich mit seinem Antipapismus den deutschen Fürsten anbiederte. Reinhardt zitiert am Ende seines Buches Thomas Mann, der bei aller Bewunderung für Luthers Leistungen nicht hätte „Luthers Tischgast sein mögen“ und sich überzeugt davon zeigte, dass er mit dem Humanisten Leo X. „viel besser ausgekommen wäre“.

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