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42/2016 - Verantwortung und Freiheit
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Ungelesen , 07:37
Verantwortung und Freiheit

500 Jahre Reformation. Was Martin Luther anstieß, ist auch heute eine bleibende Herausforderung:
mit viel Licht – und Schattenseiten, die nicht zu verschweigen sind.


| Von Michael Bünker

„Die“ Reformation gibt es nicht. Der Begriff wird erst im 19. Jahrhundert als Epochenbezeichnung für die Zeit von 1517 bis 1555, also von der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers bis zum Augsburger Religionsfrieden, gebräuchlich. Im Blick auf das 16. Jahrhundert muss man eher von Reformationen im Plural sprechen. Reformationen hat es nämlich schon vor dem 16. Jahrhundert gegeben, zu erinnern ist an die kirchenkritischen Bewegungen des späten Mittelalters, für die Jan Hus und die Waldenser erwähnt werden sollen, aber auch an die Zeit des Konziliarismus, der sich durch die Krise des Papsttums herausgebildet hatte.

Luthers mystische Tradition

Luther selbst stand in einer langen Tradition, insbesondere der Mystik und vor allem des Kirchenvaters Augustinus. Nicht zufällig ist er nach dem Gewitter von Stotternheim 1505 in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt eingetreten. Von seinem Ordensvorgesetzten Johannes von Staupitz erhielt er nicht nur manchen seelsorgerlichen Zuspruch und eine wirkungsvolle Förderung seiner Karriere im Orden und an der Universität in Wittenberg, sondern vor allem die Ausrichtung aller Theologe und Frömmigkeit auf Jesus Christus. So wurden die Bibel und da vor allem die Briefe des Paulus zur wichtigsten Quelle der lutherischen Theologie.
Der vielfältige Aufbruch zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten in ganz Europa wird heute mit dem Kirchenhistoriker Bernd Hamm als „Emergenz“ dessen, was später die Reformation genannt wurde, beschrieben. Inhaltlich war es die „normative Zentrierung“ auf die Botschaft der Rechtfertigung allein aus Gnade (sola gratia), allein durch den Glauben (sola fide) und allein in Jesus Christus (solus Christus), die, wie die weitere Entwicklung zeigte, tiefgreifende Auswirkungen auf die Frömmigkeit und das Kirchenverständnis hatte. Gute Werke und fromme Leistungen bewirken nicht das Heil für den Menschen und die Kirche wird als „Gemeinschaft der Glaubenden“ und nicht länger als die institutionalisierte Heilsvermittlerin in hierarchischer Ordnung gesehen.
Die Auswirkungen der Reformation blieben nicht auf die Kirche beschränkt. Die Lehre vom „Priestertum aller Glaubenden“ begründete den nichthierarchischen Aufbau der Kirche („Was aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof und Papst“ – so Luther 1520). Sie trug auch den Keim einer Gesellschaft von gleichberechtigten Menschen in sich, der später die Entwicklung der modernen Demokratie mitbeeinflussen sollte.
Die Kritik an den Auswüchsen des Frühkapitalismus (Luthers Schriften gegen den „Wucher“, Calvins Einsatz gegen Verschuldung und Zinsbelastung) führten zu ersten Ansätzen einer sozialen Grundordnung, die auf Existenzsicherung und Armutsvermeidung abzielte. Ein besonderes Anliegen war die Bildung, die sich in zahlreichen Schulgründungen und einer umfassenden Reform der Universitäten in humanistischem Geist niederschlug. Damit jeder und jede selbst für den eigenen Glauben einstehen kann, war es notwendig, die Bibel allen zugänglich zu machen. Daher Luthers und Zwinglis Übersetzungen ins Deutsche und in der Folge eine ganze Reihe von Bibelübersetzungen in weitere europäische Sprachen, die oft genug die jeweilige Schrift- und Buchkultur (wie etwa in Finnland oder Slowenien) erstmalig begründeten.
Auch wenn es heute als fragwürdig gilt, direkte Ableitungen moderner Phänomene aus der Reformation vorzunehmen, wie es etwa Max Weber im Blick auf den Zusammenhang von Protestantismus und Kapitalismus getan hat, bleibt doch unbestreitbar, dass auf indirektem und oft verschlungenem Weg vielfältige Impulse der Reformation auf dem Weg zur modernen Gesellschaft wirksam geworden sind.

Nicht lutherisch, sondern Christ

Luthers und aller Reformatoren Anliegen war die Erneuerung der einen Kirche auf der Grundlage des wiederentdeckten Evangeliums. Die Spaltung der Kirche oder gar die Gründung einer eigenen Kirche hatte er nie im Sinn. Er meinte: „Erstens bitte ich, man wolle von meinem Namen schweigen und sich nicht lutherisch, sondern einen Christen nennen. Lasst uns tilgen die parteiischen Namen und uns Christen heißen, nach Christus, dessen Lehre wir haben.“
Zeit seines Lebens hielt er – wenn auch mit zunehmend schwindender Hoffnung und trotz der oft maßlosen Polemik von allen Seiten – an der Möglichkeit der Einigung fest, was nach seinem Tod durch seine Anhänger und Gefährten, wie Philipp Melanchthon, fortgesetzt wurde. Dieses Bemühen war auf allen Seiten gegeben.
Kaiser Karl V. unternahm selbst mehrere Anläufe zur Einigung durch mehrere Religionsgespräche, allerdings ohne Erfolg. Die weitere Entwicklung führte zur Konfessionalisierung und zur Herausbildung unterschiedlicher Blöcke, deren Gegensätze letztlich in der Katastrophe der Religionskriege mündeten. So ist das Reformationsgedenken 2017, das erste im Zeitalter der Ökumene, auch eine Herausforderung für die Frage nach der Einheit der Kirche. Diese Herausforderung wird auf Weltebene ebenso aufgegriffen wie in Österreich, wo das gewachsene vertrauensvolle Miteinander der Kirchen besonders gute Voraussetzungen dafür bietet, das Reformationsjubiläum nicht zur Abgrenzung, sondern auch als gemeinsames Anliegen zu gestalten.
Ein wichtiger Aspekt betrifft die Schattenseiten der Reformation. Hier ist zu erinnern an die blutige Verfolgung der sogenannten Täufer, die sowohl von katholischer wie von evangelischer Seite erfolgte. Täuferisches Christentum konnte letztlich nur außerhalb Europas überleben und ist durch die Baptisten und Mennoniten mittlerweile auch wieder in Österreich beheimatet und in der Ökumene mit den anderen Kirchen verbunden. Zu den Schattenseiten gehört weiters Luthers Stellung im Bauernkrieg von 1525, wo er sich zuletzt auf die Seite der Fürsten stellte und damit einen wesentlichen Baustein für jene Obrigkeitshörigkeit des Luthertums lieferte, die sich vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus als verhängnisvolles Erbe erweisen sollte.

Luthers Judenschriften

Die schrecklichsten Nachwirkungen hatten aber seine Judenschriften, in denen er zur Vertreibung der Jüdinnen und Juden und zur Verbrennung der Synagogen aufrief. Diese Schattenseiten nicht zu verschweigen, gehört mittlerweile zu den festen Grundüberzeugungen der evangelischen Kirchen. Die Verantwortung für dieses Erbe lässt evangelische Kirchen heute für das Grundrecht auf Religionsfreiheit eintreten, macht sie sensibel für die Verwundbaren in der Gesellschaft, begründet ihren Einsatz für die sozial Schwachen und führt zu ihrem Eintreten gegen jede Form von Antisemitismus und für ein gutes Verhältnis zum Judentum. Für das Reformationsjubiläum heißt es, Luther (oder irgendeinen der Reformatoren) nicht zum Heiligen zu verklären und kein nostalgisches Spektakel der Vergangenheitsverklärung zu begehen.
Gemeinsam gestalten die drei Evangelischen Kirchen in Österreich, die lutherische, die reformierte und die methodistische Kirche, das Reformationsjubiläum 2017 mit den Leitbegriffen „Freiheit und Verantwortung“. Freiheit und Verantwortung sind heute von ungebrochener, ja wachsender Aktualität. Zunehmend gerät die persönliche Freiheit unter den Druck wirtschaftlicher Zwänge und technologischer Entwicklungen. Dem gesteigerten Sicherheitsbedürfnis der Menschen, die sich verschiedenen Bedrohungen wie dem Terrorismus gegenübersehen, wird oft allzu leichtfertig die persönliche Freiheit geopfert.

Freiheit für etwas

In diesem Zusammenhang ist zuerst an die Religionsfreiheit zu erinnern. Sie ist die Grundlage für das friedliche Zusammenleben in religiöser Vielfalt, wie sie heute gegeben ist. Nur auf der Basis der Religionsfreiheit und der Menschenrechte können Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Kultur so zusammenleben, dass die Vielfalt nicht zur Bedrohung gerät, sondern zur gegenseitigen Bereicherung werden kann. Daher ist es für Evangelische selbstverständlich, sich für Religionsfreiheit überall und für alle einzusetzen, egal ob religiös oder nicht. Das verdanken sie der Reformation.
Aber die evangelische Freiheit ist keine Beliebigkeit. Sie bindet sich selbst an die Menschen, die am Rand stehen, und an das bedrohte Leben in der Schöpfung. Es ist nicht nur eine Freiheit „von“ etwas, sondern immer auch eine Freiheit „für“ etwas. Sie begründet die Souveränität des einzelnen Menschen, die in der gelebten Gemeinschaft konkret wird. Es ist eine „kommunikative“ Freiheit. Freiheit im evangelischen Verständnis wird durch Verantwortung realisiert. Der freie Mensch ist sich dessen bewusst, dass er Verantwortung für die Folgen seiner Entscheidungen trägt. Diese Verantwortung verwirklicht sich dort, wo sich Menschen einsetzen für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Aus der Reformation lassen sich dafür Ermutigung und Zuversicht gewinnen. Es ist die Mitte des Glaubens, die „normative Zentrierung“ auf den menschgewordenen Gott in Jesus Christus, die dazu befreit und ermutigt. So erweist sich das Erinnern an die Reformation als Bestärkung, sich in festem Gottvertrauen für ein Leben in Würde für alle und für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen.


| Der Autor ist Bischof der Evangelischen Kirche A.B. |

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