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42/2016 - Die Sprachen des Hasses (Otto Friedrich)
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Ungelesen , 09:54
Die Sprachen des Hasses

Der öffentliche Diskurs hat ein massives Sprachproblem. Von den Hasspostings bis zum US-Wahlkampf: Verbale Gewalt übertönt die redliche Auseinandersetzung.

| Von Otto Friedrich

M an kann es beim sprichwörtlichen kleinen Mann festmachen. Oder in der höchsten Politik: Der öffentliche Diskurs hat zurzeit ein massives Sprachproblem. Eigentlich sollte man gar nicht von Diskurs reden, denn dieser verlangt als notwendige Bedingung, dass er unter zivilisatorischen Mindeststandards stattfindet. Doch diese werden, nicht nur, aber gerade in den Social Media permanent unterlaufen.
Was etwa unter dem Label Hasspostings im Netz abgeht, gibt zu höchster Besorgnis Anlass. Da ist der Fall der Facebook-Seite des FPÖ-Chefs, wo ein Krone-Artikel über den Suizid-Versuch eines jungen Syrers in Wien geteilt wurde: Hier zeigte sich, wie schnell sogar Nachrichtenmeldungen aus dem Chronik-Bereich im Nu in ein Inferno sprachlicher Gewalttätigkeit ausarten können. Auch exponierte Persönlichkeiten und solche, über deren Meinung sich der Volkszorn erregt, klagen vermehrt über unzumutbare sprachliche Belästigungen, um es vornehm auszudrücken.
Verbale Entgleisung, sprachliche Gewalt hat es wohl immer gegeben. Was zurzeit aber via neue und/oder soziale Medien passiert, ist eine kaum noch kontrollierbare Flut von Wut und Schaum vor dem Mund, die sich nicht mit einem Andersdenkenden oder politischen Gegner auseinandersetzen, sondern diesen diffamieren und verbal niedermachen, wenn nicht gar – im konkreten Wortsinn – mit Mord und Totschlag bedrohen.

Fratze der Mediengesellschaft

Das alles ist, wie man tagtäglich beobachten kann, längst mehr als die sprachliche Nivellierung der Internetgeneration ins Bodenlose. Denn das erschreckende Phänomen reicht ja bis in den US-Wahlkampf, wo ein sprachlicher Gewaltverbreiter in die Nähe der Präsidentschaft rückt und an der verbalen Eskalationsschraube dreht, wo er nur kann.
Auch das ist eine Fratze der Mediengesellschaft, denn die Medien, die sich nicht mehr durch Relevanz und Informationsqualität definieren, sondern vornehmlich über die Aufmerksamkeitsökonomie, generieren eben jene Aufmerksamkeit, indem sie die Trumps dieser Welt weiter skandalisieren und dadurch Reichweiten, Auflagen und Clicks erhöhen. Medien und sprachliche Gewalttäter hängen voneinander ab. Und die Schwelle von der sprachlichen Gewalt zu Gewalttaten und Brutalität ist leicht zu überschreiten – der Dschihadimus etwa braucht global mediale Präsenz und spielt brillant auf dieser Klaviatur.

Shitstorms verdrängen den Diskurs

Das hier für die kleine wie für die große Welt Angedeutete stellt eine enorme Gefahr für demokratisch verfasste Gesellschaften dar. Denn – siehe oben – diese können nur mit einem und über einen funktionierenden öffentlichen Diskurs existieren. Die skizzierten Entwicklungen sprechen diesem Hohn. Es scheint auch zweifelhaft, ob man dem Verdrängen des Diskurses durch mehr oder weniger intensive Shitstorms schnell beikommen kann. Denn die kommerziellen Player im Bereich sozialer Medien sitzen nicht hierzulande, was rechtliche Sanktionen stark erschwert. Im Gegenteil: Facebook, Google & Co suchen, über dem lokalen Recht zu stehen. Und staatliche Institutionen, die für die Internetgiganten maximale Freiheit und für deren Opfer minimale Möglichkeiten bereithalten, sich dagegen zu wehren, finden sich längst weltweit – analog den Steueroasen im Finanzbereich.
Hasspostings sind da gleichfalls nur eine Fratze der beschriebenen Entwicklungen. Auch wenn es schwierig scheint, müssen (Zivil-)Gesellschaften besser heute als morgen daran arbeiten, der öffentlichen sprachlichen Gewalt Herr zu werden. Denn auch ein Blick in die Historie vor 80, 90 Jahren zeigt: Gewalt durch Sprache ist die Vorstufe zu physischer Gewalt. Und zu Totalitarismus und Krieg: Auch der Nationalsozialismus begann mit nonchalantem bis unverschämtem Einsatz von verbaler Gewalt.
Die diesbezüglichen Menetekel sind bereits unübersehbar.

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