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44/2016 - Beredtes Zeugnis der Zeitungen
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Beredtes Zeugnis der Zeitungen

Wie die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen anhand der öffentlichen Wahrnehmung
des Volksgerichts Wien auch heute greifbar wird.


| Von Otto Friedrich


D ie es erlebt haben, werden weniger. Die Zeitzeugen, die den wesentlichen Teil der Erinnerung an die Gräuel der Schoa, der Judenvernichtung durchs NS-Regime, getragen haben, sind verstorben oder in ihren 85ern oder 90ern. Vielleicht stellte im Juli 2016 der Tod von Elie Wiesel, Friedensnobelpreisträger 1986 und einer der wortmächtigsten Zeugen, der der Hölle der Vernichtungslager entrinnen konnte, jene Wegmarke dar, ab der das Gedenken endgültig in die Hände der Nachgeborenen zu legen war. Und zwar nicht nur der unmittelbaren Nachkriegsgeneration, sondern jener Jungen, welche die schreckliche Zeit nur mehr aus den Erzählungen der Groß- oder Urgroßeltern kennen – oder durch Kommunikationsmittel, die sich in den letzten 70 Jahren ihrerseits radikal verändert haben.
Die Auseinandersetzung mit der Schoa findet heute weitgehend über die Medien statt, und es gibt zahlreiche, gelungene und weniger gelungene Versuche, mit den Mitteln der Zeit die Erinnerung nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen (vgl. auch die folgenden Seiten). Und es bedarf weiterhin der Quellenforschung, nicht nur um zu erinnern, sondern um Licht in bislang unbeleuchtete Vorgänge rund um die Schoa zu bringen.

Volksgerichte in den Zeitungen

Der Wiener Publizist Hellmut Butterweck hat vor kurzem sein Opus Magnum diesbezüglicher Aufarbeitung vorgelegt, das seinerseits eine bislang ungekannte Auswertung von Medienberichten darstellt. In „Nationalsozialisten vor dem Volksgericht Wien“ dokumentiert Butterweck akribisch anhand der damaligen Zeitungsberichte die Prozesse gegen Nationalsozialisten, die vor dem in Wien zwischen 1945 und 1955 bestehenden Volksgericht stattfanden. Ein umfassendes Werk über Österreichs juristischen Umgang mit den NS-Tätern jener Jahre aus dem Blickwinkel von Journalisten, die aus dem Gerichtssaal berichteten.
Die vier Besatzungsmächte hatten zur Verfolgung der NS-Verbrechen je ein Volksgericht (teilweise mit Außenstellen) in ihrer Besatzungszone errichtet. Das Volksgericht Wien, dessen Arbeit Butterweck via Zeitungsberichte dokumentiert, erledigte mit mehr als 11.000 Fällen in etwa die Hälfte der gesamten Kausen. 840 dokumentiert der Autor und schafft damit ein „Panorama des nazistischen Verbrecherregimes“, wie der Historiker und Schriftsteller Doron Rabinovici das Mammutwerk im Standard lobt.
Jahr für Jahr arbeitet Butterweck die Prozesse ab und zeigt nicht nur, wozu Menschen, die sich dem NS-Regime unterworfen hatten, fähig waren, sondern – und das ist das Ernüchternde – wie vergleichsweise milde die Urteile des Volksgerichts ausfielen, wobei 1945 das Gericht noch verhältnismäßig streng war. Im Staatvertragsjahr 1955 dokumentiert das Buch nur mehr fünf Prozesse.

Verständliche Anschauungen

Die Zeitungsberichte eignen sich deswegen gut zur Anschauung dessen, was da vor dem Volksgericht zur Sprache kam, weil sie nicht in juristischem Jargon daherkamen, sondern für Leser verständlich sein mussten – und kurz, denn in den ersten Nachkriegsjahren herrschte in Wien Papierknappheit, sodass die meisten Tageszeitungen nur als vierseitige Blätter erscheinen konnten.
Das „Panorama“ der Schreckensherrschaft reicht von Denunziationen bis zu Folter, Mord und Totschlag. Die Ereignisse vom Todesmarsch von Engerau (heute der Stadtteil Petrzˇalka von Bratislava), bei dem in den letzten Kriegstagen ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter ermordet wurden, werden ebenso dargestellt wie die Ereignisse vom 6. April 1945, bei dem in der Strafanstalt Stein 200 großteils politische Gefangene getötet wurden. Der letzte Prozess, den Butterweck im Buch dokumentiert, behandelt auch diese Ereignisse, allerdings bezeichnete der Richter 1955 die Vorgänge in Stein als „bedenkliche Lage“, die „unter Umständen auch als Revolte“ hätte gewertet werden können: Auf diese Weise konnte auch ein Freispruch eines an den Tötungen Beteiligten begründet werden. Auch diese Darstellung zeigte, wie sich das Unrechtbewusstsein mit dem Abstand zu den tödlichen Ereignissen minderte und minderte.
Natürlich ist der umfangreiche Band kein Buch zum „Durchlesen“. Aber das beständige Blättern darin und das Hängenbleiben an einzelnen Fällen hilft, eine Ahnung von der Gemeinheit, aber auch der Dummheit und der Banalität der Täterinnen und Täter zu erlangen. Wer sich auf diese Lektüre einlässt, erfährt gleichermaßen Beklemmung wie einen klareren Blick auf die Geschehnisse.
Es ist das eigentliche Verdienst der Publikation, dass dies in einer durch und durch journalistischen Zugangsweise geschieht (was ja nichts an den Fakten ändert). Denn Hellmut Butterweck ist von seiner Profession her Journalist mit Leib und Seele. Er war mehr als fünf Jahrzehnte Redakteur der FURCHE – noch unter FURCHE-Gründer Friedrich Funder trat er in die Redaktion ein und ging erst 2003 mit 75 als Leiter des Buch-Ressorts dieser Zeitung in den Ruhestand. Butterweck, der demnächst seinen 89. Geburtstag begeht, gehört somit selbst zu den Zeitzeugen, die weniger und weniger werden; dank seiner ungebrochenen Schaffenskraft konnte er auch sein Mammutwerk, das er bereits zu seinen FURCHE-Zeiten begonnen hat, nun abschließen.
Nur als Beispiel aus den Prozessberichten sei die Darstellung des Volksgerichtsprozesses gegen den Burgschauspieler Otto Hartmann genannt, der der Widerstandsgruppe „Österreichische Freiheitsbewegung“ rund um den Klosterneuburger Augustiner-Chorherrn Roman Scholz angehörte, der an die Gestapo verraten und 1940 verhaftet und vier Jahre später hingerichtet wurde. Hartmann war der Spitzel, der die Zusammenkünfte der Österreichischen Freiheitsbewegung kontinuierlich an die Gestapo berichtete. Nach dem Krieg arbeitete Hartmann bei der Staatspolizei in Tirol unter falschem Namen, nach seiner Verhaftung entkam er 1947, wurde aber wieder gefasst und im November desselben Jahres vor das Volksgericht gestellt.

Der Prozess gegen Otto Hartmann

In den sechs Seiten über den Hartmann-Prozess entfaltet Butterweck das Panorama des Verrats durch den Burgschauspieler, er zitiert u. a. aus dem Bericht der ÖVP-Zeitung Das kleine Volksblatt über das Zeugnis des Schauspielerkollegen Paul Hörbiger, der vor dem Gericht aussagt, „er habe während der Haft erfahren, dass Hartmann als bezahlter Gestapospitzel fungiere und seine Burgtheaterkollegen ins Verderben bringen wollte.“ Der Prozess endete mit dem Urteil „lebenslang“, 1959 wurde Hartmann wegen schwerer Krankheit begnadigt.
Hellmut Butterweck darf sich heuer auch über eine längst fällige Anerkennung freuen: Er erhält für sein publizistisches Lebenswerk den mit 8000 Euro dotierten Preis der Stadt Wien. Die Ehrung wird am 9. November übergeben – ein symbolträchtiger Termin gerade für die Erinnerungsarbeit, der sich Butterweck über Jahrzehnte verschrieben hat: Es ist der 78. Jahrestag der Novemberpogrome 1938, die gerade in Wien jenen flächendeckenden Gewaltausbruch gegen die jüdische Bevölkerung markierten, der dann in das Menschheitsverbrechen der Schoa mündete.


Nationalsozialisten vor dem Volksgericht Wien
Österreichs Ringen um Gerechtigkeit 1945–55
in der zeitgenössischen öffentlichen Wahrnehmung
Von Hellmut Butterweck.
Studienverlag 2016.
800 Seiten,
kt. € 49,–

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  21:36:59 04.15.2005