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44/2016 - Sensibilisierung für das Schreckliche
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Alt 02.11.2016, 08:06
Sensibilisierung für das Schreckliche

Die Vermittlung der Schoa erfolgt heute fast nur noch auf Basis von Medien. Kann man dabei neben dem historischen Wissen auch Werte der Humanität vermitteln? Ein Projekt an der Universität Wien ist dieser Frage in mehreren Ländern nachgegangen.


| Von Martin Tauss

Es war der erste maßgebliche Dokumentarfilm über die Schoa, und seine schwarz-weißen Bilder verschonen das Publikum nicht: Mitte der 1950er-Jahre drehte der französische Regisseur Alain Resnais den 32-Minuten-Film „Nacht und Nebel“. Experimente mit KZ-Insassen sind darin zu sehen, ebenso wie Aufnahmen von einem Bulldozer, der Leichenhaufen zusammenschiebt. Auch ein Bild, das vermutlich aus dem Inneren einer Gaskammer stammt und in einer Zahnpasta-Tube aus dem Lager geschmuggelt worden sein soll: Über Dutzenden nackten Leichen steigt Rauch auf, Mitglieder eines NS-Sonderkommandos blicken auf sie herab. Wie reagiert man heute auf diese und ähnliche Szenen? Und kann die Konfrontation mit dem Schrecklichen vielleicht als „Impfung“ fungieren, um aus der Geschichte zu lernen und künftiges Unheil zu vermeiden?

Implizites Gedächtnis

Für den Kommunikationswissenschafter Jürgen Grimm dient der legendäre Film von Resnais als Ausgangspunkt, um die Wirkung von Bildern dieses ultimativen Zivilisationsbruchs zu untersuchen. In seinem Projekt an der Universität Wien wird die „medienbasierte Holocaust-Rezeption“ in verschiedenen Staaten beleuchtet. „Es gibt derzeit die starke Tendenz zur Mediatisierung von Geschichte, also historische Inhalte in Form von Spielfilmen, TV-Dokus, Internet-Foren oder Computerspielen zu vermitteln“, sagt Grimm. „Zugleich stehen kaum noch Holocaust-Überlebende als Mediatoren zur Verfügung. Insofern wollen wir gemeinsam mit Historikern optimierte Strategien für die mediale Geschichtsvermittlung finden.“
Es begann in Österreich und Deutschland, wo zunächst nicht-jüdische Teilnehmer mit dem Film konfrontiert wurden. Um die Perspektiven von „Täter-“ und „Opfer“-Nachfahren vergleichen zu können, wurden aber auch Wiener Juden sowie Juden in Israel in die länderübergreifende Studie einbezogen. In einer zweiten Stufe wurde die Situation in der Türkei sowie in osteuropäischen Staaten wie Polen, Ungarn, Ukraine und Russland erfasst. Ein weiterer Fokus waren Frankreich und England (als Siegermächte des Zweiten Weltkriegs) sowie – fernab des Eurozentrismus – Vietnam.
Forschungsleitend war das neu entwickelte Modell einer „Multidimensionalen Geschichtsvermittlung“ (MIH): Dieses erfasst nicht nur vergangenheitsbezogene Prozesse im Sinne eines „expliziten Gedächtnisses“, sondern auch solche, die für die Gegenwart relevant sind. In dieses „implizite Gedächtnis“ fällt etwa das kollektive Gefahrenbewusstsein wie die Risikoeinschätzung bezüglich rechtsradikaler Entwicklungen sowie der Bereich der „Humanitätsvermittlung“. Hier geht es u. a. um Aggressionskontrolle, den Abbau von Vorurteilen und um politisches Engagement, vor allem für die Menschenrechte. Auf diese Weise kann beurteilt werden, wie leistungsfähig mediale Produkte wie Dokumentationen, Spielfilme etc. für eine bestimmte Zielgruppe in der Geschichtsvermittlung sind. Diese Beurteilung ist differenziert und reicht vom Transfer historischen Wissens bis zur Vermittlung von Werten der Humanität.

Körperliche Parameter

„Erinnerung ist nicht nur rückwärtsgewandt, sondern immer auch in einen Gegenwarts- und Zukunftshorizont eingebettet“, betont Grimm. „Wir haben nun ein Instrument, um einschätzen zu können, wie dieser Ansatz prophylaktisch, im Sinne der Humanitätsförderung, wirksam ist.“ Eventuell unerwünschte Vermittlungseffekte können dann durch eine Veränderung der Medienkommunikation korrigiert werden. Von den Erkenntnissen dieser Forschung sollen vor allem Lehrer und Journalisten profitieren.
Dass der verwendete Film von Alain Resnais keine leichte Kost ist und gerade in der Zielgruppe der Jugendlichen stark belastend sein kann, ist dem Forscher, der bereits in den 1990er-Jahren über die Wirkung von Gewaltdarstellungen gearbeitet hat, bewusst. Hier gelte es, die Grenzen der Vermittelbarkeit auszuloten. Das passiert im Forschungsprojekt auch durch körperliche Untersuchungen. Um das Angst- und Stresspotenzial der medialen Bilder zu beurteilen, werden die Herzfrequenz und der Hautwiderstand der Probanden gemessen. In der Ukraine werden jetzt auch Messungen der Gehirnströme mittels EEG durchgeführt, wie Grimm berichtet: „Wir können relativ genau sagen, wo die Szenen mit Belastungspotenzial sind und durch Befragung der Teilnehmer herausfinden, ob sie das produktiv verarbeiten oder ob es zu unerwünschten Blockaden und Vermeidungsstrategien kommt.“
Ähnlich, wie wenn man Schüler mit ihrer Rezeption der Schreckensbilder konfrontiert, um darüber nochmals zu reflektieren, hat die „geteilte Perspektive“ eines transnationalen Projekts einen aufklärerischen Effekt, ist Grimm überzeugt. Denn es gelte, extreme Formen der nationalistischen Instrumentalisierung von Geschichte zu vermeiden. „Wenn wir so einen Zivilisationsbruch künftig vermeiden wollen, dürfen wir nicht bei einer Nation stehenbleiben. Wir brauchen verschiedene Sichtweisen auf dieses historische Ereignis.“

Kosmopolitisierung der Schoa

Ungarn etwa nimmt die Schoa durch die Brille seines nationalen Grundverständnisses als „ewiges Opfer“ wahr und stellt dabei lieber die eigenen Katastrophen in den Mittelpunkt des öffentlichen Erinnerns. In der Ukraine wiederum fällt es leicht, den symbolischen Wert der Schoa mit dem „Holodomor“ – der traumatischen Hungerkatastrophe infolge des Stalin-Terrors – im Dienste nationaler Narrative zu parallelisieren. „In gewissem Maße aber ist der Holocaust zu einer kosmopolitischen Chiffre geworden“, so Grimm: Auch wenn er durch verschiedene nationale Brillen betrachtet wird, ist er ein Nucleus für das Nachdenken über Zivilisationsbrüche überhaupt. Dieser These von der Kosmopolitisierung der Schoa stimmen heute auch die prominenten israelischen Schoa-Experten Moshe Zuckermann und Natan Sznaider uneingeschränkt zu.
Bemerkenswert an der „Nacht und Nebel“-Rezeption war, dass etwa in Russland ein positiver Effekt selbst beim Engagement für die Menschenrechte zu registrieren war. In Österreich und Deutschland hingegen blieb dieser Aspekt der Humanitätsvermittlung aus. Jürgen Grimm erkennt darin einen „Misanthropie-Effekt“: Bei den Nachkommen der Tätergesellschaften sei hier wohl eine „moralische Überdehnung“ zu beobachten, die einer reflexiven Begleitung bedürfe. Die „Impfung“ durch die Filmrezeption aber funktioniert im Prinzip überall, resümiert der Kommunikationsforscher: „Vorurteile werden abgebaut, bei Konflikten wird die Kompromissbereitschaft gestärkt. Die Schreckensbilder befördern das Humanitätsbewusstsein.“ Die mediale Thematisierung von Kriegsgräueln, Massakern und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit kann somit einen „ethischen Imperativ“ zur Bewahrung zivilisatorischer Errungenschaften und grundlegender Menschenrechte generieren.

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