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46/2016 - Die Angst vor dem Weltverlust
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Ungelesen , 10:07
Die Angst vor dem Weltverlust

Im Wahlsieg Donald Trumps bündelt sich eine Vielzahl an Ängsten und Irritationen unterschiedlichster Art. Nicht alles lässt sich als überzogen oder gar paranoid abtun.

| Von Manfred Prisching


Überraschend war das Ergebnis für die meisten. Aber bei den Gründen und Motiven für das amerikanische Wahlergebnis gibt es unterschiedliche Denkschulen. Das erste Modell deutet auf die materiellen, wirtschaftlichen Entwicklungen: den Abstieg der amerikanischen Mittelklasse, die verlorenen industriellen Arbeitsplätze, die zunehmende Polarisierung der Einkommensverhältnisse, das Ende des „amerikanischen Traums“. Da gibt es viele Verlierer, die durch Immigranten noch weiter bedrängt werden; sie sind wütend.
Das zweite Erklärungsmodell bringt das Manipulative und Populistische ins Spiel: Mit der nötigen Kaltschnäuzigkeit kann man den Menschen alles versprechen, was man nicht halten kann, man kann alle ihre Vorurteile nutzen und verstärken, und vor allem braucht man Sündenböcke, denen man alle Übel der Welt anhängen (und gegen die vorzugehen man versprechen) kann. Bei den Sündenböcken erweist es sich als besonders zweckmäßig, wenn man diese gesellschaftspolitisch gleichzeitig oben (das politische und/oder wirtschaftliche Establishment, die Schickeria, die Intellektuellen) und unten (die „Parasiten“, Muslime und Latinos, Immigranten und Terroristen) verorten kann.
Die dritte Denkrichtung verweist auf die Angstgesellschaft. Die alten Sinnstiftungssysteme (von Religion über Nation bis Ideologie) sind weitgehend geschwunden, und nun beginnt selbst die Überdeckung des normativen Vakuums durch Wohlstand und Konsum zu bröckeln. Man weiß nicht mehr, welche Spielregeln überhaupt noch gelten. Wer sind „wir“? Als „male bread-winners“, die ihre Stellung verlieren; als Waffenträger, denen ihr Spielzeug weggenommen zu werden droht; als „Amerikaner“, in deren Umkreis bloß noch spanisch gesprochen wird? Angst vor dem Weltverlust. Das Empfinden, ein Fremder im eigenen Land zu sein. Das Urteil, dass die Welt an allen Ecken und Enden aus den Fugen geraten zu sein scheint.

Optionen für Demagogen

Die drei Modelle hängen in Wahrheit zusammen. Denn da sind die erlebte Stagnation und Bedrängnis für den größeren Teil der Bevölkerung, der Wertverlust des Hauses, die desolate Infrastruktur, der ethnische Zuzug; das macht Angst, weil man sich als Opfer ungreifbarer Entwicklungen fühlt, von denen man „herumgeschubst“ wird, und weil jede Orientierung abhanden kommt; und dieser Druckzustand, der durchaus noch nicht paranoid ist, fördert Wahnvorstellungen und eröffnet Optionen für jeden irrealen und autoritären Demagogen. Wer in die Enge getrieben wird, der beißt zu, und der Demagoge zeigt (und zeigt vor), wohin man beißen muss.
Das Empfinden, dass die Welt aus den Fugen geraten ist, wird dadurch verstärkt, dass das intellektuelle Amerika keine Konzepte für die weiße, ansässige Mittelklasse entwickelt hat. Vielmehr wurde dieser andauernd erklärt, dass ihre Gefühle unberechtigt seien und dass sie endlich zur Moderne aufschließen solle. Doch es reicht nicht, dass die Ökonomen einer von Arbeitslosigkeit gefährdeten oder diese im Nahbereich erlebenden Familie erzählen, dass sie im weltweiten Vergleich zu den Privilegierten gehört und Globalisierung eine feine Sache, nämlich ein Vorteil für alle ist. Es reicht nicht, wenn Menschenrechtsaktivisten einer Unterschicht, die ohnehin schon (wirtschaftlich und sozial) „überflüssig“ geworden ist und immer mehr unter den Druck von „unterschichtenden“ Einwanderern gerät, erklären, dass sie rassistisch sei, wenn sie jenen Grenze und Herz nicht zu öffnen bereit ist, die in Zukunft ihre Jobs übernehmen werden. Es reicht nicht, wenn Kulturwissenschaftler jene als provinziell und borniert abstempeln, die sich nicht jede gegenkulturelle Auflösung von „Gültigkeiten“ gehorsam zu eigen machen, sondern diese als verrückt ansehen: die Übersteigerung politischer Korrektheit etwa oder das skurrile Spiel von „trigger warnings“. Auf welcher Seite liegt da die „Verrücktheit“? Oder die kulturtheoretische Attacke auf die angeblich illegitime Unterscheidung von männlich und weiblich, die für die meisten Menschen immer noch eine ganz brauchbare Ordnung der Wirklichkeit darstellt. Dann kommt einer, der ungeniert vom „Grapschen“ redet, und die Menschen finden das ganz witzig.
Die als anomisch empfundene Situation hat die Wahnvorstellungen im Zuge des amerikanischen Wahlprozesses wuchern lassen. Doch es ist nicht unbedingt paranoid, Angst zu haben in Anbetracht der Erkenntnis, dass der lange dominierende „amerikanische Traum“ zerbröselt ist, dass die Idee von der Gesellschaft der unbegrenzten Chancen, von der Gemeinschaft jener, die harte Arbeit und Regelgehorsam einbringen und dafür belohnt werden, sich in Luft aufgelöst hat. War nicht vielmehr die lange Aufrechterhaltung des „amerikanischen Traums“, der längst durch empirische Indikatoren als Schimäre erwiesen wurde, eine Wahnvorstellung? Nun erleben sie, dass sie alles richtig gemacht haben – und dennoch alles den Bach hinunter geht. Sie hören, dass Konzerne und Banken mit enormen Steuergeldern gerettet werden, während die Managereinkommen explodieren und die Bosse zehn Unternehmen auf den Cayman-Inseln benötigen, um ihre Steuerangelegenheiten zu „regeln“. Sie lesen auf den ersten Seiten der Zeitungen, dass Erwartungen gedrosselt und staatliche Programme gekürzt werden müssen – und weiter hinten lesen sie, dass die Luxusmärkte boomen wie nie zuvor. Das alles wird als „Verrat“ wahrgenommen (und das nicht ganz zu Unrecht).
Dennoch waren es Wahnvorstellungen, die den Wahlkampf dominiert haben: die Visionen des Demagogen, der gleichzeitig Rebell gegen Autorität und neuer starker Führer ist; des Etablierten, der gegen Etablierte hetzt; des Tricksters, der alle Regeln brechen, ungestraft alle Lügen wiederholen und gar für ein intensiveres Foltern plädieren darf; des Narzissten, der alles sagt, was ihm Aufmerksamkeit bringt, und dann das Gegenteil; des Größenwahnsinnigen, der Mauern bauen, die Globalisierung umkehren und Amerika wieder groß machen will. Dem liegt eine paranoide Vorstellung von der Welt zugrunde, jenseits von Wahlkampf oder Showgeschäft. In den Umkreis einer Paranoia gehören Merkmale des Fanatismus und des Querulantentums, des Verfolgungs- ebenso wie des Größenwahns sowie generelle Wahrnehmungsstörungen – alles vorhanden.

Letzte Zuckungen …

Das alles könnte ganz lustig sein, wenn es sich nicht darum handelte, dass eine Person, über die in zahlreichen politischen Kommentaren in psychopathologischen Kategorien gesprochen wird, an die entscheidende Machtposition der westlichen Welt geraten ist. Wie sprechen wir hinfort über die Werte des Westens, wenn eine Fülle von Zitaten des amerikanischen Präsidenten beigebracht werden kann, in denen sie verhöhnt oder dementiert werden? Wie argumentieren wir die Vorzüglichkeit einer demokratischen Ordnung, wenn dieselbe Person wesentliche ihrer Elemente (von der Liberalität über die Rechtsstaatlichkeit bis zu den Menschenrechten) bereits nonchalant vom Tisch gewischt hat? Aber vielleicht sind das ohnehin nur noch letzte Zuckungen einer liberal-aufgeklärten Welt, die wir zu sehr als selbstverständlich angesehen haben.

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  07:03:24 07.15.2005