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46/2016 - „Ohne kritische Kontrolle“
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Ungelesen , 10:18
„Ohne kritische Kontrolle“

Psychiater Thomas Stompe über bedrohte Männer, populistische Politik und die Mechanismen der Paranoia.

| Das Gespräch führte Martin Tauss

Als Psychiater behandelt Thomas Stompe u. a. Patienten mit Wahnideen. Die FURCHE hat ihn in seiner Wiener Ordination besucht und über das Phänomen Paranoia und dessen aktuelle gesellschaftliche Dimension befragt.

DIE FURCHE: Herr Professor Stompe, welche psychologische Dynamik erkennen Sie hinter dem Wahlsieg
von Donald Trump?

Thomas Stompe: Ein Aspekt ist, dass auf schon überwunden geglaubte Männlichkeitsbilder zurückgegriffen wird. Wenn man das Gefühl hat, zu den sozialen Verlierern zu gehören, bleibt einem oft nichts mehr übrig als der Status durch das Geschlecht, nach dem Motto: „Ich bin immerhin ein Mann“. Dieser natürlich mitgegebene Status hat im Zuge der Emanzipation und „Political Correctness“ an Bedeutung verloren. Jetzt erleben wir den „Rebound-Effekt“. Sich bedroht fühlenden Männern kommt ein Phänomen wie Trump sehr entgegen. Interessant übrigens, dass sich hier die Rechtspopulisten und die Islamisten treffen, denn sie haben ähnliche Männlichkeitsbilder.
DIE FURCHE: Hat in Trumps Wahlkampf die Paranoia eine Rolle gespielt?
Stompe: Da gab es durchaus paranoide Züge: Fakten wurden selektiv aussortiert und auf Basis eines ängstlichen oder aggressiven Affekts weitergesponnen. Es gab ein Schwarz-Weiß-Modell mit „guten“ und „bösen“ Gruppen, wie es bei der Paranoia prägend ist. Beim Wahn ist das kritische Denken als interne Kontrollinstanz ausgeschaltet, welche die paranoide Bewertung der Welt relativieren könnte. Das gilt analog für die kollektive Paranoia, wo gesellschaftliche Kontrollinstanzen wie kritische Medien ausgeblendet oder negativ bewertet werden. Solche Medien werden dann strategisch mit dem Verdacht belegt, zur „Elite“ zu gehören, auf die man nicht mehr hören will.
DIE FURCHE: Die vielen Lügen von Trump wurden in diesen Medien zwar entlarvt, aber das hat seinen Triumph nicht verhindern können. Werden demokratische Wahlen immer wirklichkeitsunabhängiger?
Stompe: Es ist zu hoffen, dass es wieder zu Gegenbewegungen kommt. Wir erleben eine Phase der „Anti-Aufklärung“, wo Errungenschaften der Aufklärung wieder zur Disposition stehen: die Menschenrechte; das kritische Denken; der Versuch, allgemeine Gesetze zu schaffen. Populistische Politiker versuchen, Ängste aus der Bevölkerung aufzunehmen, ohne weiter damit zu arbeiten. Ein Beispiel aus der Therapie: Wenn jemand Angst vor Spinnen hat, versucht der Therapeut herauszufinden, was dahinter steckt. Man wird versuchen, sich der Spinne schrittweise anzunähern: durch die Konfrontation mit Bildern, später vielleicht mit realen Spinnen. Populistische Politiker aber folgen dem Motto: „Ihr habt Angst vor einer Spinne, wir machen sie für euch tot!“ Man sagt nicht, dass die Ängste auch irrational sein könnten, sondern man instrumentalisiert und verstärkt diese Ängste noch.
DIE FURCHE: Therapeutisch müsste man also eher sagen, nähern wir uns der Spinne doch an: der Angst vor Überfremdung, vor dem sozialen Abstieg, et cetera?
Stompe: Der Kontakt mit Fremden kann tatsächlich der Fremdenangst entgegenwirken. Dass die Fremdenfeindlichkeit in Europa angestiegen ist, entspricht den Ambitionen der Terrororganisation IS. Mit der ganzen Panik, die in Europa entstanden ist, arbeiten wir letztlich dem IS zu. Wir sollten wieder verstärkt auf aufklärerisches Denken setzen und uns nicht in den Panik- und Paranoia-Modus hineintreiben lassen, der nur selbstschädigend ist.
DIE FURCHE: Wo sehen Sie die Ursachen dafür, dass unsere Gesellschaft wieder anfälliger für die Paranoia geworden ist?
Stompe: Unsere Welt wird immer schneller zunehmend komplexer. Das verlangt dem Einzelnen immer mehr Flexibilität ab. Die Paranoia liefert vor allem eindeutige Tatsachen wie gut und böse, schwarz und weiß: Die Welt wird stark vereinfacht und damit für die Betroffenen wieder leichter handhabbar. Zugleich entsteht eine Ventilfunktion: Es gibt die „Bösen“, die man mit Aggressionen bedenken kann, das führt zu einer individuellen Entlastung. Denn der Wahn bietet immer auch Komplexitätsreduktion.
DIE FURCHE: Was aus Sicht der Evolution Sinn macht, etwa als die Menschen noch Jäger und Sammler waren und auf ihren Streifzügen ständig Gefahren vermuten mussten. Es heißt ja auch: „etwas ist im Busch“...
Stompe: Dieses Schwarz-Weiß-Denken hilft natürlich, dass man im Zweifelsfall schnell reagiert. Wenn man erst beginnt, die Fakten zu sondieren, ob die schwarzen Flecken vielleicht doch etwas anderes als ein Leopard sein könnten, ist es vielleicht zu spät. Man geht besser davon aus, dass es ein Raubtier ist. Das Problem heute ist, dass plötzliche Bedrohungen selten sind. Es sei denn, man macht eine Trekking-Tour im Dschungel: Der Paranoiker verhält sich, wie wenn er sich stets im Urwald befinden würde.
DIE FURCHE: Nun gut, aber heute bewegen wir uns eben im Dschungel der digitalen Welt ...
Stompe: Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass der Druck der Flexibilität steigt, lebenslanges Lernen immer dringlicher wird. Es gibt keine stabilen Karrierewege mehr. Daran scheitern viele Menschen, und die greifen dann auf ganz simple und basale Dinge zurück, aus denen sie wieder Identität schöpfen können – selbst wenn das weit weg von der Realität ist. Paranoia funktioniert auf der Gefühlsebene. Wenn Sie jemanden mit Verfolgungswahn hinweisen: „Das ist doch höchst unwahrscheinlich, dass das ganze Brimborium gemacht wird, nur um sie zu verfolgen“, dann wird die Geschichte oft sogar noch ausgebaut, um die eigene Bedeutsamkeit zu retten. Weil in der Paranoia ist man das Zentrum der Welt. Der Einzelne oder die Gruppe wird zutiefst bedeutungsvoll. So lässt sich kompensieren, dass man im Zuge der Globalisierung eher zu den Verlieren gehört.
DIE FURCHE: Wo verläuft die Grenze zwischen einer noch normalen Skepsis, einem gesunden Verdacht und einem schon pathologischen Misstrauen, das in Richtung Paranoia und Parallelwirklichkeit führt?
Stompe: Die Grenze ist überschritten, wenn es nicht mehr möglich ist, das Bezugssystem zu wechseln: Wo man selbst nach äußerer Anregung nicht mehr in der Lage ist, eine andere Perspektive anzunehmen. Dann bleibt man konsequent und geschlossen bei der eigenen Sichtweise und ist für Argumente von außen nicht mehr zugänglich.
DIE FURCHE: Inwiefern spielt der kulturelle Hintergrund in den Wahn hinein?
Stompe: Es gibt stets einen Kern des Wahns, der kulturübergreifend stabil ist, wie das zentrale Thema der Verfolgung. Aber von wem man sich verfolgt fühlt, ist kulturabhängig: In den 1950er-Jahren fühlten sich viele Schizophrenie-Patienten vom Sputnik und von Geheimagenten verfolgt. Heute glauben sie oft, dass sie in einer Matrix sind.
DIE FURCHE: Welche Mechanismen sind bei einer kollektiven Paranoia am Werk?
Stompe: Man liest zum Beispiel in einer U-Bahn-Zeitung, dass afghanische Männer ein Mädchen vergewaltigt haben. In den sozialen Netzwerken erfährt man, dass Afghanen häufig Vergewaltiger sind. Dann hört man von einem Bericht der Statistik Austria, wonach die Mehrheit der Vergewaltiger noch immer Österreicher sind: Unter statistischer Berücksichtigung von Alter und Geschlecht bleibt für kulturelle Zuordnungen nicht viel über. Wenn man dann aber schon weit in sein eigenes Ideengebäude verstrickt ist, wäre die nächste Reaktion: Alle Medien lügen. Medien als potenziell kritische Instanzen, die solche Ideen wieder relativieren könnten, werden dann als „Lügenpresse“ abgewertet oder nicht mehr akzeptiert.
DIE FURCHE: Der Internet-Aktivist Eli Pariser hat das Phänomen der „Filterblase“ beschrieben: Die Algorithmen von Facebook etwa begünstigen die Entstehung von abgeschlossenen Meinungsräumen, in der abweichende Standpunkte gar nicht mehr auftauchen. Wer sich darin verstrickt, neigt zur Radikalisierung. Für wie gefährlich halten Sie dieses Phänomen?
Stompe: Das ist insofern gefährlich, weil es in der digitalen Welt dem entspricht, was auch draußen in der Gesellschaft zu beobachten ist. Heute wächst die Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung. Das Problem sind aber nicht die Medien per se.
DIE FURCHE: Was kann man dagegen tun?
Stompe: Ein Ansatzpunkt ist der schulische Bereich. Die Kinder werden zu früh in diese digitale Welt hineingestoßen und wissen noch gar nicht, wie man Information gewichtet und aussortiert. Das ist die andere Seite der „Filterblase“: Man steht orientierungslos vor dem Chaos. Der Modus von Google ist genau das Kontrastprogramm zu Facebook: hier sind die Informationen unüberschaubar, dort zu einseitig und kaum zu relativieren. In beiden Fällen ist das große Problem, dass Kinder und Jugendliche nicht ausreichend lernen, wie man damit umgeht.

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