ro ro

Themen-Optionen Ansicht

47/2016 - Ästhetisches Kapital
  #1  
Ungelesen , 08:02
Ästhetisches Kapital

Im Spannungsfeld wirtschaftlicher Interessen ist der Körper zur Kampfzone geworden: Wir beginnen an der Schönheit zu leiden.

| Von Martin Tauss

Sucht man in den Werken der alten Philosophen, was diese über die Schönheit zu sagen haben, wird rasch klar, dass diese von einer lebensverändernden Erfahrung sprechen. In der antiken Ideenwelt Platons etwa war das Schöne noch unauflösbar verknüpft mit dem „Guten und Wahren“ – was ursprünglich nicht auf ein bildungsbürgerliches Idyll verwies, sondern wohl eher auf ein Gipfelerlebnis am griechischen Olymp, eine Erfahrung der Götter. Kein Wunder, dass es seit jeher ein Naheverhältnis zwischen Ästhetik und Religion gibt, dass sich die Welt in den Augen der Mystiker als wahrhaft schön zu erkennen gibt.
Kein Wunder auch, dass das Schöne in den philosophischen Traditionen eine herausragende Rolle spielt, wie der Psychotherapeut Martin Poltrum herausgearbeitet hat: Das Schöne ist eine transzendentale Bestimmung Gottes (Thomas von Aquin), Symbol des Sittlich-Guten, das die Lebenskräfte nährt (Kant). Es ermöglicht die Erfahrung der Freiheit (Schiller), ist Heimat des absoluten Geistes (Hegel), die Instanz, die den Nihilismus eindämmt (Nietzsche) und die „Seinsvergessenheit“ durchbricht (Heidegger). Durch die ästhetische Erfahrung, so Marcuse und Adorno, wird der kapitalistischen Kolonialisierung der Wirklichkeit ein Korrektiv entgegengehalten.
Spätestens hier jedoch drängt sich Widerspruch auf: Befindet sich das Schöne doch immer auch unter dem Druck der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Verhältnisse. Es gerät in den Sog des herrschenden Systems, wird in Anspruch genommen und instrumentalisiert. Es hat nicht nur ein befreiendes, sondern auch ein repressives Moment. Um zu verstehen, wie das Schöne im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts in eine Dynamik der ständigen Verwertung gerät, wird man weniger bei den Philosophen als bei den Biologen fündig. Diese versuchen mithilfe der Evolutionstheorie zu erklären, wie die Vorliebe für Schönheit das menschliche Handeln unbewusst beeinflusst – und dabei etwa zur Bevorzugung von attraktiven gegenüber weniger attraktiven Menschen führt: Hübsche Kinder werden von ihren Lehrern besser bewertet, attraktive Studierende leichter durchgewunken, und gut aussehende Job-Bewerber haben nicht nur bei der Arbeitssuche bessere Karten, sondern erhalten laut Studien auch gleich höhere Einkommen angeboten.

Geschürte Unzufriedenheit

Heute breitet sich der Kult um die Schönheit inflationär aus, diagnostiziert Byung Chul-Han, der darin einen Verlust von Trans-zendenz erkennt. In seinem Buch „Die Errettung des Schönen“ (2015) beschreibt der in Berlin lehrende Philosoph, wie die Schönheit der Immanenz des Konsums anheimgefallen ist und nur noch die ästhetische Seite des Kapitals zum Vorschein bringt: Das Schönheitsbewusstsein des digitalen Zeitalters sei glatt und oberflächlich. Die Erfahrung des Schönen streichelt nur noch die Sinne, statt sie zu erschüttern. Sie geht kaum noch unter die Haut, berührt uns innerlich nicht mehr, letztlich drohe eine

„Pornographisierung des Schönen“.

Diese Kritik trifft ins Schwarze, wenn man bedenkt, wie der menschliche Körper zuletzt zu einer ästhetischen Kampfzone geworden ist. Der Laufsteg, Schauplatz des permanenten Wettlaufs um Schönheit, ist zum mächtigen kulturellen Symbol unseres Alltagslebens geworden. Und dieser Wettkampf wird nicht mehr nur kosmetisch aufgerüstet. Auch chirurgische und minimal-invasive Eingriffe zur Modellierung von Körper und Gesicht werden selbstverständlich. Angebote der Schönheitsmedizin sprießen wie die Pilze aus dem Boden, und selbst der körperliche Intimbereich bleibt nicht ausgespart, wie die jüngste Mode der weiblichen Genitalchirurgie zeigt.
Die wissenschaftliche Datenlage zeigt, dass die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper heute nicht mehr Ausnahme, sondern „statistische Normalität“ ist, bemerkt die Psychologin Michaela Langer im kürzlich erschienenen Fachbuch „Irrsinnig weiblich“ (2016), wo der neue Schönheitsdruck als Grund psychischer Belastungen im Frauenleben thematisiert wird: „Unsere westliche Gesellschaft ist offensichtlich immer weniger in der Lage, Menschen – und da vor allem Frauen – hervorzubringen, die sich in ihrem eigenen Körper wohl und zu Hause fühlen. Doch nicht Krankheit, Behinderung, alltägliche Unterdrückung oder Gewalterfahrungen führen zu massenhaftem Leiden am weiblichen Körper, sondern gesellschaftliche Körpernormen und Schönheitsideale, die – gleich einem unsichtbaren Korsett – den Frauen die Luft zum Atmen nehmen.“ Zieht man die steigenden Zahlen schönheitschirurgischer Eingriffe bei
Männern in Betracht, leidet heute offensichtlich auch das vermeintlich „starke Geschlecht“ unter Atemnot.
Warum aber empfinden immer mehr Menschen ihr Aussehen als konkret verbesserungswürdig? Dass ein Marketing-Effekt dahinter steckt, wird von der Londoner Psychoanalytikerin Susie Orbach zugespitzt: „Die Kommerzkultur erschafft ein Problem, wo es keines gibt, indem sie das natürliche Phänomen des individuellen Körpers in das Gefühl, dass er unzulänglich ist, verwandelt.“ Fazit: Aus Körpern wird Profit geschlagen, als ob sie eine Ware wären.

Selbstermächtigung oder -unterwerfung?

Tatsächlich ist der ästhetische Körperkult ein Milliardengeschäft, das unter anderem der Mode- und Stilbranche, den Kosmetikherstellern, den Lifestyle-Medien, dem Ernährungssektor, der plastischen Chirurgie und der Gesundheitsindustrie fette Umsätze beschert. „Typveränderungen, Schönheitsoperationen, Diättrends etc. werden begeistert mitgemacht, als ob sie eine Möglichkeit wären, auf sich selbst zu achten“, so Orbach. De facto jedoch seien sie schlicht Folge der negativen Beeinflussung durch die „Händler des Körperhasses“.
Aber kann der Boom der Schönheitschirurgie schlicht als massenhafte Unterwerfung unter rigide Schönheitsstereotype abgetan werden? Vorsicht ist angebracht, mahnt Psychologin Ada Borkenhagen (siehe S. 4/5): Eine vorschnelle Bewertung dieser Formen körperlicher Selbstinszenierung würde nur den Blick auf das charakteristische Oszillieren zwischen Selbstermächtigung und Selbstunterwerfung verstellen. Denn die Schönheitschirurgie dient den Klienten und Klientinnen nicht nur zur Anpassung an körperliche Ideale, sondern auch als Mittel der Selbstermächtigung: Durch die neuen technischen Möglichkeiten sei es in bislang ungekanntem Ausmaß möglich, den eigenen Körper autonom zu gestalten und gegebenenfalls sein körperliches Schicksal zu überwinden: „Der Körper und mit ihm die Möglichkeiten seiner Gestaltung werden immer stärker zu einem Mittel – aber auch zu einem Imperativ –, die eigene Identität zu inszenieren.“

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  12:28:25 07.18.2005