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47/2016 - „Körper machen Leute“
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Ungelesen , 08:08
„Körper machen Leute“

Psychologin Ada Borkenhagen über Schönheitschirurgie, eitle Politiker und den Unterschied zwischen George Clooney und Keith Richards.

| Das Gespräch führte Martin Tauss


Mittels kosmetischer und operativer Methoden möglichst lange jung und schön auszusehen – das ist das Versprechen der Schönheitsmedizin. Der Aufwand der Eingriffe ist durch die Entwicklung minimal-invasiver Verfahren gesunken, die Nachfrage wächst rasant. Die FURCHE hat die Psychoanalytikerin Ada Borkenhagen über die psychische Dimension der Schönheitsmedizin befragt.

DIE FURCHE: Die Schönheitschirurgie boomt wie nie zuvor. Welche Gründe sind dafür verantwortlich?
Ada Borkenhagen: Zunächst einmal haben sich die medizinischen Techniken verbessert, die Eingriffe sind viel risikoärmer als früher. Kulturell gesehen ist in den westlichen Ländern die zunehmende Individualisierung ein wichtiger Faktor: Der Einzelne ist heute viel mehr gezwungen, seine eigene Biografie selbst zu entwerfen, also zu bestimmen, wer er oder sie sein will. Früher wurden die Menschen viel stärker durch ihre traditionelle Rolle in der Familie und im Beruf geprägt. Früher im Dorf wusste man sogar noch, was die Großmutter von jemanden gemacht hat. Heute wissen wir immer weniger über unser Gegenüber. Im Zuge steigender Mobilität ist der erste Eindruck immer wichtiger geworden, und das ist immer auch ein körperlicher Eindruck.
DIE FURCHE: Das zeigt sich besonders deutlich bei den Personen des öffentlichen Lebens, gerade auch bei Politikern ...
Borkenhagen: Ja, in den 1950er-Jahren war es noch völlig irrelevant, wie ein Politiker aussah. Wie sehr sich das verändert hat, kann man bei Silvio Berlusconi oder den letzten amerikanischen Präsidentschaftskandidaten gut nachvollziehen. Auch Wirtschaftskapitäne sollten einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen. Sie finden heute kaum noch einen Vorstandsvorsitzenden eines großen Konzerns, der mit Hängebauch und Hängelidern herumläuft. Die sehen heute alle frisch und durchtrainiert aus, weil das Flexibilität signalisiert. Tränensäcke kann man leicht entfernen, also wird das immer öfter in Anspruch genommen, denn man will nicht mehr abgearbeitet aussehen. Früher war das verlebte Aussehen noch ein Qualitätsnachweis. Heute darf man Ihnen die Anstrengung nicht mehr ansehen.
DIE FURCHE: Inwiefern ist körperliche Attraktivität mittlerweile Voraussetzung, um überhaupt in solche Postionen zu kommen?
Borkenhagen: Natürlich gibt es Ausnahmen von der Regel: Sigmar Gabriel von der SPD zum Beispiel, in gewisser Weise auch Altkanzler Helmut Kohl, der so einen Elefanten-Appeal hatte. Bei Gerhard Schröder gab es eine heftige Debatte, ob seine Haare nur getönt oder gefärbt sind. Eine solche Debatte hätte man sich in den 1950er-Jahren noch gar nicht vorstellen können. Viele Politikbeobachter gehen übrigens davon aus, dass Frau Merkel nicht Kanzlerin geworden wäre, wenn sie damals nicht ihre Frisur verändert hätte. Nach einer Stilberatung ließ sie sich die Haare kurz schneiden und blondieren. Seitdem trägt sie Hosenanzüge – das hat man ihr offensichtlich nahegelegt: Ein Hosenanzug macht immer Haltung, und man sieht kaum die Figur, die sich darunter verbirgt.
DIE FURCHE: Der Druck, körperlich gut auszusehen, ist enorm gestiegen: Ist das nicht eine horrible Entwicklung?
Borkenhagen: Langfristig manifestieren sich darin auch Klassenunterschiede. Sie können am Aussehen erkennen, welcher Schicht jemand angehört. Es gab den Film „Ein Kleid von Dior“ mit Inge Meysel als Putzfrau, die sich ein teures Kleid gekauft hat. Das war ihr Lebenstraum, denn mit dem neuen Gewand wurde sie auf einmal zur „großen Dame“: Kleider machen Leute. Das stimmt nur noch bedingt, heute machen Körper Leute. Der Körper ist gleichsam zum Kleid geworden. Und da gibt es den latenten Druck, regelmäßig zu investieren. Die Mittelschicht tut das auch, das beginnt schon beim Zähne-„Bleeching“. Sie können den gesellschaftlichen Status heute an den Zähnen sehen. Ebenso sollte man „schön altern“ – also Falten bekommen, ohne dabei verlebt auszusehen. Sie dürfen „Sonnenstrahlen“ um die Augen haben, und George Clooney darf auch graumeliertes Haar haben, weil das Männern wie ihm gut steht. Überhaupt sollte man früh damit anfangen, damit sich die Alterszeichen gar nicht erst ausbilden – als Frau bereits ab Anfang 40! Das aber kann sich nur die Mittel- und Oberschicht leisten. Das Neue liegt nun darin, dass sich diese Unterschiede nicht mehr durch einen Einkauf in einem Modegeschäft aus der Welt schaffen lassen.
DIE FURCHE: Welche Unterschiede gibt es zwischen Frauen und Männern, etwa bei der Häufigkeit der schönheitschirurgischen Eingriffe?
Borkenhagen: Wir sehen ein Frauen-Männer-Verhältnis von circa 80 zu 20 Prozent. Da die Eingriffe insgesamt zunehmen, betrifft das auch die Männer. Aber wir sehen bei Männern andere Formen der Eingriffe, zu den häufigsten zählt die Haartransplantation. Bei jüngeren Männern steht die Korrektur von Kinn und Nase im Vordergrund, bei älteren die der Tränensäcke und Wangen. Generell haben Frauen mehr Problembereiche als Männer, die mit ein bisschen Sport schon viel erreichen können. Es sei denn, Sie sind George Clooney, dann brauchen Sie schon auch Botox. Nur wenn Sie Keith Richards sind, dürfen Sie auch so verlebt aussehen, denn das ist ja seine Marke. Aber wenn Sie nicht Keith Richards sind, sollten Sie eher nicht so aussehen (lacht).
DIE FURCHE: Was weiß man darüber, wie es den Betroffenen nach einer Schönheitschirurgie geht?
Borkenhagen: Die Studienlage ist mittlerweile recht gut, meist bei einer Nachbeobachtung über zwei Jahre. Ein Großteil der Studien verzeichnet eine signifikante Verbesserung der psychischen Befindlichkeit im Verlauf einer Schönheitschirurgie. Nur wenige Patienten profitieren nicht oder zeigen eine Verschlechterung ihres psychosozialen Funktionsniveaus. Einige Faktoren deuten auf ein schlechtes Ergebnis: etwa wenn der Eingriff im jungen Erwachsenenalter erfolgt, bei unrealistischen Operationserwartungen, Unzufriedenheit bei vorherigen plastisch-chirurgischen Eingriffen, oder wenn die Operation gemacht wird, nur um eine Beziehung zu verbessern. Auch Depression, eine Angst- oder Persönlichkeitsstörung sind natürlich abträglich.
DIE FURCHE: Was wären zum Beispiel Kontraindikationen für eine Schönheitsoperation?
Borkenhagen: Wenn eine körperdysmorphe Störung vorliegt. Diese Patienten versuchen, ein psychisches Leiden mit dem Skalpell zu kurieren. Nach dem plastisch-chirurgischen Eingriff sind sie meist unzufrieden mit dem Resultat – selbst wenn dieses laut ärztlicher Fremdbeurteilung als gut zu beurteilen ist. Oder sie wählen sofort ein anderes Körperteil, dass nun als hässlich erlebt wird und durch den nächsten Eingriff verändert werden soll.
DIE FURCHE: Ist die körperdysmorphe Störung so wie die Orthorexie (Anm.: krankhaftes Streben nach gesunder Ernährung) ebenfalls als Modekrankheit unserer Zeit zu begreifen?
Borkenhagen: Nein, das ist eine „alte“ Krankheit. Bisher gibt es auch keine Hinweise, dass die Erkrankungsrate steigt. Was steigt, ist die allgemeine Unzufriedenheit mit dem körperlichen Aussehen. Und das hat sicherlich mit gesellschaftlichen Veränderungen zu tun. Studien zufolge spielt die körperdysmorphe Störung bei bis zu 15 Prozent schönheitschirurgischer Patienten eine Rolle. Bei der Mehrzahl der Klienten und Klientinnen, die sich zu einem Eingriff entschließen, ist aber keine erhöhte psychische Auffälligkeit zu finden.
DIE FURCHE: Historisch lässt sich das Schönheitsideal des schlanken weiblichen Körpers als Ausdruck der extremen Disziplinierung in den industriellen Gesellschaften lesen. Glauben Sie, wird die weitere gesellschaftliche Entwicklung dieses Ideal eher noch verstärken oder entkräften?
Borkenhagen: Schönheitsideale unterliegen der Mode. Wenn mal jeder beziehungsweise jede dem Ideal entsprechen sollte oder dieses sehr leicht zu erreichen ist, dann wird sich das Ideal verändern. Dann könnten sogar Merkmale als schön angesehen werden, die wir heute als besonders hässlich betrachten.
DIE FURCHE: Wie bewerten Sie den Einfluss von Werbekampagnen, die auf Natürlichkeit und Authentizität setzen, wie zum Beispiel die „Dove“-Werbung mit Frauen, die nicht ganz so schlank, glatt und makellos sind, wie man es sonst gewohnt ist?
Borkenhagen: Die Frauenzeitschrift Brigitte hat sich ja vor einigen Jahren entschieden, nur noch „normale“ Frauen in ihren Modestrecken abzubilden, um so dem gängigen Schönheitsideal etwas entgegenzusetzen. Letztlich wurden aber nur ausnehmend schöne, das heißt dem Schönheitsideal weitgehend entsprechende und insofern „normale“ Frauen gezeigt. Damit hat sich der Druck für die Frauen eher noch erhöht, weil es nun so schien, als könne auch die Frau von Nebenan ganz leicht so schön wie ein Modell sein. Und auch die „Dove“-Kampagnen haben nur funktioniert, weil sie eine Ausnahme von der Regel sind – aber gerade damit auch die Regel bestärken.
DIE FURCHE: Der US-amerikanische Medizinhistoriker Sander Gilman hat prognostiziert, dass es künftig normal sein wird, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen. Wird er damit recht behalten?
Borkenhagen: Er hat wohl schon Recht behalten. Die Inanspruchnahme eines plastisch-chirurgischen Eingriffs wird zunehmend eine normale Alltagspraxis, durchaus vergleichbar mit einer kieferorthopädischen Zahnkorrektur.

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  13:15:58 07.17.2005