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47/2016 - Eine Gunst und Gabe, die dankbar macht
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Ungelesen , 08:11
Eine Gunst und Gabe, die dankbar macht

Das Schöne ist jenseits aller Funktionalität und Berechenbarkeit. Es widersetzt sich einer Ästhetisierung. Weder die Kunst noch die Natur sind sein genuiner Ort. Was aber heißt es dann, eine schöne Erfahrung zu machen? Anmerkungen eines Philosophen.

| Von Günther Pöltner

Die Ästhetik hat ein Problem, und das steckt bereits in ihrem Namen, der dem Griechischen entstammt. Wörtlich genommen ist sie die Wissenschaft von der sinnlichen Wahrnehmung („Aisthetike Episteme“). Nach der üblichen Lexikon-Definition ist die Ästhetik jedoch die Lehre vom Schönen und der Kunst. In den letzten zweihundert Jahren hat sich die Ästhetik – nicht zuletzt unter dem Einfluss Hegels – freilich in erster Linie als Kunstphilosophie verstanden. Diese Verengung bedeutete zwar keinen Verzicht auf das Schöne, aber die maßgebliche Form des Schönen blieb das Kunstschöne. Bekanntlich ist der Zusammenhang von Schönem und Kunst schon lange fragwürdig geworden.
Die aktuell angeführten Gründe für die Entkoppelung von Schönheit und Kunst laufen auf das Argument hinaus, der Bereich des Ästhetischen sei weiter als der des Schönen und der Kunst. Eine Ästhetik könne sich weder in einer Kunstphilosophie (Hegel), noch in einer Theorie des Schönen (Herder) erschöpfen, noch könne sie mit einer Theorie aller Art von Wahrnehmungen zusammenfallen. Fazit: Gegenstand der Ästhetik sei die ästhetische Erfahrung.

Etablierung der Ästhetik

Der Rekurs auf ästhetische Erfahrung ist allerdings ambivalent. Er bleibt erstens bodenlos, solange Erfahrung mit Erlebnis verwechselt und nicht ernsthaft gefragt wird, was es heißt, mit etwas (was auch immer) eine Erfahrung zu machen. Der Rekurs ist zweitens zuwenig geschichtsbewusst. Das Hauptproblem einer gegenwärtigen Ästhetik liegt nämlich darin, dass sie Ästhetik sein will, was keineswegs paradox ist. Denn die Bezeichnung „Ästhetik“ ist nicht bloß eine im 18. Jahrhundert aufgekommene Namensgebung für längst bekannte Fragestellungen, sondern die Anzeige für eine ganz bestimmte Deutung des Schönen und der Kunst, nämlich die ästhetische. Das Schöne und die Kunst ästhetisch deuten heißt, sie vom Gefühlszustand, vom Erleben des Subjekts her, von der Wirkung her deuten, die sie auf das Subjekt ausüben. Das Schöne wird zum „Erlebniserreger“. Mit der Etablierung der Ästhetik als eigenständiger philosophischer Disziplin wurde die ästhetische Deutung gewissermaßen institutionalisiert. Und erst im Zuge der Ästhetisierung des Schönen und der Kunst wird das Ästhetische zu einem Oberbegriff, unter den neben dem Schönen und der Kunst auch noch andere Phänomene fallen können.
Für die Antike und das Mittelalter waren das Schöne und die Kunst keine ästhetischen Phänomene. Sie waren auch nicht miteinander gekoppelt. Die Frage war nicht, wie das Schöne auf das Subjekt wirkt, sondern was es ist, worin seine Seinsweise liegt. Die Kunst hatte im Mittelalter wahr zu sein. In der Wahrheit und nicht in der Gefälligkeit lag die Schönheit. Nach Bonaventura zum Beispiel ist ein Bild des Teufels schön, wenn es seine Abscheulichkeit sehen lässt, nicht aber, wenn es sie illusionär beschönigt. Das Wort „Ästhetik“ ist demnach doppeldeutig. Es bezeichnet einmal – und das ist der landläufige, unspezifische Begriff – jede Form des Nachdenkens über das Schöne, die Kunst und die damit verwandten Phänomene, und andererseits eine ganz bestimmte, nämlich die ästhetische Deutung dieser Phänomene.

Vulgäres Vorverständnis

Die Folge der Ästhetisierung, die am meisten zu denken gibt, ist die Marginalisierung des Schönen. Dass das Schöne zuletzt wieder unter dem Titel eines „Re-Turn of Beauty“ zu Ehren gekommen ist, spricht nicht gegen, sondern für diesen Befund. Das Schöne wird marginalisiert, weil in dem Disput über die verschiedenen Schönheitsvorstellungen die Frage nach dem ursprünglichen Phänomen des Schönen übergangen wird. Das ist insofern bedenkenswert, als nicht die Kunst, sondern – man denke an Platon – das Schöne am geschichtlichen Anfang der „ästhetischen“ Fragestellung steht. Die Marginalisierung des Schönen ist keineswegs das ausschließliche, wohl aber das vordringlichste Problem einer gegenwärtigen Ästhetik. In Zukunft mag sich deren Aufgabe anders darstellen. Gegenwärtig hätte sie zu fragen: Was heißt es, eine Erfahrung mit Schönem zu machen? Was gibt diese Erfahrung zu denken?
Diese Frage ist vor allem mit der popularisierten Gestalt der Ästhetisierung, dem vulgären Vorverständnis von Schönheit konfrontiert. Das Schöne ist das Reizvolle, Anziehende, Elegante, Hübsche, Gefällige, Dekorative. Angesichts der so genannten „harten Realität“ erscheint die Beschäftigung mit dem Schönen als Realitätsflucht. Dass ein solches Schönheitsverständnis Provokationen seitens der Künstler hervorruft, ist nicht verwunderlich. Dazu kommt noch, dass mit der Ästhetisierung die Reichweite des Schönen und auch der genuine Ort des Schönen aus dem Blick geraten. Denn dieser ist weder die Natur noch die Kunst, sondern das weltoffene Dasein im Miteinander-Sein. Es ist schön, zu beschenken oder beschenkt zu werden. Wir sind dankbar für ein schönes Gespräch, sind glücklich über eine schöne Zeit, die uns gegönnt ist. Zuerst und zuletzt ist die Liebe schön.
Wie sehr sich das Schöne einer Ästhetisierung widersetzt, zeigt sich auch daran, dass sich das Wort „schön“ nur in den wenigsten Fällen durch Wörter wie etwa das Reizvolle, Hübsche, Zierliche, Dekorative, Elegante ersetzen lässt. Ein Gespräch ist weder hübsch noch elegant, sondern wenn es geglückt ist – und nur ein geglücktes ist ein wirkliches Gespräch – eben schön gewesen. Ebenso verhält es sich mit allem, was als geglückt, gelungen, als Gunst, als Gabe – und eben deshalb als schön erfahren wird und uns dankbar stimmt. Uns ist eine schöne Zeit miteinander gegönnt – nicht aber eine dekorative oder elegante Zeit. Und schon gar nicht ist die Liebe zierlich, reizvoll oder hübsch. Die Liebe ist schön – oder sie ist keine.

„Ich danke Gott und freue mich ...“

Mit dem Wort „schön“ meinen wir im Grunde weder Gegenstände eines bestimmten Bereichs, noch eine Eigenschaft, noch eine auf uns ausgeübte Wirkung, sondern einen ausgezeichneten Modus der Präsenz sinnvollen Seins. Das Wort „schön“ drängt sich jedes Mal auf, wo etwas Sinnvolles, in sich Gerechtfertigtes aufleuchtet. Die Berechenbarkeiten, in die die Dinge sonst eingebettet sind, weichen zurück, und es treten ihr nicht funktionalisierbares Eigensein sowie ihr Eigensinn beglückend hervor. Wir sagen: „Schön, dass du da bist“. Mit dem „dass“ wird nicht eine Tatsache festgestellt („dass etwas der Fall ist“). Nicht die Tatsache, dass du da bist, ist schön, sondern deine konkrete Anwesenheit ist es. Auf sie wird eigens Bezug genommen, wo sie schön genannt wird. Auf das „eigens“ kommt es an. Denn für gewöhnlich sind wir auf das Anwesende, das so oder so Gegebene, Sich-Zeigende ausgerichtet, nicht aber auf das Anwesen selbst, nicht auf das Gegebensein, darin etwas für uns da ist.
Was für gewöhnlich übergangen wird, weil es das Allernächste ist, das macht sich im Falle des Schönen beglückend bemerkbar. Schön nennen wir diejenige Form ausdrücklich gewordener Präsenz, die als freigebend erfahren wird. Eben deshalb ist die Liebe schön, weil lieben heißt: zur Selbstständigkeit freigeben. Wer mit Schönem wirklich eine Erfahrung gemacht hat, ist nicht nur für das Erfahrene, sondern – dem zuvor – für das Erfahren-Können dankbar. Wenn wir, geführt von der Weisheit der Sprache, die Zeit selbst schön nennen, erfahren wir unser weltoffenes Dasein im Miteinander-Sein als sich ereignende Gabe. Was uns dankbar macht, ist schön. Deshalb konnte Matthias Claudius (1740-1815) dichten: „Ich danke Gott und freue mich / Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe, / Dass ich bin, bin! Und dass ich dich, / Schön menschlich Antlitz! habe“.


| Der Autor ist Univ.-Prof. i.R. für Philosophie an der Universität Wien |

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