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48/2016 - In Zeiten zunehmender Entgleisung
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Ungelesen , 08:33
In Zeiten zunehmender Entgleisung

Es war der bislang feindseligste Kampf um die Hofburg. Zuschauer ließen sich mitreißen – oder waren fassungslos. Eine Anleitung zur „Entpörung“.

| Von Thomas Hofer

Der nach einem knappen Jahr zu Ende gehende Bundespräsidentschaftswahlkampf brachte eine der enthemmtesten politischen Darbietungen der Nachkriegsgeschichte. Dass es um das höchste Amt im Staate ging, war bei manchen TV-Debatten nur an den Einblendungen zu erkennen. Die Kandidaten ließen sich manchmal gehen – von abwertenden Gesten bis zum verbalen Untergriff war alles dabei –, die zweite und dritte Reihe in den Kampagnen fast immer. Gerade in den asozialen Netzwerken gab es kein Halten. Nach zwei abgehaltenen und einem verschobenen Wahlgang konnte man es kaum glauben, aber emotional gab es zuletzt noch einmal eine negative Zuspitzung.
Nach infamen Gerüchten über Gesundheits- und Gemütszustände griff man zur in Österreich üblichen Ultima Ratio – dem Nazivergleich. Aus der FPÖ hagelte es haltlose Gerüchte über den längst verstorbenen Vater Alexander Van der Bellens und absurde Hitler-Bildmontagen. Aber auch das Lager des ehemaligen Grünen-Chefs sparte nicht mit Jenseitigkeiten. Der Industrielle Hans-Peter Haselsteiner warnte mit Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg vor Norbert Hofer, ein – isoliert betrachtet persönlich beeindruckender – Beitrag einer Holocaust-Überlebenden ließ die Dreißigerjahre wieder auferstehen.
Die emotionale Entgrenzung, die in diesem Wahlkampf stattgefunden hat, wird sich nach dem 4. Dezember wohl nur kurz in den Weihnachtsfrieden verabschieden. Der gesellschaftliche Graben, zu messen nicht an der relativen Pattstellung an absoluten Stimmen, sondern an konträren Einstellungen etwa zum Funktionieren der Demokratie, der Sinnhaftigkeit der EU-Integration oder dem Umgang mit Asylwerbern, droht sich noch zu vertiefen.
Die Schuldfrage delegieren wir allzu gern an die Politik. Diese trägt zweifelsohne das Ihre zum Verfall der Sitten bei: Dem Wutbürger gegenüber steht heute fast flächendeckend der Angstpolitiker. Er richtet sich nach Stimmungen, getraut sich keine eigene Agenda mehr zu haben und surft lieber auf den sich ihm bietenden Stimmungswellen. So erobert der Populismus eine Partei nach der anderen.
Den zutage tretenden Primäremotionen, Hass und Verachtung, kann man so nicht entgegentreten, geschweige denn beikommen. Sich nur am Meinungsumfragen hinterher hechelnden Politpersonal abzuarbeiten, ist dennoch zu einfach. Es sind die Frustträger selbst, also wir, die sich in der bald einsetzenden Nachwahldepression am Riemen reißen sollten. Hier eine kurze Anleitung zum politisch nötigen Unüblichsein:

1. Bekämpfen wir unsere Arroganz!
Grob vereinfacht sind in Österreich zwei Arten des Zorns zu beobachten. Jene, die sich am amorphen Begriff des Establishments abarbeitet und gegen alle, die es sich angeblich richten konnten, wütet. Menschen, die sich dieser Strömung unterwerfen, vertrauen nichts und niemandem, fühlen sich verkauft und verraten, und das nicht erst seit der sogenannten Flüchtlingskrise. Dann gibt es die zweite Art des Zorns, die allerdings selten beschrieben wird: Sie trifft die gerade beschriebenen Menschen. Sie erregt sich ob der Frage, warum diese sich so gehen lassen und warum sie so wählen, wie sie wählen. Menschen, die so denken, fühlen sich, wie Vertreter der ersten Gruppe ja auch, moralisch überlegen. Allerdings zürnen sie nicht dem abgehobenen und korrupten Establishment, sondern den aus ihrer Sicht würdigen gesellschaftlichen „Verlierern“ und „Ungebildeten“. Dieser emotionale Cocktail kocht über. Ein erster Schritt zur Besserung wäre das Antreten gegen die eigene Arroganz.

2. Sorgen wir für „Entpörung“!
Beginnt man in einer emotionalen Situation mit der Fehlersuche bei sich, kann das entspannen. Man erkennt, wie auch das eigene, vom Anderen als arrogant empfundene Verhalten, zur Eskalation beigetragen hat. Es braucht aber auch ein Durchbrechen der Emotionsspirale auf der anderen Seite. Das ist der schwierigere Schritt: Von Vertretern des „Establishments“, namentlich Politikern und Journalisten, gab es zuletzt bemerkenswerte Initiativen. Wenn heute jemand in der Medienöffentlichkeit den Mund aufmacht, kennt er das Phänomen: (Fast) egal, was man von sich gibt, es reicht ein falsch verstandener Begriff, und man erntet Beschimpfungen auf allen Kanälen. Einige Politiker und Journalisten sind nun dazu übergegangen, die Absender emotionaler Wallungen ausfindig zu machen und – nein, nicht zu klagen, sondern zu besuchen. Was dabei zumeist herauskommt, ist eine Deeskalation, jedenfalls aber Erstaunen, dass sich ein Vertreter des Establishments so etwas überhaupt antut. Mag sein, dass danach wieder geschimpft wird. Doch was zählt, ist das Durchbrechen der Empörungskurve und die, frei nach Paul Watzlawick, paradoxe politische Intervention.

3. Überwinden wir Stammesgrenzen!
Das Beispiel dieser Politiker und Journalisten muss Schule machen. Denn es reicht nicht, sich darüber zu alterieren, dass viele nichts von dem verstehen, wogegen sie zu Felde ziehen; dass viele in das post- und zunehmend kontrafaktische Zeitalter eingetreten sind und sich mit Hingabe Verschwörungstheorien widmen, diese aber freilich nicht als solche erkennen. Man kann das zu Recht beweinen. Man kann aber auch erkennen, dass die Gesellschaft zunehmend wieder in Stämmen lebt und so etwas wie eine kritische Öffentlichkeit oder ein zentraler „Marktplatz“ politischer Meinungen nicht einmal in Ansätzen existiert.
Allgemein hat sich der Begriff (Filter-)Blase für die wachsende Fragmentierung und Abschottung von Gruppen gerade in den sozialen Netzwerken etabliert. Die Metapher ist irreführend, weil sie suggeriert, dass die Blase platzen und die Realität wieder
Einzug halten könnte. Das ist Unsinn: Auch virtuelle Netzwerke sind real – und sie verstärken den Trend des Stammesdenkens. Wer dagegen arbeiten will, muss die Grenzen und Einschränkungen des eigenen Stammes erkennen und diese zu überwinden trachten. Vielleicht erlebt man beim Betreten fremder Territorien Unangenehmes. Aber es ist wohl der erste Schritt zur Wiederherstellung von gesellschaftlicher Durchlässigkeit.

4. Werden wir realistisch!
Zugegeben: Der Autor dieser Zeilen gehört einer Branche an, die Politik und Politiker täglich bewertet und vermisst. Das ist ein Job, in dem man leicht zynisch wird, gerade gegenüber als dysfunktional erkannten Prozessen und Ritualen. Was nur ins Auge sticht: Wir alle haben eigenartige Erwartungen an jene, die sich noch dazu bereit finden, uns repräsentieren zu wollen. Das ist kein Persilschein für Politiker – doch den fehlerfreien und thematisch wie kommunikativ omnipotenten Wunderwuzzi gibt es wohl leider nicht. Also sollte man sich von dieser nachvollziehbaren Wunschvorstellung rasch verabschieden. Auch Politiker dürfen Fehler machen (aus denen sie hoffentlich lernen) und menschliche Makel aufweisen. In der Beziehung zum politischen Personal braucht es also mehr Realismus.

5. Werden wir sichtbarer!
Zuletzt braucht es den Abschied von der Vorstellung, dass man selbst ohnehin nicht in der Lage sei, auch nur irgendwas zu beeinflussen. Das ist der Gedankenfehler, der uns in die aktuelle Lage manövriert hat. Er beginnt bei der Meinung vieler in der scheinbar dünner werdenden Mitte der Gesellschaft, man brauche den sogenannten politisch (oder medial) Handelnden abseits von Wahlen kein Feedback zu geben. Gehört wird, wer schreit und beschimpft. Das lenkt die Wahrnehmung der Verantwortlichen und verstärkt das Angstgefühl. Wenn also jemand schon keine thematische Initiative starten will, sollte er zumindest sichtbarer werden, wenn es um Grundsätzliches wie demokratischen Austausch oder die Wiederherstellung der verlorenen gesellschaftlichen Contenance geht.


| Der Autor ist Strategie- und Politikberater in Wien. 2015 erschien sein jüngstes Buch „Dagegen sein ist nicht genug“ (Hg.) |

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  10:34:05 07.18.2005