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48/2016 - „Verlustangst und Neid mobilisieren extrem“
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Ungelesen , 09:06
„Verlustangst und Neid mobilisieren extrem“

Warum die Rechtspopulisten trotz Lügen und Skandalen in Europa wie in den USA reüssieren können,
erklärt die Diskursanalytikerin Ruth Wodak.


| Das Gespräch führte Sylvia Einöder


Die Rechtspopulisten sind im Aufwind – ob in den USA, in Großbritannien oder in Österreich. Welche Rolle deren Rhetorik spielt, analysierte die Wittgensteinpreisträgerin und Linguistik-Professorin Ruth Wodak für DIE FURCHE.

DIE FURCHE: Sie haben das unmoderierte ATV-Duell zwischen den Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen genau analysiert. Warum ist letzterer so schnell in die Defensive geraten?
Ruth Wodak: Dort prallten zwei völlig verschiedene Diskussionsstile aufeinander. Van der Bellen hat eine sachliche Diskussion erwartet, mit Rede und Gegenrede, Klärung und Differenzierung etc. Diese Erwartung war offensichtlich falsch. Hofer hat systematisch Fragen nicht beantwortet, wich bis zu zehn Mal bei derselben Frage aus: Er versuchte beispielsweise, ein anderes Thema anzuschneiden, definierte das Thema um, kam mit einer Gegenfrage oder rechnete auf.
DIE FURCHE: Sind Politiker, die nicht mit Polemik hantieren, automatisch im Nachteil?
Wodak: Das kommt darauf an, welche Werte man anspricht und wie. Beide sprechen sehr unterschiedliche Werte und Inhalte an: inklusiv – exklusiv, nach innen gerichtet – nach außen gerichtet, für den „kleinen Mann/die kleine Frau“ – für alle. Rechtspopulisten machen mit bewussten Provokationen erfolgreich Schlagzeilen, wie man bei der US-Wahl sehen konnte.
DIE FURCHE: Ist Hofer ein klassischer Rechtspopulist, was seine Rhetorik betrifft?
Wodak: Er hat einen destruktiven Diskussionsstil. Aber jeder Politiker kann aggressiv und demagogisch sein. Das allein macht noch keinen Rechtspopulisten aus. Zur Form gehören die entsprechenden Inhalte.
DIE FURCHE: Aber er hat sich im Fernsehen als sympathischer Kandidat präsentiert.
Wodak: Es gab einige Momente, wo Hofer eingebrochen ist und sehr aggressiv wurde.
Etwa, als er sagte, „Sie können auch mit der Flasche reden“, „Sie sprechen sehr langsam“, „Sie verstehen nichts von Wirtschaft“. Da hat er nicht inhaltlich, sondern ad hominem argumentiert. Das ist ein polemischer Stil, den Schopenhauer als „eristische Dialektik“ bezeichnete. Da könnte man sagen: „So will ich nicht diskutieren.“ Man muss auf einer Metaebene thematisieren, was der andere macht, und sich davon distanzieren – aber sich auf keinen Fall provozieren lassen.
DIE FURCHE: Hofer will nicht als Rechtspopulist gelten. Ist er einer?
Wodak: Ein wichtiges Kriterium ist der vehemente Nationalismus: Rechtspopulisten definieren sich und ihre Partei als „wahren Repräsentanten des wahren Volkes.“ Man ist sowohl nach innen antipluralistisch – gegen Minderheiten, gegen „die da oben“, gegen „die Schickeria“ – als auch nach außen gegen Flüchtlinge, gegen „Brüssel“ etc. Dazu kommen konservative Werte. Beim Rechtspopulismus beobachten wir häufig eine traditionelle Geschlechter- und Familienpolitik, etwa wenn Hofer von Frauen daheim als „Brutstätte der Familie“ schreibt. Eine weitere Charakteristik des Rechtspopulismus ist der autoritäre Ruf nach Recht und Ordnung, auch die versuchte Aushöhlung demokratischer Institutionen: ob Presse oder Justiz. Schließlich wird noch eine revisionistische Geschichtspolitik vertreten, Nostalgie für frühere Zeiten, als anscheinend noch alles ‚in Ordnung‘ war: „Make America great again“.
DIE FURCHE: Ist man im Umgang mit Verschwörungstheorien nicht immer in einer double-bind-Situation?
Wodak: Das betrifft vor allem die Medien. Wenn man über Skandale nicht berichtet, stimmt man quasi zu. Wenn man darüber oft berichtet, gibt man dem zu viel Raum.
DIE FURCHE: Ist es nicht besser, gewissen Dingen einfach keine Bühne zu bieten?
Wodak: Ja, aber nicht immer. Stellen Sie sich vor, ein Politiker leugnet den Holocaust. Wenn man darüber nicht berichtet, ist es sicher problematisch. Medien müssen aber Gerichte nicht ersetzen – man muss über diese Dinge nicht täglich berichten.
DIE FURCHE: Welche Mitschuld haben also Medien am Aufstieg der Populisten?
Wodak: Medien konstruieren und reproduzieren Wirklichkeit. In den USA haben die Medien Millionen Dollar mit Trump verdient, weil er hohe Einschaltquoten bringt. Seine Kompetenz als Entertainer hat er stark in seine Performance eingebaut. Durch seine Bekanntheit und seine vielen Tabubrüche – Rassismus, Sexismus, Unwahrheiten – hat man ihn häufig gesendet, ohne dass er dafür zahlen musste.
DIE FURCHE: Viele Menschen sind geplagt von Abstiegsängsten. Muss einen das gleich zum Trump- oder Hofer-Wähler machen?
Wodak: In den USA haben nicht nur die Abstiegsgefährdeten oder die Modernisierungsverlierer Trump gewählt, sondern auch viele wohlhabende, weiße, ältere Menschen aus der Mittelschicht. 90 Prozent der Wähler haben wieder republikanisch bzw. demokratisch gewählt. In Österreich gibt es mehr Wechselwähler, schon bei der Wien-Wahl 2015 gab es Schwankungen von Grün nach Rot, von Schwarz nach Rot und nach Blau.
DIE FURCHE: Die SPÖ verliert massiv an die FPÖ. Warum machen die Abstiegsängste so viele zu Hofer-Wählern?
Wodak: Weil die FPÖ simple Lösungen anbietet und bestehende Ängste anspricht bzw. auch übersteigert, etwa die Angst vor der sogenannten „Überfremdung“. Verlustängste werden mobilisiert, auch wenn man noch nichts verloren hat. Das erklärt das starke Abschneiden der FPÖ in manchen schönen Gemeindebauten in Wien, die ihnen doch nicht weggenommen werden. Verlustängste, Unsicherheit und Neid sind negative Emotionen, die geschickt mobilisiert werden. Auch die durchaus legitime Angst vor Gewalt und Kriminalität wird vor allem auf Flüchtlinge und junge Muslime gelenkt.
DIE FURCHE: Können Sie der Polarisierung irgendetwas Positives abringen?
Wodak: Zumindest werden explizite Alternativen sichtbar. Man kann ja nicht starr in der Polarisierung verharren. Es müsste sich also notwendigerweise etwas Neues ergeben.
DIE FURCHE: Wäre im Sinne einer dritten, gemäßigten Alternative Kandidatin Griss die beste Wahl gewesen?
Wodak: Schwer zu sagen. Sie stand auch, wie Van der Bellen, für Internationalität und Europa, Rechtsstaat und Bürgerlichkeit, aber auch für Offenheit gegenüber Flüchtlingen. Sie war allerdings parteiunabhängig und nicht als Grüne abgestempelt.
DIE FURCHE: Ist in puncto Polarisierung und Rechtspopulismus irgendwann ein Peak erreicht, wo das Pendel wieder in die gegenteilige Richtung schlagen sollte?
Wodak: Ich bin kein Prophet. Hätten Sie mich das vor fünf Jahren gefragt, hätte ich gesagt: Aus der bisherigen Erfahrung wissen wir, dass eine rechtspopulistische Partei an der Macht relativ schnell versagt. Das war in den Niederlanden so und in Österreich. Man sieht jetzt aber aktuell, dass diese Parteien etwa in Polen, Ungarn und in der Türkei relativ schnell Gesetze ändern, die Pressefreiheit in Frage stellen und demokratische Institutionen unterminieren versuchen. Diese Entwicklung ist sehr bedenklich.
DIE FURCHE: Viele haben wohl aus einer Protesthaltung für Trump oder den Brexit gestimmt, aber waren vom Ergebnis verblüfft.
Wodak: Ja. An meinem früheren Institut an der Lancaster University hat eine Sekretärin für den Brexit gestimmt. Am Morgen danach saß sie völlig geschockt da und weinte: „Ich hab das nicht gewollt!“ Im Brexit-Wahlkampf wurde viel gelogen. Die Gegenseite konnte kein positives Narrativ zur EU einbringen und drohte vor allem mit bösen wirtschaftlichen Folgen. Aber viele Arbeiter haben sich gedacht: „Ist mir egal, weil schlimmer kann es nicht werden.“ Wie sich zeigt, hat der Brexit auch im
österreichischen Wahlkampf einige polarisierende Funktionen erhalten, sowohl als Bedrohungsszenario – was passiert, wenn eine so komplexe Entscheidung Thema
einer Volksabstimmung wird, ohne ausreichende Information und realistische
Pläne für die Umsetzung? – bzw. als „Erfolg“ einer rechtspopulistischen Partei (UKIP).
In jedem Fall werden so notwendige differenzierte, inhaltliche Debatten verunmöglicht.

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