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49/2016 - Über die Leitkultur zur Apokalypse
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Ungelesen , 08:42
Über die Leitkultur zur Apokalypse

Wo die Debatte über den eigenen kulturellen Horizont nur noch von der Angst um das Eigene geprägt wird, kann sie nicht fruchtbar sein.

| Von Petra Bahr

Brauchen wir eine Leitkultur? Das ist, als würde man fragen, ob wir einen gemeinsamen Horizont bräuchten. Doch auch wenn das In-die-Welt-Sehen meistens auch ohne Blick auf die feine Linie am Himmel gelingt - ohne Horizont gäbe es gar kein Bild. Das weiß jedes Kind. Wer sich nicht auf einen gemeinsamen Horizont besinnt, dem schwindelt. Proportionen, das was wichtig und was unwichtig ist, geraten durcheinander. Das Bild zerfällt. Allerdings wird die Sehnsucht nach der nationalen und nach der europäischen Leitkultur vor allem als Thematisierung von Verlustängsten geführt. Das „Eigene“ steht auf dem Spiel, auch wenn es schwerfällt, dieses „Eigene“ benennen zu können.
Die Flüchtlinge, die seit dem letzten Herbst das Bild unserer Städte und Dörfer verändern, sind deshalb der Anlass, aber nicht der tiefere Grund für die Leitkulturdebatte. Umbrüche und die Geschwindigkeit politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen bekommen so buchstäblich ein Gesicht. Das wachsende Befremden mit der eigenen Welt trifft nun die Fremden. Aber dadurch ist das Eigene noch nicht sagbarer geworden. Man kann nur besser von der Leerstelle ablenken.

Einübung ins Besprechen

Es bedarf deshalb einer auch öffentlichen Einübung ins Besprechen dessen, was angesichts der Bewegungen, die auch die Gesellschaft ergreifen, noch zusammenhält. Dazu braucht es einen Sinn für die eigene Geschichte und gründliche Analyse: Wie funktioniert diese Gesellschaft? Was macht sie aus? Woran scheitert sie? Fehlt diese Analyse, wird sie gar ersetzt durch ein apokalyptisches Raunen, dann entsteht aus dem unsagbar Eigenen nur Wut und Abgrenzung bis hin zur Gewalt, aber keine „Kultur“.
Die Diskussion darüber, ob der Leitkulturbegriff geeignet und ungeeignet ist, bleibt so lange ein Ablenkungsmanöver von Intellektuellen und Talkshow-Gästen, wie die Frage, welche Haltungen, welche Regeln und welche Orientierungen für das Miteinander in einer offenen, pluralen, freiheitlichen Gesellschaft es denn genau sind, die für unser Zusammenleben unabdingbar sind. Noch ist die Diskussion ähnlich verdruckst wie die Debatte um die Frage, ob es einen Kanon kultureller Regeln, Texte, Bücher oder Bilder geben muss, in dem diese künftig leitende Kultur beispielhaft aufgehoben ist.
Ein Kanon versammelt, was heute gültig ist. Der Kanon ist deshalb ein Modell für die Dynamik des Konservierens im Heute nach den Kriterien von heute: neue Texte kommen dazu, ältere werden verworfen, noch ältere wiederentdeckt. Kanonisierungsprozesse sind Leitbildprozesse en miniature.
Leitkulturdebatten sind konservativ. Sie zu führen steht deshalb Konservativen gut zu Gesicht. Allerdings geht es in diesem recht verstandenen Konservatismus nicht um den Schutz des Alten gegen die Bedrohung durch Neues. Schon gar nicht verbirgt sich hinter dieser Debatte eine politische Nostalgie.
Wahrhaft Konservative nehmen die Gegenwart, wie sie ist. Diesseits von Euphorie oder Untergangsphantasien, die sie beide als Anmaßung gegenüber der Geschichte empfinden, fragen sie nach dem Verteidigungswerten in der Veränderung, nicht nach einem Fluchtweg vor dieser Veränderung. Die derzeitige Flüchtlingskrise ist eine Chance des Konservatismus für identitätspolitische Antworten, wenn es gelingt, Fragen nach Zugehörigkeit und Heimat, nach Selbstgewissheit und Gemeinsinn mit und für alle zu führen. Eine Identitätspolitik durch Abgrenzung schafft weder individuelle noch für kollektive Identitäten.
Es reicht nicht, die Frage nach der Leitkultur mit dem Hinweis auf die Verfassung zu beenden oder mit dem schönen Wort des „Verfassungspatriotismus“ zu ersetzen. Die Verfassung ist mehr als ein Bündel von Abwehrrechten gegen den Staat, aber auch mehr als ein in sich verständlicher Regelkanon, den man nur auswendig lernen muss. (Obwohl es eine schöne Übung für Schulkinder wäre, wenigstens die ersten Artikel des Grundgesetzes „by heart“, also in Kopf und Herz zu haben). Die Leitbegriffe des Grundgesetzes sind voraussetzungsvoll. Und sie ist im Wandel. Wer wollte bestreiten, dass in alle Zentralbegriffe der Rechtsordnung kulturelle Vorstellungen eingewandert sind, die aus dem breiten Strom der Religions- und Geistesgeschichte gespeist sind.

Verfassungen sind Kulturtexte

Deshalb lohnt es sich, die Verfassung auch als kulturellen Text zu lesen. Religionsfreiheit etwa steht im Horizont vergangener Religionskonflikte und ihre Bändigung durch den Staat. Der Hinweis darauf, dass im Namen der Religionsfreiheit nicht alles geht, schon gar nicht die Beschimpfung, Verunglimpfung oder gar Bestrafung derer, die von der eigenen Religion nichts mehr wissen wollen, dass die Gleichwürdigkeit der Geschlechter auch in religiösen Angelegenheiten gilt und Schranken der Religionsfreiheit auch die Religionsfreiheit schützen, ist für alle greifbar.
Eine positive Formulierung der Rolle des Staates, mithin des Rechtsstaates, seiner Institutionen und seiner Symbole gehört zu den ersten Aufgaben der Leitkultur in der Einwanderungsgesellschaft. Die Achtung und der Respekt vor Vertreterinnen und Vertretern dieses Staates muss Thema der künftigen Leitkultur sein.
Es stimmt: der freiheitlich demokratische Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Er lebt von den Überzeugungen und Haltungen, vom Mitwirken und Mitgestalten seiner Bürger.
In allen Debatten um Leitkultur spielt die Aufklärung als geistesgeschichtliche Wende der Zeiten eine bevorzugte Rolle. Die Ideale der Aufklärung, Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte, werden groß gemacht. Die Aufklärung ist aber kein abgeschlossenes Geschichtszeichen, von dessen Strahlkraft wir heute noch zehren. Die Aufklärung als die „Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ist eine Herkulesaufgabe – das Wagnis der Freiheit, das der Westen eingegangen ist.
Diese Aufklärung auf Dauer zu stellen, also hart im Zweifel zu bleiben, sich in seiner Urteilskraft von Besonnenheit und genauem Blick leiten zu lassen, ist vielleicht die schwerste Übung in Zeiten, in der aggressive Ungeduld, schnelle Lösungen und markige Worte so viel leichter wirken als das aktive Aushalten einer offenen Zukunft.
Selbstverständigungsdebatten brauchen ein Forum. In Zeiten, in der mediale Öffentlichkeiten immer stärker fragmentieren und Netzgemeinden zu Selbstverstärkungs-Gemeinschaften werden, ist schon die Klärung dessen, was der Fall ist, nicht mehr leicht herbeizuführen. Deshalb stellt sich mit großem Ernst die Frage: wo das Sprechen über das Gemeinsame denn anders als durch schroffe Abgrenzungen gegenüber den Anderen, „die Daoben“ oder „die Vondraußen“, gelingen soll.

Debatte braucht Bühnen

Die demokratische Kultur braucht Austragungsorte und Bühnen für diese Diskussion. Nicht nur über das „Was“, sondern auch über das „Wo“ braucht es Verständigung. Es braucht Orte, wo das Sprechen über das Eigene, das unmittelbar Notwendige eingeübt werden kann. Vielleicht reichen die alten Orte nicht mehr aus. Es braucht vertrauenswürdige Sprecher und Sprecherinnen, die auf großen und kleinen Bühnen möglichst viele Stimmen repräsentieren. Identitätspolitik, die akzeptiert, dass es Identität immer nur als Bewegung im Werden, als Selbstverständigungsprozess gibt, wird neue Orte des Sprechens erfinden und alten Orten neue Glaubwürdigkeit geben müssen.


| Die Autorin ist evangelische Theologin und leitet die Hauptabteilung Politik und Beratung in der Konrad-Adenauer-Stiftung
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