ro ro

Themen-Optionen Ansicht

49/2016 - Unterwegs in der Uferlosigkeit
  #1  
Ungelesen , 09:00
Unterwegs in der Uferlosigkeit

Für die Globalisierungsgeneration ist „Identität“ als beständiger Teil unserer Psyche fragil und brüchig geworden. Was früher allenfalls Stoff für akademische Debatten bot, schlägt heute auch politisch durch.


| Von Martin Tauss


Auch wenn in der Schweiz die Uhren angeblich ein bisschen langsamer gehen – von den globalen Entwicklungen bleibt auch der kleine Alpenstaat nicht verschont. Das Lebensgefühl der Beschleunigung, die subjektive „Veränderung der Zeitstrukturen“ (H. Rosa), ist auch hier angekommen. Damit geht Verunsicherung einher: „Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie mit den raschen Veränderungen in ihrem Leben kaum noch zurecht kommen“, berichtet Verena Kast im Gespräch mit der FURCHE. Es ist weniger das Schlagwort der Globalisierung, das hier zutreffend sei, vielmehr die Ökonomisierung aller Lebensbereiche, meint die Präsidentin des C. G. Jung-Instituts in Zürich. „Ein Ausdruck davon ist auch das vorherrschende Gefühl: ‚Ich bin, wie ich gesehen werde.‘ Identitäten werden nur noch äußerlich zugeschrieben. Der alte Gedanke, dass man zunehmend seinem Inneren entsprechen sollte, scheint dagegen in den Hintergrund zu treten.“

Begegnung mit dem Fremden

In ihren Büchern hat Kast Trauerphasen erklärt, den Nährboden der Kreativität beleuchtet und die geheimnisvolle Sprache des Unbewussten gedeutet – nicht nur in Träumen, sondern auch in Mythen und Märchen. In ihrem vielseitigen Werk vermittelt die Bestseller-Autorin Zugänge zur menschlichen Seele, die an der Ideenwelt des berühmten Schweizer Psychiaters Carl Gustav Jung (1865–1971) ausgerichtet sind. Die Arbeit mit Symbolen ist das Herzstück dieser Tiefenpsychologie. Und Symbole haben immer einen Bedeutungsüberschuss: „Ein Symbol befindet sich in der äußeren Welt, zugleich spiegelt es Aspekte unserer Innenwelt, die man anders vielleicht gar nicht ausdrücken kann“, so Kast. „Ein Ehering zum Beispiel ist nicht nur ein Stück Metall. Wenn es nur noch das gibt, was man sehen oder anfassen kann, geht die Seele verloren.“
Heute beobachtet die 73-jährige Therapeutin das Zeitgeschehen und die Renationalisierung in Europa mit wachem Blick: „Ich traue meinen Augen kaum, aber in der Schweiz fangen die jungen Leute wieder an, Fahnen zu schwingen“, bemerkt Kast, die das Wiedererstarken nationaler Symbole als Folge der Konfrontation mit dem Fremden versteht, die zuletzt vor allem durch die Fluchtbewegungen nach Europa bedingt war. „Ich finde die Begegnung mit dem Fremden wichtig, denn ohne sie würde sich unsere Kultur nicht weiterentwickeln“, so die emeritierte Professorin der Uni Zürich. „Es ist ja eine abstruse Idee zu glauben, dass das nicht ohnehin ständig so geschieht. Abschottung zu betreiben und auf eine fremde Gruppe alles Negative zu projizieren, ist unheilvoll. Aber psychologisch gesehen ist nicht zu vergessen, wie wichtig das Gefühl der Geborgenheit ist.“

Sehnsucht nach Geborgenheit

Das bedeutet eben das Aufgehoben-Sein in einer bestimmten Gruppe, die sich als stabil, auf sicherem Fundament erlebt. „Wir brauchen die kollektive Identität“, sagt Kast. Sie verweist auf eine aktuelle Initiative in der Schweiz, wo sich junge Menschen aus den verschiedensten Teilen des Landes in kleineren Gruppen zusammengetan haben, um ihre Identität dahingehend zu befragen, was nicht verhandelbare Werte sind. „Man einigte sich schnell auf grundlegende demokratische Freiheiten wie die Pressefreiheit, die Freiheit der Frau, et cetera“, erzählt die Psychologin und resümiert: „Wenn man sich gut verankert fühlt, kann man auch dem Fremden gegenüber offen sein und mit anderen in Dialog treten.“
„Identität“ ist einer der wichtigsten Grundbegriffe der Psychologie und Soziologie des 20. Jahrhunderts. Er hat eine individuelle Dimension, etwa in der personalen, der Rollen- und Geschlechtsidentität, sowie eine kollektive Dimension, etwa die kulturelle und religiöse Identität. In der Entwicklung und Reifung eines Menschen entsteht das Identitätsgefühl im Wechselspiel von Selbst- und Fremdzuschreibungen. Im Zeitalter der Postmoderne, so ein vielstimmiger Befund, ist Identität als beständiger Teil unserer Psyche lose, fragil, brüchig geworden. Auch hier ist die Beschleunigung am Werk: Identitäten sind nicht mehr starre Zuschreibungen, mit denen man nun einmal durchs Leben geht, sondern flexible, changierende Teile eines „Ichs“, das immer mehr zur Selbstdarstellung und Selbstinszenierung gezwungen ist. „Wir sind zum Projekt der Selbstfindung befreit und verdammt zugleich“, erläutert der Sozialwissenschaftler Walter Lorenz, Rektor der Universität Bozen.
Der Zuwachs von Autonomie und die Ablösung von Autoritäten geht insofern auch mit Schattenseiten einher: Viele Menschen sind durch die Last einer völlig individualisierten Selbstfindung psychisch überfordert, so Lorenz. So wird der zuletzt beobachtete Anstieg psychischer Störungen wie Depression oder Burnout damit in Verbindung gebracht. Es sei ein Vakuum entstanden, in dem ein buntes Sammelsurium an Symbolen und Identitäten als Kompensation dient: zum Beispiel Identitäten der Ernährungsweise, Identitäten der Freizeitgestaltung, Produkt-bezogene Identitäten. Lorenz erkennt im Markt selbst ein „Mittel der kollektiven Rückversicherung“, was etwa in der Loyalität zu Markenprodukten zum Ausdruck kommt. Ob Apple oder Microsoft, Prada oder Gucci, Nike oder Adidas – auch die Konzerne versuchen, mittels „Branding“ einen symbolischen Bedeutungsüberschuss zu vermitteln. Der Wettstreit der Produkte laufe heute darauf hinaus, der Gestaltung von Lebensstilen kommerzielle Muster vorzugeben. Das aber ist ein Spiel, an dem nicht jeder partizipieren kann. „Das Anwachsen prekärer Arbeits- und Beziehungsgeflechte hat zu einer verstärkten Verunsicherung vor allem der jungen Generation geführt“, stellt der Sozialwissenschaftler fest.
Die digitale Welt hat für diese Entwicklung vielfachen Zündstoff bereitgestellt. Das „globale Dorf“ – der ursprünglich heimelige Begriff für das weltweite Netz – ist zu einem unüberschaubaren „Markt der Möglichkeiten“ geworden, auf dem Lebensstile und Modetrends scheinbar in völliger Beliebigkeit angeboten und ausgetauscht werden. Die unendliche Fülle an verfügbarer Information und die grenzenlose Vernetzung würden aus psychologischer Sicht eine Abwehrreaktion hervorrufen, die an die Symptome einer Borderline-Störung erinnert, erläutert der österreichische Psychiater Oliver Pintsov, der heute in Zürich tätig ist. Auch an die „dissoziative Identitätsstörung“ ist zu denken: Menschen mit diesem Krankheitsbild sind nicht mehr fähig, verschiedene Aspekte der Erinnerung und des Bewusstseins in ihrer Persönlichkeit zu integrieren.

Fragmentierung und Dissoziation

Die geistige Verwirrung der Globalisierungsgeneration äußert sich demnach in Fragmentierung und Dissoziation, dem Nebeneinander unterschiedlichster Persönlichkeitszustände, so Pintsov: „Die Hypervernetzung begünstigt ein Gefühl der mangelnden Abgrenzung, des Identitätsverlusts. Und die unüberschaubare Informationsdichte verleitet zur vereinfachenden Reduktion: Dann werden die Grautöne herausgefiltert – und es bleibt nur noch ein Schwarz-Weiß-Denken in krassen Gegensätzen übrig.“
Zum Schutz vor dieser Uferlosigkeit ziehen sich offensichtlich viele Menschen wieder auf altbekannte, vertraute Identitäten zurück. Im Extremfall kommt es zur Hinwendung zu fundamentalistischen Strömungen und Bewegungen. „Identität“ ist ein heiß umkämpfter Begriff geworden. Es ist bezeichnend, dass heute aktionistische, völkisch orientierte Bewegungen unter dem Label der „Identitären“ auftreten. (In Österreich ist diese Bewegung seit 2012 als „Verein zur Erhaltung und Förderung der kulturellen Identität“ registriert.) Kein Wunder auch, dass Begriffe wie „Heimat“, „Nation“ und „Religion“ in den Polit-Kämpfen derzeit europaweit eine große Rolle spielen.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  21:42:50 07.13.2005