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50/2016 - Und auf einmal ist doch vieles möglich
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Ungelesen , 08:33
Und auf einmal ist doch vieles möglich

Wer liest, lässt sich auf ein Spiel mit Regeln ein und tut „als ob“. Leser nehmen Rollen an, befragen die Realität und Sprache wird Spielmaterial.

| Von Brigitte Schwens-Harrant

Die kleine Alice sitzt neben ihrer lesenden Schwester und langweilt sich. Da läuft auf einmal ein weißes Kaninchen mit roten Augen an ihr vorbei. „Daran war“, heißt es in Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“, „an und für sich nichts Besonderes; auch fand es Alice noch nicht übermäßig seltsam, daß das Kaninchen vor sich hin murmelte: ‚Jemine! Jemine! Ich komme bestimmt zu spät!‘ (als sie später darüber nachdachte, fiel ihr ein, daß sie sich eigentlich darüber hätte wundern müssen, aber im Augenblick erschien ihr das alles ganz natürlich).“
Was Lewis Carroll da in seinem 1865 erschienenen Buch wie nebenbei erzählt, ist das, was beim Lesen passiert. Über vieles, das man in literarischen Texten zu lesen bekommt, könnte man sich wundern. Und wenn man beim Lesen innehält und darüber nachdenkt, wundert man sich vielleicht auch. Aber meistens will man beim Lesen gar nicht darüber nachdenken und wundert sich daher auch nicht, sondern man liest weiter, als ob das alles so wäre, wie es hier erzählt wird.
Die Literaturwissenschaft nennt dies „Suspension of disbelief“, also das Zurückstellen des Zweifels während der Lektüre. Leser wissen, wenn sie einen Roman lesen, dass das, was sie lesen, nicht so geschehen ist, aber sie tun – zumindest während ihrer Lektüre –, als ob es so gewesen wäre. Sie akzeptieren die Regeln, sie lassen sich darauf ein, sie spielen. „In jedem Augenblick kann ich aufwachen, und ich weiß es; aber ich will es nicht: Lektüre ist ein freier Traum“, bezeichnete Jean-Paul Sartre das Phänomen. Keiner, auch der Autor nicht, kann Leser dazu zwingen, dieses Spiel zu spielen. Oder wie Daniel Pennac in seinem Buch „Wie ein Roman. Von der Lust zu lesen“ schrieb: „Das Verb ‚lesen‘ duldet keinen Imperativ“. Wer sich aber freiwillig auf dieses Als Ob-Spiel einlässt, dem eröffnen sich viele Möglichkeiten.
In „Alice im Wunderland“ jedenfalls nehmen die Dinge rasch ihren Lauf – und Alice läuft mit. Schon vier Seiten später heißt es: „Denn seht ihr, Alice waren bis jetzt schon so viele ungewöhnliche Dinge zugestoßen, daß sie langsam nur noch das wenigste für unmöglich hielt.“ Hier ist eine Leserin schon mitten in der Geschichte, mitten im Möglichkeitsraum, den sie eröffnet. Nun wird Alice immer mehr, vielleicht bald alles möglich.

Mangel und maßlose Wünsche

Der Mangel an Möglichkeiten im Leben sei eine Triebkraft der Literatur, meinte der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa einmal. Literatur entspringe der Sehnsucht, die in jedem Menschen stecke: ein anderer zu sein, viel mehr Möglichkeiten zu haben, als man tatsächlich habe. Gegen diese „unvermeidliche Diskrepanz zwischen unserer begrenzten Wirklichkeit und unseren maßlosen Wünschen“ habe die Vorstellungskraft ein schlaues, subtiles Mittel ersonnen: die literarische Fiktion. „Dank ihr sind wir mehr und sind wir andere und doch immer wir selbst. In ihr lösen wir uns auf und vervielfältigen wir uns, weil wir sehr viele Leben mehr leben als das, was wir besitzen, und als die, die wir leben könnten, wenn wir auf das Wahrhafte beschränkt blieben und das Gefängnis der Geschichte niemals verließen.“
Leserinnen und Leser, die sich für eine bestimmte Zeit mit Figuren identifizieren, nehmen unterschiedliche Rollen an und probieren damit verschiedene Identitäten. Sie können, ohne dass das Konsequenzen für ihr Leben hätte, in viele Figuren und damit auch in viele Auffassungen schlüpfen. Sie können denken und handeln wie ein Mörder oder wie eine Heilige. Der Philosoph Michel de Certeau stellte in seinem Buch „Kunst des Handelns“ dies auch für Märchen und Legenden fest: „In Form von Göttern oder Helden können dort also Modelle für gute oder miese Tricks dargestellt werden, die alltäglich anwendbar sind. Es wird von Spielzügen berichtet und nicht von Wahrheiten.“
Das Als Ob-Spiel der Literatur macht allerdings auch vieles fraglich. Es zeigt den Konstruktionscharakter der sogenannten Wirklichkeit. Es befragt die Identität. Für Alice bedeutet der Aufenthalt im Wunderland der Fiktion etwa, dass sie beginnt, sich wichtige Fragen zu stellen. „Wer in aller Welt bin ich denn dann?“, fragt sie sich denn auch bald. „Ja, das ist das große Rätsel!“ Offensichtlich ist die Geschichte, in die Alice gefallen ist, aber ein guter Ort, das herauszufinden, denn: „Wer bin ich denn dann? Das sagt mir erst einmal, und wenn es mir gefällt, wer ich bin, komme ich herauf; aber wenn nicht, bleibe ich hier unten, bis ich jemand anders bin.“ Die insistierende Frage der Raupe, die Alice im Wunderland begegnet – „Wer bist denn du? […] Erkläre dich!“ –, wirkt geradezu grausam. Alice kann sich trotz der strengen Aufforderung nicht erklären. Vielleicht kann man gar nicht erklären, wer man ist. Vielleicht kann man es aber erzählen, zum Beispiel durch eine Geschichte. An einem Tag kann man verschiedene Größen haben, das passiert Alice im Wunderland. So beständig, wie man es vielleicht gerne sehen möchte, ist es nicht, das Individuum. Und so fantastisch ist so manche fantastische Geschichte gar nicht. „Alice im Wunderland“ kann man zwar als ungewöhnliche Geschichte lesen, möglicherweise steigert sich die Leselust aber sogar, wenn man im Spiel der Königin, die ihre Opfer köpft, Anspielungen entdeckt auf jene Welt, die man kennt.

Rätsel und Ratespiel

Für Lust am Lesen sorgt auch die Spannung, das Rätseln um die Auflösung am Ende. In literarischen Werken wird sie aufgebaut, indem Informationen fein dosiert gegeben, aber auch bewusst vorenthalten werden. Literatur erweist sich so auch als Ratespiel.
Verweise auf andere literarische Werke könnte man als Rätsel für Fortgeschrittene bezeichnen. Jedes „Buch wird aus anderen und über andere Bücher gemacht“, wusste Umberto Eco, für dessen Bücher diese Aussage wohl in besonderem Maße zutraf. Wenn Literatur sich Versatzstücke unterschiedlicher anderer Texte einverleibt, ergeben sich meist viele mögliche Lesarten. Literatur lässt sich auch ohne Kenntnis der zitierten Werke oder Persönlichkeiten, ohne Kenntnis der Anspielungen genießen. Umberto Ecos „Der Name der Rose“ etwa lädt ein, als spannender Kriminalroman gelesen zu werden. Man kann ihn aber auch als theologischen, als philosophischen Roman erkunden, man kann auf die lustvolle Suche nach Zitaten und Anspielungen gehen. Lust am Entdecken, am Enträtseln wecken auch Bilderbücher mit Anspielungen auf andere Literatur und mit Zitaten von bekannten Kunstwerken.
Dass Literatur mit Sprache spielt, wird optisch besonders deutlich bei Collagen, etwa den Merz-Gedichten von Kurt Schwitters, oder bei Gedichten der Konkreten Poesie. Auch Lewis Carroll hat die Geschichte der Maus in „Alice im Wunderland“ in Form eines Mäuseschwanzes geschrieben. Akustisch hört man das Spiel mit Sprache etwa in den Sprechgedichten von Ernst Jandl, der selbst über seine Gedichte sagte, sie würden erst durch lautes Lesen wirksam. Im berühmten Gedicht „ottos mops“ verwendete der Autor nur den Vokal O. Meist sind es Kinder, stellte Ernst Jandl fest, die beginnen, „dieses Gedicht nachzuahmen, aber in Wirklichkeit machen sie es gar nicht nach, sondern sie haben nur entdeckt, wie man so ein Gedicht machen kann, und dann machen sie es, und es wird ihr eigenes Gedicht daraus“. Das Spiel des Dichters regt alte und junge Hörerinnen und Hörer an, weiterzuspielen und die Sprache selbst als Spielmaterial zu entdecken.
„Sollten wir die ersten Spuren dichterischer Betätigung nicht schon beim Kinde suchen?“, fragte Sigmund Freud 1908 in seinem Vortrag „Der Dichter und das Phantasieren“. „Die liebste
und intensivste Beschäftigung des Kindes ist das Spiel. Vielleicht dürfen wir sagen: Jedes spielende Kind benimmt sich wie ein Dichter, indem es sich eine eigene Welt erschafft oder, richtiger gesagt, die Dinge seiner Welt in eine neue, ihm gefällige Ordnung versetzt.“

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  11:49:29 07.13.2005