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51/2016 - Zwischen Dazugehören und Anderssein
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Ungelesen , 07:02
Zwischen Dazugehören und Anderssein

Chánukka gehört nicht zu den großen jüdischen Festen. Die zeitliche Nähe zu Weihnachten verleiht ihm
aber doch spezielle Bedeutung.


| Von Markus Krah

„Chánukka“ ist das hebräische Wort für „Weihe“ oder „Einweihung“. Es verweist auf die Ursprünge eines Festes Mitte des 2. Jahrhunderts vor der Zeitrechnung. Die Ereignisse werden in den zwei Makkabäer-Büchern beschrieben. Damals wollten die Nachfolger Alexanders des Großen das Land Israel zwangsweise hellenisieren. Der Herrscher Antiochus IV. verbot jüdische Rituale und übernahm den Tempel in Jerusalem für seinen Kult. Durch diesen Götzendienst war er für religiöse Juden entweiht. Viele Juden übernahmen jedoch die hellenistische Kultur, andere starben als Märtyrer, als sie sich widersetzten.
Um das Jahr 165 brach ein Aufstand unter der Führung von Judas Makkabäus aus; sein priesterliches Familiengeschlecht ist auch als Hasmonäer bekannt. Die Rebellen vertrieben die Hellenen und brachten den Tempel wieder unter ihre Kontrolle; zur Wiedereinweihung des Altars fand ein achttägiges Fest mit Brandopfern statt. Für das Licht am siebenarmigen Leuchter im Tempel war rituell reines Öl erforderlich. Obwohl sich nur ein kleines Gefäß mit nicht-entweihtem Öl fand, das nur für einen Tag reichen konnte, reichte es durch ein Wunder für acht Tage, so die im Talmud festgehaltene Legende.

Der achtarmige Chánukka-Leuchter


Aus dieser Legende entstand, allerdings erst Jahrhunderte später, das zentrale Symbol des Festes: die „Chanukkía“, ein achtarmiger Leuchter mit einem neunten Arm, mit dem die acht Kerzen entzündet werden. An jedem der acht Festtage wird abends eine weitere der Kerzen angezündet, verbunden mit Segenssprüchen und Schriftlesungen. Traditionell wird die Chanukkía so aufgestellt, dass sie öffentlich sichtbar ist – vor dem Haus oder in Privatwohnungen auf dem Fensterbrett. In vielen größeren Städten werden in den letzten Jahren auch große Leuchter auf öffentlichen Plätzen aufgestellt, um das Wunder und damit das jüdische Eigene in der christlich-dominierten Mehrheitskultur zu zeigen, gerade in der Vorweihnachtszeit, in die Chánukka meistens fällt.
In dieser Betonung jüdischer Eigenheit gegenüber der christlichen Kultur steckt eine geschichtliche Ironie. Denn das Rabbinische Judentum, das die Tradition nach der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 prägte, tat sich mit den Chánukka-Ideen schwerer als das Christentum. Die Rabbiner schufen eine Religion des Gebets und der Spiritualität, ein Gegenmodell zum Opferkult der Hasmonäer, für die der Tempel, die Priesterfamilie und ihr Märtyrertum stehen. Der Talmud, Produkt rabbinischer Gelehrter, verschweigt die militärische Gewalt und betont das Ölwunder. Dem Christentum dagegen galt die Märtyrergeschichte als Vorläufer des Leidens und
Opfers Jesu. Daher nahm die Kirche die Makkabäer-Bücher in den biblischen Kanon auf; sie gehören damit zum „Alten Testament.“ Zur Hebräischen Bibel und zum protestantischen Bibelkanon gehören sie dagegen nicht; im Protestantismus, der darin der Hebräischen Bibel folgt, sind sie Teil der Apokryphen Schriften. Im katholischen Kalender wird der Makkabäer als vorchristlicher Heiliger am 1. August gedacht. Ihre Reliquien befinden sich in Kirchen in Rom und Köln.
Chánukka steht in der Ordnung der Feiertage nicht weit oben. Anders als etwa am Schabbat darf während der acht Tage gearbeitet werden, außer wenn die Kerzen brennen. Dennoch ist es heute eines der populärsten und fröhlichsten Feste im jüdischen Jahreskreis, vor allem für Familien und Kinder. Traditionell werden Kartoffelpuffer („Latkes“) oder Spritzgebäck im Rahmen festlicher Mahlzeiten gegessen. In Öl gebacken, verweisen sie auf das Tempelwunder. In Westeuropa stand oft auch Gans auf dem Speiseplan, wohl inspiriert durch christliche Weihnachtsbräuche. Für Kinder entstanden eigene Traditionen. Sie bekommen „Chánukka-Geld“, echte Münzen oder Schokoladengeld. Dieser Brauch soll daran erinnern, dass die im Makkabäer-Aufstand wiedergewonnene jüdische Souveränität im Land Israel durch die Prägung eigener Münzen befestigt wurde. Um Spielgeld geht es auch beim Drehen von Chánukka-Kreiseln, auf denen die Abkürzung des Satzes steht, „Dort geschah ein großes Wunder“. Im Staat Israel lautet die Botschaft der Kreisel dagegen: „Hier geschah ein großes Wunder“.
Für die frühen Zionisten war der Makkabäer-Aufstand ein Vorbild für den eigenen Kampf um jüdische Souveränität. In Israel werden heute zu Chánukka in einer Stafette Fackeln aus dem Ort Modi’in, aus dem die Makkabäer-Familie stammen soll, ins 30 Kilometer östlich gelegene Jerusalem getragen. An der Westmauer des früheren Tempels wird damit eine große Chanukkía entzündet.

Jüdisches „Dezember-Dilemma“

Als Minderheit in der Diaspora ist für Juden der Umgang mit den Dezember-Feiertagen kompliziert. Wie schwierig kann es werden, Kindern zu vermitteln, dass Christkind, Weihnachtsmann und Tannenbaum, die glitzernden Kugeln und besinnlich-schnulzigen Lieder, die uns im Dezember überallhin verfolgen, nicht für sie gedacht sind? Dass sie, anders als ihre Schulfreunde, keine Bescherung haben und nicht am Krippenspiel teilnehmen werden?
Die Dominanz von Weihnachten, die Nichtchristen ausschließen kann, lässt nicht nur Kindertränen rollen, auch erwachsene Juden empfinden oft ein „Dezember-
Dilemma“: wie weit passt man sich den kulturellen Bräuchen an? Ist es leichter, da sich viele Bräuche vom christlichen Ursprung des Weihnachtsfestes gelöst haben und Folklore geworden sind? Wie viel jüdischen Eigensinn setzt man dem entgegen, um sich nicht vereinnahmen zu lassen, ob von Christentum, Kommerz oder Kitsch?
Auf dieses Problem antworten manche Juden mit Abgrenzung. In den USA hat es sich als neue Tradition entwickelt, dass Juden zu Weihnachten chinesisch essen gehen, also bei einer anderen Minderheit, die Weihnachten nicht feiert. Dazu kommt, dass in chinesischem Essen oft keine Milch verwendet wird, das Essen also nicht eine der Grundregeln koscheren Essens verstößt, wonach Milch und Fleisch nicht vermischt werden dürfen. Für viele andere ist die Abgrenzung schwieriger, vor allem natürlich in gemischt-religiösen Familien, deren Zahl in den USA stetig steigt. Auch darauf reagiert inzwischen eine eigene Festtagsindustrie, die Weihnachtsbäume anbietet, auf deren Spitze ein Davidstern oder eine Chanukkía montiert ist. So feiert sich „Weihnukka“ am besten, wie der Hybridfeiertag dann häufig genannt wird. Beides sind Feiertage der Lichter. Vielen Familien macht ihr Glanz es leichter, mit den komplizierten Fragen von Dazugehören und Anderssein umzugehen.

Fest übers Verhältnis zur Mehrheitsreligion

So ist Chánukka seit über 2000 Jahren auch ein Fest, bei dem es um das Verhältnis des Judentums zur Mehrheitsreligion geht. Für liberale Juden, die dem Dialog mit anderen Gruppen aufgeschlossen sind, ist es ein Fest der Toleranz verschiedener Religionen untereinander, die Respekt auch für die älteste monotheistische Religion und die kleine Minderheit ihrer Anhänger haben. Und doch bleibt vor allem in Europa die Vereinnahmung durch das Christentum, das in der Geburt eines Knaben aus dem Hause David und vom Stamme Sem (dem Urvater der Semiten) die Erlösung sieht, vorausgesagt im „Alten Testament“ des Judentums.
Darauf reagierte der deutsch-jüdische Schriftsteller, Anarchist und Pazifist Erich Mühsam (1878–1934) mit dem trotzig-spöttischen Gedicht „Heilige Nacht“:
Geboren ward zu Bethlehem / ein Kindlein aus dem Stamme Sem. / Und ist es auch schon lange her, / seit’s in der Krippe lag, / so freun sich doch die Menschen sehr / bis auf den heutigen Tag. / Minister und Agrarier, / Bourgeois und Proletarier – / es feiert jeder Arier / zu gleicher Zeit und überall / die Christgeburt im Rindviehstall. / (Das Volk allein, dem es geschah, / das feiert lieber Chanukah.)


| Der Autor ist Wissenschafter am Institut für Jüdische Theologie der Uni Potsdam |

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  09:09:41 07.15.2005