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51/2016 - „Es war das Fest der Tempelweihe, und es war Winter“
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Ungelesen , 07:07
„Es war das Fest der Tempelweihe, und es war Winter“

Das jüdische Chanukka-Fest kommt im Neuen Testament nur einmal vor. Gerade an dieser Stelle des Johannes-evangeliums zeigt sich aber, wie sehr die Übersetzung des Textes antijüdischen Tendenzen Vorschub leistete..


| Von Hans Förster

Das jüdische Chanukka-Fest, das der Wiedereinweihung des Jerusalemer Tempels gedenkt, der unter Antiochus IV. Epiphanes um das Jahr 168 v. Chr. entweiht worden war, fällt in zeitliche Nähe zum christlichen Weihnachtsfest.
Das Johannesevangelium erwähnt als einziges der vier kanonischen Evangelien dieses Fest. In Joh 10,22 heißt es (Lutherübersetzung 2017): „Es war damals das Fest der Tempelweihe in Jerusalem, und es war Winter.“ Ausdrücklich scheint hier darauf hingewiesen zu werden, dass „das“ Tempelweihfest der Juden im Winter stattfand. Nach gängiger Auslegung der Stelle zeigt dies angeblich, dass die Leser, für die das Johannesevangelium verfasst ist, nur wenig vom antiken Judentum wussten. Warum sonst hätte das Johannesevangelium betonen müssen, dass das Chanukka-Fest im Winter stattfand?
Das hebräische Wort, das heute zur Bezeichnung des Festes verwendet wird, bedeutet „Weihefeier“. Der Name des Festes hat sich, so scheint es, über rund 2000 Jahre nicht geändert. Beim Weihnachtsfest ist es nur teilweise so: Als es entstand, hieß es „Geburtsfest“, im deutschen Sprachraum bezeichnet man es als Weihnachten, im angelsächsischen Bereich als Christmas und in den romanischen Sprachen begegnet uns die alte Bezeichnung „Geburtsfest“ (so z. B. im Spanischen: Navidad).
Das Johannesevangelium ist nach herrschender Meinung als das späteste Evangelium für Nicht-Juden geschrieben. Gemeinhin wird die Abfassung des Johannesevangeliums auf das Ende des ersten Jahrhunderts angesetzt. Die Distanz zum Judentum scheint auch in der teilweise sehr kontrovers geführten Auseinandersetzung zwischen Jesus und seinen jüdischen Gegnern zum Ausdruck zu kommen. Die Traumata des Synagogenausschlusses der Judenchristen durch die Juden würden hier verarbeitet. Schließlich erwähnt von allen kanonischen Evangelien nur das Johannesevangelium einen Synagogenausschluss (Joh 9,22; 12,42; 16,2). Und diesen Lesern müsse man – wie auch in Joh 10,22 – Grundlagen des jüdischen Festkalenders, welche Judenchristen noch hätten vertraut sein müssen, erklären.

Ein folgenschwerer Fehlschluss

Es scheint, also ob die Tücken der Philologie einen folgenschweren Fehlschluss verursacht haben. Natürlich wird auch im Griechischen der bestimmte Artikel vor dem Begriff für „Weihefeier“ verwendet, allerdings hat dieser im Griechischen eine andere Funktion als im Deutschen, sodass folgende Übersetzung korrekt ist: „Es war ein Weihefest in Jerusalem, und es war Winter.“ Diese Übersetzung impliziert, dass zur Zeit Jesu nicht nur eine Weihefeier des Tempels stattfand. Tatsächlich zeigt eine Analyse der historischen Quellen, dass jährlich insgesamt drei Weihefeiern des Tempels stattfanden. Eine Feier gedachte der Einweihung des Salomonischen Tempels
und wurde in enger zeitlicher Nähe zum Laubhüttenfest begangen.
Diese Feier erwähnt beispielsweise die Pilgerin Egeria, die im vierten Jahrhundert das Heilige Land besuchte. Nach ihr wird zur Bezeichnung des Festes, das nach heutigem Kalender im Oktober begangen wurde und der Einweihung des Salomonischen Tempels gedachte, eben der Begriff verwendet, den das Johannesevangelium für die „Weihefeiern“ im Winter gebraucht. Einige Kirchenväter, welche diese Passage des Johannesevangeliums auslegen, identifizieren das dort erwähnte Fest mit noch einer anderen Feier: Für sie handelt es sich um die Einweihung des Tempels, der nach dem Babylonischen Exil erbaut und unter Serubbabel eingeweiht wurde.
Das heißt, dass zur Zeit Jesu nicht eine, sondern drei jüdische Tempelweihfeiern bekannt waren. Ferner muss festgehalten werden, dass nur das Johannesevangelium das jüdische Chanukka-Fest als „Weihefeier“ bezeichnet, während Flavius Josephus davon spricht, dass dieses Fest „die Lichter“ heiße.
Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass durch die Erwähnung des Winters für jüdische Leser deutlich gemacht wird, dass Jesus zu einer Weihefeier, die auch als „die Lichter“ bezeichnet wird, in Jerusalem war. Die Tatsache, dass Joh 10,22 der einzige bekannte Beleg ist, an dem Chanukka in den griechischen Texten der Antike und des Mittelalters als „Weihefeier“ bezeichnet wird, während andere jüdische Tempelweihfeiern häufiger mit dieser Bezeichnung versehen werden, zeigt, dass sich Chanukka erst spät zum Namen für das Fest der Wiedereinweihung des unter Antiochus IV. Epiphanes entweihten Tempels entwickelt hat. Durch die fälschliche Verwendung des bestimmten Artikels in den Übersetzungen von Joh 10,22 wird der fatale Eindruck erweckt, dass ein bestimmtes Fest gemeint wäre, das Gegenteil ist jedoch der Fall. Aus drei potentiell als Weihefeiern bezeichneten Festen wird durch die zusätzliche Information, dass das Fest im Winter stattfindet, ein bestimmtes Fest identifiziert. Die Entscheidung, den griechischen Artikel auch im Deutschen durch den Artikel widerzugeben, ist eine philologische Fehlentscheidung. Sie verdeckt, dass von den Lesern des Textes intime Kenntnisse des Judentums verlangt waren.

Entscheidungen von Übersetzern

Natürlich kann und muss man die Frage aufwerfen, ob man überhaupt so viel Worte um die Übersetzung eines Artikels vor einem Wort im zehnten Kapitel des Johannesevangeliums machen soll? Schließlich steht dieser Artikel ja im Griechischen. Hier zeigt sich die Bedeutung der Entscheidungen, welche von Übersetzern vorgenommen werden: Diese stellen Vorentscheidungen für die Interpretation von Texten dar.
Im Fall des Johannesevangeliums bedeutet die Vorentscheidung, dass der Text für Nicht-Juden geschrieben ist, dass „die“ Juden fast schon zu einer Schablone im Text werden. Das Johannesevangelium gilt daher als das Evangelium, in dem die anti-jüdische Polemik der neutestamentlichen Evangelien ihren Höhepunkt erreicht: Als jüngstes Evangelium gäbe es damit von der Trennung zwischen Judentum und frühen Christentum Zeugnis. Diese These muss jedoch revidiert werden, weil sich auch an anderen Stellen des Johannesevangeliums immer mehr zeigt, dass in dieser Frage eine Wechselwirkung zwischen Auslegung des Textes und seiner Übersetzung besteht, dass also die Annahme, es handle sich beim Johannesevangelium um einen nicht-jüdischen Text die Übersetzungen des Textes beeinflusst hat. Damit wird jedoch aus den scheinbaren Polemiken Jesu gegen „die“ Juden eine intensive innerjüdische Auseinandersetzung um die richtige Deutung dessen, was „das“ Judentum ausmacht.
Die Implikationen dieser Erkenntnis sind weitreichend und lassen sich an dieser Stelle nur skizzieren: Falls das entscheidende Thema des Johannesevangeliums die Frage nach dem richtigen Verständnis dessen wäre, was das „richtige“ Judentum ist, hätte dies eine extreme Bedeutung für den jüdisch-christlichen Dialog.

Neue Deutung des Evangeliums


Gerade Texte wie das Johannesevangelium stehen ja zwischen dem Christentum und seiner Ursprungsreligion, aus der es hervorgegangen ist. In der Geschichte wurde aus Texten wie dem Johannesevangelium eine historische Schuld der Juden am Tod Jesu abgeleitet, von „Gottesmördern“ wurde gesprochen. Falls die hier vorgeschlagene Deutung des Johannesevangeliums richtig wäre, dann können die Juden im Johannesevangelium nicht am Tod Jesu schuld sein, da sich das Johannesevangelium an Juden richtet. Für eine kollektive Schuldzuweisung taugt ein so verstandener Text nicht mehr.
Gerade angesichts der Tatsache, dass ein christlich motivierter Antijudaismus zum Klima des Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert beigetragen hat, und dass dieses gesellschaftliche Klima den Verbrechen des NS-Regimes gegenüber den Juden den Weg bereitet hat, sollte sich die christliche Übersetzungs- und Auslegungspraxis der neutestamentlichen Texte bemühen, in allen Details mit dem Text korrekt umzugehen.
Dies kann und wird dann dazu beitragen, dass aus dem Johannesevangelium als einem scheinbar hellenistischen Text mit antijüdischer Polemik ein zutiefst jüdischer Text mit innerjüdischem Diskurs werden kann. Eine minutiöse philologische Analyse des Johannesevangeliums wäre deswegen eine lohnende neutestamentliche Forschungsarbeit.


| Der Autor forscht an der Universität Wien als Projektleiter zweier vom FWF geförderten Forschungsprojekte zur koptischen Überlieferung des Johannesevangeliums |

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