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51/2016 - Abseits der allzu vertrauten Bilder
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Ungelesen , 07:10
Abseits der allzu vertrauten Bilder

Gottes Menschwerdung: Beim Hören oder Lesen dieser theologischen Aussage werden vor dem inneren Auge vereinfachende Bilder wahrgenommen. Zwei Neuerscheinungen unternehmen den Versuch, dazu neue Sichtweisen und Erkenntnisse anzubieten.


| Von Ursula Baatz


Auf dem Feld hören nachts die Hirten den Gesang der Engel. Sie finden ein Neugeborenes in einem Stall in der Futterkrippe und beugen ihre Knie: hier ist Gott Mensch geworden. Die vertraute Innigkeit der Weihnachtsgeschichte lebt von den inneren Bildern – das Kind, Maria, Josef, die Tiere, die Engel und Hirten erscheinen beim Hören oder Lesen vor dem inneren Auge. Worte rufen Bildvorräte auf – „frames“, wie die Neurobiologie sagt –, in denen vertraute Interpretationen und Wahrgenommenes in vereinfachter bildhafter Form zusammengefasst sind. Kein Wunder, dass das Kind in der Krippe in der inneren Vorstellungswelt meist blonde Locken und eine feine weiße Haut hat. So haben es durch Jahrhunderte die Meistermaler imaginiert und so ist es „abgespeichert“.
Doch Jesus war höchst wahrscheinlich dunkelhaarig und von dunklerer Hautfarbe entsprechend der DNA. Welche Hautfarbe hat aber nun Gott? Hell oder dunkel? Wie ist das Verhältnis von
Jesus, dem Individuum und Gott, dem ungreifbaren unfasslichen Ursprung und Geheimnis? Die Frage hat die christliche Theologie seit ihren Anfängen umgetrieben. Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, unvermischt eine Person in zwei Naturen, sagt das Konzil von Chalzedon im Jahr 451. Das Konzil formuliert eine aporetische Aussage, für die es keine rationale Lösung gibt. Der englische Theologe Graham Ward erläutert: bejaht man die individuelle Seite, verliert man die universale, bejaht man die universale, verliert man die individuelle Seite. Ein Zen-Meister würde das als Koan bezeichnen.
Das theologische Problem ist tiefgreifend. Jesus, die konkrete historische Person mit einem individuellen Leib/Körper, hat zugleich eine universale Dimension, den „mystischen Leib Christi“. Für die Befreiungstheologie z. B. ist der gekreuzigte Christus das unterdrückte, gekreuzigte Volk.

Nicht ans Geschlecht gebunden

Wie soll man die Körperlichkeit Jesu verstehen? Saskia Wendel und Aurica Nutt, beide systematische Theologinnen, haben dazu einen Sammelband aus geschlechtertheologischer Perspektive herausgegeben, „Reading the body of Christ“ . Unter anderem wird darin das Männerbild bedeutender konservativer Theologen wie Papst Benedikt XVI. und Hans Urs von Balthasar befragt – mit z.T . überraschenden Ergebnissen.
Eine Theologie der Geschlechter ist kirchenpolitisch allemal brisant. Denn der Umstand, dass Jesus als Mann geboren wurde, dient oft als Argument für den Ausschluss der Frauen vom Weiheamt, womit die universale Dimension Christi negiert wird. Der große Theologe Karl Rahner dagegen meint, dass die Gnade Gottes nicht ans Geschlecht gebunden ist, schreibt der Innsbrucker Dogmatiker Roman Siebenrock. Schon der Apostel Paulus betont, dass es „in Christus keine Unterschiede gibt“ (Gal 3,28). Für die Beziehung zwischen Gott und Mensch ist es also irrelevant, ob jemand Mann oder Frau (oder etwa transsexuell) ist. Dies ernst zu nehmen, wäre eine inkarnatorische Handlung. Der lebendige Gott würde in der Welt sichtbarer.
Der moderne Theismus, auch innerkirchlich, ist allerdings das Gegenteil von lebendig. Zu oft klingen die Worte der Predigt so, als ob „erfrorene Vögel von Himmel taumeln“, meinte Rahner. In Sachen Gottesglauben herrscht Winter in der modernen Welt, konstatierte Rahner vor mehr als einem halben Jahrhundert. „Die durchschnittliche Predigt wie auch die volkstümliche Frömmigkeit haben eine etwas zurückgebliebene Vorstellung von Gott“, so Rahner. Doch in den letzten 20 Jahren hat ein neuer Frühling des Gottesglaubens begonnen. Dies dokumentiert die amerikanische Ordensfrau Elizabeth Johnson in ihrem höchst lesenswerten Buch: „Der lebendige Gott. Eine Neuentdeckung“. Gott ist keineswegs tot, nur nicht dort anzutreffen, wo man vermutet, erklärt die Theologin. Gott darf man nur nicht dort suchen, wo man Gott als höchstes Wesen oder als „ein spezielles Element des Ganzen“ sieht.

Orte des lebendigen Gottes

Elizabeth Johnson unternimmt ihre Reise zu den Orten des lebendigen Gottes mit Thomas von Aquin und Karl Rahner als Leitsternen. Doch 2011 wurde sie von der US-Bischofskonferenz massiv kritisiert. Man warf ihr vor, dass sie sich nicht ans Lehramt hielte. Vermutlich hatten die Zuständigen nur die Überschriften gelesen.
Mit Franziskus als Papst darf und soll die Kirche aber wieder lebendig sein. So führt „Der lebendige Gott“ zu Orten, an denen heute inkarnatorische Bewegung zu spüren ist. Das ist nicht immer für alle angenehm. Die Suche nach Gott ist das Gegenteil bürgerlicher Indifferenz.
Am Beginn steht die Frage der Theodizee: Warum lässt Gott das Böse zu? Dies ist nach 1945 der Ausgangsort für die Suche nach dem lebendigen Gott. Es gibt keine Erklärung, warum Gott das Böse, den Krieg, die Ermordung von Millionen Juden zugelassen hat. Die Theodizee als rationale Erklärung hat versagt. Die Vorstellung von Gottes Allmacht ist obsolet, ebenso die alte Sicherheit.
Doch drei deutsche Theologen, Dorothee Sölle, Jürgen Moltmann und Johann Baptist Metz sagen: es gibt zwar keine Sicherheit, aber eine wagemutige Hoffnung, die sich an Kreuz und Auferstehung Jesu orientiert. Angesichts des Leidens „den Tisch der Lebensfülle für alle zu decken“ ist ein mystisch-politischer Weg.
Das Faktum der bitteren weltweiten Armut ist der zweite Ausgangsort für die Suche nach dem lebendigen Gott. Es waren lateinamerikanische Theologen, die in den 1960er-Jahren angesichts der bitteren Realität der Armut in ihren Ländern entdeckten, dass Gott in der hebräischen Bibel sich den Armen gegenüber keineswegs neutral verhält oder sie aufs Jenseits vertröstet. In der Geschichte des Exodus genauso wie z. B. bei den Propheten wird deutlich, dass „Gottes Herz auf Gerechtigkeit für die Unterdrückten aus ist“.
Benedikt XVI. hat bei der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Aparecida 2007 die „vorrangige Option für die Armen“ als zentral für die Sendung der Kirche bekräftigt. Armut, so Elizabeth Johnson, ist eine „institutionelle Gewalt, die den Wert des Menschen verachtet“. Dagegen steht die biblische Sicht, dass der Gott des Lebens auf der Seite derer steht, die Ungerechtigkeit erleiden. Gott kann in einer rassistischen Gesellschaft daher nicht farbenblind sein, betont die Schwarze Befreiungstheologie.

„Gott bin ich und nicht Mann“

Die Frauenbewegung war ein weiterer Ort des Aufbruchs. Erst 1974 wurde von der UNO-Frauenkonferenz anerkannt, dass Frauenrechte Menschenrechte sind. Die feministische Theologie entdeckt nun, dass viele Metaphern und Bilder, in denen die hebräische Bibel von Gott spricht, weiblich sind, ja dass Gott selbst sagt: „Gott bin ich und nicht Mann“ (Hos 11,9). Von Gott als starker Frau und Mutter zu reden, ist ein biblisches und zugleich neues, bis heute kontroverses Verständnis der Lebendigkeit Gottes. Afroamerikanische und hispanoamerikanische Frauen denken diese Bilder weiter und beginnen ihre eigenen Visionen des lebendigen Gottes zu formulieren.
Ein Geschenk der Indigenen und der Volksfrömmigkeit Lateinamerikas ist der „begleitende Gott der Fiesta“. Wie die Weisheit Gottes (Spr 8,30) dürfen die Menschen vor Gott spielen und Gott in der Form des Schönen leben. Gottes Freigebigkeit bringt Menschen unterschiedlichster Religionen in Dialog, Handeln und theologischem Austausch zusammen. Gott ist belebend, wie die Ökologische Theologie zeigt.
Elizabeth Johnson verbindet am Ende alle diese Stränge trinitarisch in Befreiung, Hoffnung und Heilung im „unbegreiflichen Mysterium des lebendigen Gottes“, das die Menschen in eine offene Zukunft ruft. Eine Perspektive, die gerade im Augenblick höchst notwendig ist.


Reading the Body of Christ
Eine geschlechtertheoretische Relecture.
Hg. Saskia Wendel, Aurica Nutt.
Schöningh 2016.
210 Seiten, kt.,
€ 27,70

Der lebendige Gott
Eine Neuentdeckung.
Von Elizabeth A. Johnson.
Herder 2016.
336 Seiten,
geb., € 30,80

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