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01/2017 - Donald Trumps postfaktische Revolution
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Ungelesen , 07:00
Donald Trumps postfaktische Revolution

Da sich der künftige US-Präsident im Wahlkampf auch keinen Deut um die strategischen Vorgaben der Republikanischen Partei kümmerte, stellt sich eine neue Frage: Inwieweit ist deren christlich-evangelikal-rechtskonservative Ausrichtung noch eine Zukunfts-Option?

| Von Andreas Weiß


Dass nach acht Jahren demokratischer US-Präsidenschaft unter Barack Obama wieder ein republikanischer Kandidat ins Oval Office des Weißen Hauses einzieht, müsste in der konservativen Partei der USA eigentlich zu einem ungeteilten Freudenschrei führen. Doch mischt sich unter das neue Selbstbewusstsein, das zwar nach außen demonstrativ zur Schau gestellt wird, auch nachdenkliches Innehalten.
Der Wahlsieg Donald Trumps in den Vereinigten Staaten, der trotz aller Skandale und ohne die Unterstützung zentraler Autoritäten in der Republikanischen Partei zustande gekommen ist, offenbart nämlich deutlich: Die Strategie, die das Geschick der konservativen Partei der USA lange Zeit geprägt hat, ist mit dem siegreichen Wahlkampf Trumps an ihr Ende gekommen. Das nicht auf klassisch-republikanische Inhalte und konservative Logik, sondern auf populistische Anfeindungen, nicht
auf Ideologie, sondern auf emotionalisierte Parolen ausgelegte Auftreten Trumps hat bei den Wählern Früchte getragen.

Evangelikale Seilschaften obsolet?

Donald Trump machte damit den republikanischen Wahlstrategen klar: Er benötigt für seinen Triumph keine Unterstützung durch die Netzwerke ausgeklügelter Seilschaften der evangelikalen Kirchen, keine Lobbykampagnen und vor allem baute er auch nicht mehr auf die moralisch-konservative Ordnung, die noch die Wahlerfolge Bushs oder Reagans herbeigeführt hatte. Seine auf Angst und Unsicherheit gerichtete Politik entfaltete ihre Wirkung nicht nur ohne durch Fakten untermauert zu sein, sondern sicherte dem parteiintern nach wie vor umstrittenen Wirtschaftsmogul auch breite Zustimmung in der weißen, männlichen Mittelklasse.
Diese Taktik der US-amerikanischen Autosuggestion, dass die Staaten in einer ihrer schwierigsten Zeiten seien – was keinesfalls hinreichend durch Daten belegt werden konnte – war bezeichnend für Trumps Wahlkampf, stellt aber auch eine Parallele zu den populistischen Botschaften dar, die im Rest der Welt einen ähnlichen Erfolg verbuchen konnten. Angst und Unzufriedenheit zu schüren, sich gleichsam aber ungeachtet persönlicher Schwächen und erheblicher moralischer Fehltritte als Retter der Nation zu etablieren, hat anscheinend wirksam den Nerv des US-Wählerbewusstseins angesprochen.
Die oftmals proklamierte „postfaktische“ Gesellschaft scheint im Rennen um das Weiße Haus zu einem postpolitischen Zeitalter mutiert zu sein: Trump stellte sich bewusst gegen die festen Strategien der republikanischen Kreise und durchbrach nicht zuletzt auch mit seinen fragwürdigen moralischen Entgleisungen die vielerorts so starr und undurchdringlich erscheinenden Weltbilder rechtskonservativer Kreise evangelikaler Kirchen. Dieser US-Wahlkampf kann als Zeichen für die Absage an politische „big stories“ gesehen werden, die durch ein populistisches Sprachspiel emotionaler Angstreden, Feindbilder und der autosuggestiv vermittelten Krisenzeit der Gesellschaft ersetzt wurden.
Die Strategie Trumps realisiert die Forderungen einer postfaktischen Gesellschaft: Botschaften werden heute nicht mehr in Form einer kohärenten Weltsicht auf Basis eines ideologischen Unterbaus an die Adressaten gebracht, sondern in prägnanten Schlagworten, die sich in den Köpfen der Menschen zu einem politischen „Word-Rap“ einprägsamer Floskeln einbrennen. Politische Auftritte funktionieren nicht mehr nach dem Prinzip einer zusammenhängenden „Meta-Erzählung“ über die Welt, sondern die Zuhörer und potenziellen Wähler sollen durch eine möglichst hohe Anzahl an aggressiven, aufrüttelnden und wiederholbaren Polit-Slogans angesprochen werden. Donald Trump scheint die Übernahme dieser Twitter-Tugend aus der Welt des sozialen Netzwerkes in der politischen Landschaft auf eine neue Ebene gehoben zu haben. Dieser Stil ist gerade im Hinblick auf die althergebrachten Taktiken nicht zuletzt religiös geprägter Themenfelder republikanischer Größen unkonventionell, hatte aber eine ungemein höhere Schlagkraft als die ideologisch untermauerten Botschaften seiner konkurrierenden Parteigenossen, die er schon früh in den US-Vorwahlen abhängen konnte.

Gesprengte Rahmenbedingungen

Nicht einmal die zu erwartend höchste Strafe in der so traditionell ausgerichteten republikanischen Partei, nämlich dass ihm die grauen Eminenzen der konservativen US-Politik ihre Unterstützung untersagt haben und ihm auch gegenwärtige Polit-Größen im rechten Lager den Rücken gekehrt haben, konnte Trump schaden. Er machte klar, dass er – sogar parteiintern – gegen das „establishment“ vorgehen wollte und trotz allen Widerstandes diese Wahl gewinnen würde.
Damit sprengte er aber nicht nur jene oftmals religiös motivierten Rahmenbedingungen des republikanischen „ways of life“, sondern warf auch die althergebrachten Ideologien der Republikaner weitgehend über Bord, die die Partei in ihrem äußeren Erscheinungsbild nachhaltig geprägt hatten.
Die so lange unhinterfragte Taktik der Republikaner, dass Netzwerke, Lobbyarbeit und nicht zuletzt religionspolitische Lagerbildung einen entscheidenden Ausschlag in der US-Politik ausmachen, wurde durch die Trump-Politik vor den Kopf gestoßen – und zwar sehr erfolgreich. Wurden konservative US-Präsidentschaften lange Zeit von „big stories“ der Auseinandersetzung mit einem gemeinsamen großen Feindbild – beispielsweise mit dem atheistischen Kommunismus der Sowjetunion zu Eisenhowers oder Reagans Zeiten – getragen, so machten Trumps Auftreten und seine Äußerungen deutlich, dass seine Politik nicht auf solche ideologischen Fundamente angewiesen ist.
Seine Politik postfaktischer Art wurde somit auch zum Ausdruck einer post-politischen Botschaft, die nicht mehr auf die traditionellen Weltbilder aufbaut. Vielmehr lenkte er verstärkt den Blick auf die USA selbst: Nicht mehr die Themen in der Weltpolitik spielten eine Rolle, sondern nationalistische und exklusivistische Tendenzen prägten seine Aussagen: Der Beigeschmack einer politischen Isolation kann nicht geleugnet werden, doch setzt sich Trumps „way of politics“ auch hier vom etablierten Weltmachtsstreben der US-Politik ab. Diese Linie steht somit ganz diametral den international motivierten Legislaturperioden seiner (auch republikanischen) Vorgänger entgegen.

Auflehnung gegen Republikaner

Trump sieht für sich und seine Politik keinerlei Notwendigkeit sich an irgendwelche ideologischen oder moralischen Vorgaben zu halten oder sich irgendwelchen Wertesystemen der Partei unterzuordnen: Er machte schon in den Auseinandersetzungen innerhalb der republikanischen Partei mehr als deutlich, dass er von deren Autoritäten nicht beeindruckt ist und sich auch gegen deren Willen durchsetzen könne. Damit wurde aber der amerikanische „Bad Boy“ Trump auch zu einer Gefahr innerhalb der Partei, da er sich um die Umgangsweise des konservativen Lagers schlichtweg nicht kümmerte. Der Sieg Trumps ist somit zwar kein Pyrrhus-Sieg, jedoch eine klare Absage an die jahrzehntelange republikanische Logik, die lange Zeit als unverrückbar galt und in Stein gemeißelt zu sein schien: Trump lehnte sich gegen den „way of life“ in der konservativen Ecke der US-Politik auf und hatte damit auch jenen schlagenden Erfolg, auf den man seit der Wahlniederlage von John McCain 2008 gegen Barack Obama gewartet hatte. Damit stellt er die Republikaner aber vor die entscheidende Frage, ob die strategischen Bindungen, an denen innerhalb der Partei so lange nicht gerüttelt wurde, in Zukunft überhaupt noch wirksam sind.
Es wird eine Aufgabe der Republikaner sein, die innerparteilichen Wunden, die sich trotz des Wahlsieges durch die langen Vorwahlkämpfe und parteiinternen Zwistigkeiten in der Folge von Trumps Personalentscheidungen im Regierungskabinett aufgetan haben, zu versorgen und eine zukunftsfähige Diagnose zu stellen, damit die Handlungsfähigkeit der Republikaner, die nunmehr fast uneingeschränkt am politischen Ruder in den USA sitzen, gegeben sein wird.

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  12:28:51 07.18.2005