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02/2017 - Raus aus dem Hamsterrad!
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Ungelesen , 06:52
Raus aus dem Hamsterrad!

Der heutige Universitätsbetrieb leidet an kurzsichtiger Verzweckung: Vor lauter Anpassung wird der kreative Nährboden unserer Hochschulen ausgedörrt.

| Von Josef Christian Aigner

Universitäten erscheinen heute durch die immer ungehemmtere kapitalistische Ökonomisierung als Ort rastloser Betriebsamkeit. Allerorten herrschen Hetze, „Standardisierung“, „Effizienz“ im Sinne immer größeren „Outputs“, „Evaluation“ „Controlling“ und manches mehr. Wenn etwa an der Uni Innsbruck die „Budget und Controlling“-Abteilung einen ganzen Seitentrakt des ehrwürdigen Hauptgebäudes einnimmt, während sich dahinter das Vizerektorat für „Lehre und Studierende“ – immerhin für eine der Hautaufgaben jeder Universität zuständig – mit zwei bescheidenen Büros verkrümelt, dann weiß man, was Sache ist.
Manche Uni-Führung scheint diesem betriebswirtschaftlichen Denken, das jedem aufrechten Humanisten Sorgenfalten bescheren muss, recht unkritisch verfallen zu sein: „Intellektuelles Vermögen“ und „Humankapital“ zieren Berichte und Festschriften, während sich unbemerkt ein funktionalistisch-neoliberaler Bildungsbegriff etabliert hat, der vor modischen Anglizismen wie „Employability“ strotzt oder durch populistische „Zauberbegriffe“ wie „Kompetenz“ (wie wär’s mit „Wissen“ und „Bewusstsein“?), „Modularisierung“, „Lifelong Learning“, „Qualitätsmanagement“ etc. charakterisiert ist.

Ausgeprägte Regelungswut

Diese oberflächliche Betriebsamkeit – und nicht nur die Unterfinanzierung – erstickt das, was an Universitäten einmal das Besondere war: den Freiraum zum Diskurs, zum Erproben neuer, gewagter Ideen, zum Hinaustragen innovativer Entwürfe in Politik und Gesellschaft. Zudem fehlen den meisten Uni-Angehörigen schlicht Zeit und Muße (nach Aristoteles die „Schwester der Freiheit“!) zu kreativem Austausch. Statt dessen hecheln befristet angestellte Jungwissenschaftler hinter Forschungsanträgen her, deren Erfolgswahrscheinlichkeit oft unter 20 Prozent liegt, um vielleicht doch eine der wenigen „Laufbahnstellen“ zu ergattern: Da heißt es wohl still und fleißig sein, schließlich will man ja ein Stück Zukunftssicherheit erwerben.
Viele Studierende wiederum wedeln, vom Arbeitsmarkt gejagt, durch verschulte Bologna-Studienpläne mit rigiden Voraussetzungsketten, um ihre ECTS-Punktepflicht zu erfüllen. Sie klagen auch – leider nur auf teils geschlossenen Social-Media-Plattformen und politisch kaum wahrnehmbar – über zu wenig wählbare Schwerpunkte und über bürokratisierte Abläufe unter dem Diktat ausgeprägter Regelungswut. Aber sie wehren sich nicht, gehen kaum zur Hochschülerschaftswahl (Wahlbeteiligung 2015: 26 Prozent) und ergreifen auch sonst kaum Protestmaßnahmen. Dies soll kein moralistischer Vorwurf sein: Straffe Reglementierungen und die Neigung, sich das gefallen zu lassen, drücken eine innere Verunsicherung der Handelnden aus, dem mit dem Regime verbundenen Druck gerecht zu werden – sowohl bei Studierenden als auch bei Lehrenden. Eine andere Art der Folgsamkeit ist die oft eher peinlich anmutende Unterwerfung der Rektorate unter die fragwürdige Leistungsmessung diverser Ranking-Agenturen.
Apropos Rankings: Der Mess-Fetischismus, dem sich die Unis heute ausliefern, ist mehrfach grotesk. Zitier-Kartelle, in denen AutorInnen durch möglichst viel gegenseitiges Zitieren ihre „messbar“ höhere Wichtigkeit vortäuschen, sind längst bekannt. Wissenschaftssoziologe Yves Gingras spricht gar von „perversen Effekten“ der Rankings, die zu „intellektueller Korruption“ führten: So kontaktierten Universitäten vielzitierte Autoren, diese Unis als Arbeitsadresse anzuführen (obwohl sie nie mit ihr zu tun hatten), nur um mehr Punkte zu erhalten (siehe auch Interview S. 4/5).

Dasein als „Drittmittelknecht“

Dabei ist dieser „Vertriebswirtschaftlichungs-“ und Bewertungsunsinn widersprüchlich: An der oft ehrfurchtsvoll angebeteten Top-Universität Harvard etwa käme kein Präsident (=Rektor) auf die Idee, „die Universität als eine Art mittelständisches Unternehmen auffassen zu wollen, in dem die einzelnen Abteilungen berichtspflichtig sind und nach ihrem ökonomischen Wert taxiert werden“, so der Japanologe Klaus Antoni nach einem Harvard-Aufenthalt. Ein solcher Rektor „hätte in Harvard die gesamte Universität als einen Gegner vor sich“. Auch würde dort niemand hoch spezialisierte Professoren mit der Eintreibung von viel Geld malträtieren, während dies bei uns zu den wichtigsten Berufungskriterien gehört. Dafür herrscht hier eine starke „Entwertung der Einzelforschung“, weil durch sie keine Drittmittel akquiriert werden – ganz anders an der Vorzeige-Uni: „Der einzelne Wissenschaftler als Drittmittelknecht, der anstatt Bücher nur noch Anträge, Berichte und Pläne schreibt, ist ein in Harvard nicht einmal als Karikatur zu vermittelndes Bild“, bemerkt Antoni.
Was also tun? Ist nicht ohnehin alles festgezurrt durch Knebelungsverträge, die das betriebswirtschaftliche Instrument der „Leistungsvereinbarungen“ mit dem Ministerium eingebracht hat? Nun: Verträge sind dazu geeignet, verändert zu werden! Zunächst bedarf es eines neuen gesetzlichen Rahmens, weg vom Universitätsgesetz 2002 und seinen Einschränkungen. So muss die Mitbestimmung vieler kluger Köpfe wieder als Chance gesehen und zur Selbstverständlichkeit werden. Das bedeutet auch, die akademisch unwürdigen monokratischen Willkür-Ämter, die alles Mitdenken per se ersticken, müssen weg – und ausgeglichen besetzte meinungsbildende Gremien her. Denn ohne selbstbewusst agierende Uni-Lehrer dürfen wir auch keine kritische Beteiligung vonseiten der Studierenden erwarten. Das Bologna-Studienkorsett, jene „von ökonomischen Zwängen zerfressene Universitätsreform“ (Jörg Lauster) muss durch ein Forum Betroffener und Experten kritisch hinterfragt werden, auch auf die Gefahr hin, aus dem
europaweiten Trott auszuscheren. Es wäre ja nicht die erste europäische Doktrin, die an der Eigenwilligkeit einzelner Länder zerschellt.
Im Zuge dieser Wieder-Öffnung zu mehr Gestaltungsautonomie müssen Bildungspolitik und Universitäten den Studierenden wieder das Gefühl geben, wichtige Mitwirkende zu sein (keine „Kunden“), die etwas Bedeutsames für die gesellschaftliche Zukunft einbringen können und sollen – ohne von kurzsichtiger „Verzweckung“ eingeengt zu sein. Einzelne Unis verweigern schon die Beteiligung an Rankings; gut so. Zugleich sollten die Unis den Affirmationsangeboten des Marktes trotzen und selbstbewusst Berufsprofile ihrer Absolventen formulieren, die als erstrebenswert gelten: nämlich reflektierte, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusste Menschen, und das in allen Wissenschafts- und Berufszweigen.

Studien-Teilzeitformate gesucht

Insgesamt geht es – noch vor allen sicher wichtigen budgetären Forderungen – um die (Wieder-)Gewinnung der Universität als demokratischer und akademischer „Lebensform“, innerhalb derer die um sich greifende „Anpassungskompetenz“ zugunsten von „Nachdenklichkeit“ und fundamentaler Kritikfähigkeit zurückgedrängt wird. Diese Lebensform soll für Lehrende und Studierende ein gemeinsames akademisches Selbstbewusstsein ermöglichen („good old ‚Universitas magistrorum et scholarium‘“), was heute verloren scheint. Dabei bedarf es der Rücksichtnahme auf die mehrheitlich berufstätigen Studierenden (mehr als 60 Prozent): Erst wenn für sie geeignete Teilzeit-Studienformate geschaffen sind, die sie an dieser „Lebensform“ würdevoll teilnehmen lassen, anstatt das Studium als Stressfaktor neben Beruf und Familie zu erleiden, kann man von ihnen aktive Beteiligung und ein reflektiertes Studium erwarten.
Utopie? Möglich! Aber: wo Utopien – und auch die Möglichkeit ihres Scheiterns – nicht mehr ernst genommen und gewagt werden, droht jene Versteinerung, die unsere höchsten Schulen so unkritisch und unattraktiv erscheinen lässt.


| Der Autor ist Bildungswissenschaftler an der Universität Innsbruck und Psychoanalytiker |

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