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02/2017 - Der heimliche Reiz des Plagiats
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Ungelesen 11.01.2017, 06:04
Der heimliche Reiz des Plagiats

Abschreiben gab es schon immer. Im Computer-Zeitalter aber haben sich Möglichkeiten für wissenschaftlichen Betrug vervielfältigt. Nun wappnen sich die Plagiatsjäger mit verbesserter Software. Und die Unsicherheit bei den Studierenden wächst.

| Von Sophie Alena

Immer wieder werden Fälle bekannter Personen öffentlich diskutiert, deren Dissertationsarbeiten unter Verdacht stehen, fehlerhaft oder sogar abgeschrieben zu sein. Das verunsichert auch die Studierenden österreichischer Hochschulen und Universitäten. Sind Plagiate tatsächlich so häufig?
Als 2011 die Plagiatsaffäre des ehemaligen deutschen Verteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg Schlagzeilen machte, blieb das nicht lange ohne Wirkung. Guttenberg wurde kurz nach Bekanntwerden der plagiatsrelevanten Stellen sein Doktortitel aberkannt. Deutschlands aktuelle Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hingegen konnte ihren Titel behalten, obwohl auch in ihrer Doktorarbeit Plagiate festgestellt wurden. Auch in Österreich haben seither einige Fälle für Diskussion gesorgt. So musste sich der ehemalige Wissenschaftsminister und heutige EU-Kommissar Johannes Hahn 2011 ebenfalls Plagiatsvorwürfen stellen. Er konnte jedoch seinen Titel behalten. Ein aktuelles Beispiel bietet Christian Buchmann, steirischer Landesrat der ÖVP, in dessen Dissertation aus dem Jahr 2000 zweifelhafte Stellen gefunden wurden.

Computerbasierte Prüfung

Die Plagiatsvorwürfe an Buchmann und Hahn machte unter anderem der Salzburger Plagiatsjäger Stefan Weber publik. Er begibt sich beruflich auf die Suche nach Textgleichheiten in wissenschaftlichen Abschlussarbeiten und erlebt seit Guttenberg einen Aufschwung seines Unternehmens: „Eine fremde Arbeit auf Plagiate überprüfen zu lassen, ist erst seit Guttenberg ins Gespräch gekommen. Drei Wochen nach Bekanntwerden des Falles war das erste Anwaltsschreiben da, dass ich eine Arbeit überprüfen soll.“ Heute ist er das ganze Jahr über mit der Prüfung von wissenschaftlichen Arbeiten, meist Doktorarbeiten, beschäftigt. Seine Auftraggeber bleiben häufig anonym. Oft handelt es sich jedoch um Konkurrenten oder darum, Plagiate als Beweise in einem Gerichtsprozess anführen zu können. In 20 bis 30 Fällen pro Jahr führt er bei Verdacht Detailprüfungen durch. Davon wiederum enthalten jedoch nur etwa drei bis vier Arbeiten Extrembeispiele an Fehlern, die dazu führen, dass er die Aberkennung des Titels empfiehlt.
Wirft man einen Blick in die Statistik der Universität Wien, wird klar: Nur selten kommt es tatsächlich zu einer Aberkennung eines akademischen Grades. In den letzten zehn Jahren wurden an der größten Universität Österreichs insgesamt 25 Titel aberkannt.
Bei Plagiatsanzeigen wird dort Peter Lieberzeit tätig, er kümmert sich als Studienpräses um die studienrechtliche Betreuung der Studierenden. „Wenn wir einen Plagiatsverdacht gemeldet bekommen, nachdem die Arbeit schon bewertet wurde, dann werfen wir zuerst einen ersten Blick darauf. Wenn wir dann den Eindruck haben, an dem Vorwurf könnte etwas dran sein, leiten wir ein Verfahren ein“, erzählt er aus der Praxis. „Sollte das Verfahrensergebnis positiv sein, bleibt letztlich nur die Aberkennung des akademischen Grades. Wenn systematisch plagiiert wurde, sind wir da natürlich streng.“
Seit 2008 werden an der Universität Wien alle Abschlussarbeiten routinemäßig über ein elektronisches Datensystem eingereicht, rund 6000 Arbeiten sind das pro Jahr. Zu den Abschlussarbeiten zählen alle Master- und Dissertationsarbeiten, Bachelorarbeiten werden formal nicht dazugezählt. Von dem Datensystem aus erfolgt die gesamte Weiterverarbeitung, unter anderem eine Prüfung auf Textgleichheiten. Man verlässt sich jedoch nicht nur auf die Software: „Es ist nie eine Maschine, die entscheidet, ob eine Arbeit in Ordnung ist. Jeder Report wird von einem Menschen freigegeben“, sagt Lieberzeit.
Programme, die zur Plagiats-überprüfung angewendet werden, stützen sich auf das Vergleichen von Textpassagen. Sie arbeiten mit öffentlich verfügbaren oder wissenschaftlichen Quellen, die über Universitätsdatenbanken abgerufen werden. Der Bericht, der von der Software erstellt wird, enthält schließlich eine Prozentzahl der plagiatsrelevanten Textstellen. Ob diese tatsächlich ab*geschrieben oder doch rechtmäßig zitiert wurden, lässt sich nur durch menschliche Kontrolle feststellen.

Grenzen der Software

Ein größeres Problem sieht der Studienpräses dort, wo die Grenzen der Software erreicht sind. Konkret geht es dabei um Übersetzungsplagiate, die wortwörtlich aus einer fremdsprachigen Arbeit übernommen und nicht ausgewiesen werden. Einige Programme versuchen daher, bei dem Vergleichen der Texte die Arbeit auch zu übersetzen und so Kontrollen durchzuführen. „In 20 bis 30 Jahren könnte es möglich sein, dass die Software uns anzeigt, dass eine französische Arbeit drei Jahre später auf Griechisch eingereicht wurde,“ so Plagiatsjäger Weber.
Aber auch mit dem Thema „Ghostwriting“, wenn also eine andere Person das Schreiben der Arbeit für den Autor übernommen hat, müssen sich die Universitäten auseinandersetzen. „‚Ghostwriting‘ ist bei uns auf dem Radar und wir machen uns darüber Gedanken. Wenn es da einen millionenschweren Markt pro Jahr gibt, wäre es naiv zu sagen, nicht davon betroffen zu sein“, sagt Lieberzeit.
„Ghostwriting“ sei sehr schwer nachzuweisen, erzählt Plagiatsjäger Stefan Weber: „Die einzige Möglichkeit ist ein stilometrisches Gutachten. Dabei werden verschiedene Texte des Autors miteinander verglichen. Das Hauproblem ist, dass sich die Stilometrie eines Menschen im Laufe seines Lebens verändert. Für den Nachweis müssen mehrere Bedingungen erfüllt sein: Die Texte müssen stilistisch eindeutig einer anderen Person als Autor zuordenbar sein, die vergleichbaren Texte müssen ungefähr aus derselben Zeit stammen und vor allem darf der Autor im Vorwort nicht schreiben, dass er professionelle Hilfe beim Verfassen in Anspruch genommen hat, so dass sich die Unterschiede im Ausdruck durch das Korrekturlesen ergeben haben.“
Die Software wird intelligenter – die Furcht bei den Studierenden, unbeabsichtigt Fehler in ihre Arbeit einzubauen, scheinbar größer. Natascha Miljkovic ist Wissenschaftsberaterin für Hochschulen in Österreich. Sie hält regelmäßig Seminare für Studierende und Lehrende zum Thema Plagiatsprävention. Seit Bekanntwerden der Guttenberg-Affäre bemerkt sie ein steigendes Interesse an Plagiatsprüfungen vor Abgabe von Abschlussarbeiten. Sie wünscht sich von den Universitäten, dass mehr Ressourcen in die Prävention und Aufklärung der Studierenden fließen, statt in neue Software.

Abgestufte Strafen?

„Das größte Problem liegt darin, dass Studierende zu spät mit ihren Arbeiten beginnen und dann kaum Zeit finden, Hintergrundliteratur zu lesen. Viele sind verunsichert, wie sie schreiben sollen, wie Paraphrasieren funktioniert und wie sie wissenschaftlich argumentieren können“, so Miljkovic. Sie findet, Wissenschaftsethik sollte wieder einen höheren Stellenwert an den Universitäten bekommen, um den Studierenden die Grenzen des guten wissenschaftlichen Arbeitens näherzubringen.
Von universitärer Seite wünscht man sich zudem mehr Handlungsspielraum beim Ahnden von Fehlverhalten bei Plagiaten vor Abgabe der Arbeit. Im österreichischen Universitätsrecht gibt es kein Disziplinarrecht, auch nicht bei strafrechtlich relevanten Vorfällen. „Ich denke da nicht daran, dass wir die Person sofort ausschließen, aber dass man zumindest eine abgestufte Möglichkeit hat. Das kann sein, mal ein Semester pausieren zu müssen bis hin dazu, dass man das Studium nicht an der Universität Wien abschließen darf. Aber das sind Möglichkeiten, die von der Politik geschaffen werden müssen“, so Studienpräses Lieberzeit.
Doch selbst wenn es nach heutigen Standards noch möglich wäre, ein Plagiat in die eigene Arbeit einzubauen, ohne dass es sofort gefunden wird – mit der Sorge, womöglich irgendwann Schlagzeilen à la Guttenberg zu machen, will man wohl trotzdem nicht leben.

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