ro ro

Themen-Optionen Ansicht

03/2017 - Reden wir über Unwörter
  #1  
Ungelesen 18.01.2017, 08:04
Reden wir über Unwörter

Der deutsche Sprachwissenschaftler Martin Wengeler über „Volksverräter“, „Nafris“ und den Unterschied zwischen Sensibilisierung und Zensur.


| Das Gespräch führte Doris Helmberger


Das hiesige „Unwort des Jahres“ 2016 war „Öxit“, jenes in Deutschland wurde erst letzte Woche gekürt: „Volksverräter“. Doch was sind Unwörter überhaupt? Und geht die „Political Correctness“ mittlerweile zu weit? Ein Gespräch mit Martin Wengeler, Jury-Mitglied der sprachkritischen Aktion „Unwort des Jahres“ und Sprachwissenschaftler an der Universität Trier.

DIE FURCHE: Was ist eigentlich ein Unwort?
Martin Wengeler: Unwörter sind für uns Wörter, die entweder gegen Prinzipien der Demokratie verstoßen, irreführend und verschleiernd, diffamierend und diskriminierend oder menschenunwürdig sind. Wir küren also ein Wort, das in besonderer Weise einem dieser Kriterien entspricht.
DIE FURCHE: Sie haben sich heuer aus 700 Vorschlägen für „Volksverräter“ entschieden, ein Wort, das Angela Merkel und Joachim Gauck bei der Wiedervereinigungsfeier am 3. Oktober in Dresden entgegengebrüllt wurde. Warum diese Wahl?
Wengeler: Weil das Wort ganz offensichtlich diffamierend ist und nicht zum Gespräch anregt, sondern nur polemisiert; und weil es einen ethnischen Volksbegriff unterstellt, der große Teile der Bevölkerung, etwa jene ohne deutschen Pass, ausschließt. Außerdem hat es eine Vergangenheit: Während der NS-Zeit sind Leute mit dem Schild „Volksverräter“ öffentlich aufgehängt worden. Gegen die Normalisierung eines solchen Diskurses, der am Nationalsozialismus andockt, wollten wir Stellung beziehen.
DIE FURCHE: Zuletzt gab es große Aufregung über den Begriff „Nafri“, mit dem die Kölner Polizei in der Silvesternacht in einem öffentlichen Tweet Männer aus Nordafrika bezeichnet hatte. Manche orteten Rassismus – was wiederum viele aufgeregt hat…
Wengeler: Also ich finde diesen Begriff harmlos. Zum einen kann ich nicht nachvollziehen, dass er abwertend klingen soll. Natürlich gibt es Wörter mit dem Suffix „i“, die negativ klingen, etwa „Chauvi“, aber genauso gibt es auch viele neutrale oder verniedlichende Wörter. Außerdem hat die Polizei gesagt, dass diese Abkürzung nur für den internen Gebrauch vorgesehen war – und der Polizeisprecher hat sich für den öffentlichen Gebrauch des Wortes entschuldigt. Nun kann man sagen, dass durch diesen kategorisierenden Begriff auch Menschen stigmatisiert werden können, die mit vergangenen oder befürchteten Straftaten nichts zu tun hatten. Aber wir kommen ohne Kategorien in der Sprache nicht aus.
DIE FURCHE: Sie wollen zu einem sensibleren Umgang mit Sprache und öffentlicher Kommunikation anregen. Was antworten Sie jenen, die darüber klagen, dass das öffentliche Sprechen längst hypersensibel sei?
Wengeler: Diese Meinung gab es schon vor 25 Jahren, als die Diskussion über „Political Correctness“ nach Deutschland gekommen ist. Schon damals hat es geheißen: Das ist alles übertrieben und lächerlich. Und heute wird gesagt, dass es Denkverbote und Sprechtabus gäbe. Aber es geht nicht um Verbote, auch nicht bei unserer Unwort-Aktion, sondern wir wollen darauf aufmerksam machen, dass Worte Menschen diskriminieren können und man sie deshalb abwägen sollte. Natürlich ist uns bewusst, dass „Political Correctness“ von rechter Seite instrumentalisiert wird und längst ein Kampfwort geworden ist. Aber soll man deshalb aufhören, darauf hinzuweisen, dass bestimmte Worte eine NS-Vergangenheit haben oder dass Gruppen von Menschen, die man früher „Zigeuner“ oder „Neger“ genannt hat, ein Recht darauf haben, selbst zu bestimmen, wie sie genannt werden wollen?
DIE FURCHE: Sie haben die Sprachgeschichte der Bundesrepublik seit dem Jahr 1945 untersucht. Waren es immer die Linken, die Sprachpolitik betrieben haben?
Wengeler: Nein. In den 1950er-Jahren ist die Thematisierung von Sprache vielfach von konservativer Seite gekommen. Mit der Kulturrevolte der 1968er-Zeit hat sich dann die öffentliche Sprachthematisierung verstärkt und ist von Gruppen gekommen, die bis dahin keine öffentliche Stimme hatten: von Frauen, der Umwelt- und Friedensbewegung. Herbert Marcuse hat damals gesagt: Politische Linguistik sei eine der „wirksamsten Geheimwaffen“ der Herrschenden, deshalb müsse man darauf achten, wen man wie benennt. Das ist von der CDU in der „Semantikoffensive“ in den 1970er-
Jahren gekontert worden, indem man etwa den „Freiheits“-Begriff rückerobern wollte oder auf „Chancengerechtigkeit“ statt „Chancengleichheit“ insistierte. Die radikaleren Forderungen der so genannten „Political Correctness“ waren eine Folge dieser erhöhten Sprachaufmerksamkeit.
DIE FURCHE: Hat es seitdem eine Verschiebung bei „Unwörtern“ gegeben?
Wengeler: Ja, zum Teil. Ein Beispiel ist das Wort „Armutsflüchtling“, das vor zwei Jahren ein Anwärter für das Unwort des Jahres war, weil damit abwertend ausgesagt wird, dass jemand nicht wegen Verfolgung flieht, was man für legitim halten würde, sondern aus Armut. In den frühen 1980er-Jahren hingegen, als das Wort „Asylant“ zunehmend negativ besetzt und von „Wirtschaftsflüchtlingen“ die Rede war, hat u.a. die katholische Bischofskonferenz noch vorgeschlagen, man solle besser von „Armutsflüchtlingen“ sprechen, um deutlich zu machen, dass sie wirklich einen Grund gehabt hätten zu fliehen. Solche Verschiebungen passieren häufiger. Ich würde das insgesamt positiv beurteilen, weil ich hier in Deutschland auch keine Sprechverbote sehe. Es geht darum, nachzudenken – nicht zu verbieten.
DIE FURCHE: In den USA gibt es aber Quasi-Verbote – etwa an den Universitäten, wo literarische Klassiker mit Rassismus-Warnungen versehen werden (s. Seite 4) …
Wengeler: Ich halte das für übertrieben, weil es nicht darum gehen kann, jemanden zu bevormunden. Andererseits möchte ich aber auch nicht Rassisten unterstützen, die sich darüber aufregen, dass man nicht mehr „Neger“ sagen darf.
DIE FURCHE: Dieses Problem haben viele…
Wengeler: Ja. Wobei oft der falsche Eindruck erweckt wird, dass jene, denen „Political Correctness“ zugeschrieben wird, die diskursive Hegemonie besitzen würden. Doch es sind meist noch immer marginalisierte, nicht so machtvolle Gruppen, die auf ihr Recht auf Selbstbenennung bestehen. Außerdem muss man sich auch immer fragen: Was hat bezüglich „Political Correctness“ tatsächlich stattgefunden – und was war Satire? Oft wird etwas als Auswuchs politischer Korrektheit verkauft, um Stimmen, die sich gegen Rassismus in der Sprache gewendet haben, lächerlich zu machen.
DIE FURCHE: Ein Phänomen, das sprachliche Sensibilität so schwierig macht, ist die „Euphemismus-Tretmühle“, wie sie der Linguist Steven Pinker beschrieben hat: Auch wenn man immer neue „saubere“ Vokabeln als Ersatz für belastete sucht, am Ende werden sie wieder durch Vorurteile „angepatzt“ und werden ersetzt. Ein Beispiel ist die Entwicklung von „Krüppel“ über „Behinderter“ bis zu „körperlich herausgefordert“…
Wengeler: An Pinkers Grundgedanken ist schon etwas dran. Aber dass das Denken unabhängig von Sprache sei, stimmt nun einmal nicht: Auf Wilhelm von Humboldt geht die Idee von der „realitätskonstitutiven Kraft der Sprache“ zurück. Dieser Überzeugung hänge auch ich an. Bis vor 15 Jahren hat es etwa die „Aktion Sorgenkind“ gegeben, nun nennt man sich „Aktion Mensch“. Das macht einen Unterschied im Kopf. Insofern ist es trotz dieser Gefahr der Euphemismus-Tretmühle berechtigt, darauf hinzuweisen, dass bestimmte Wörter bestimmte Denkweisen vermitteln können – und dass es sich vielleicht doch lohnt, daran etwas zu ändern.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro