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03/2017 - Über Frauen sprechen
  #1  
Ungelesen , 09:16
Über Frauen sprechen

Die Gretchenfrage der letzten 20 Jahre lautet: Wie redest du über Gretchen?
Gedanken zu einer Rhetorik zwischen Glaubensbekenntnis und tiefster Verachtung.


| Von Theresia Heimerl


In vielen Volkssagen des Alpenraumes schleicht sich in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig der Bauer in den Stall, um die Tiere zu belauschen, die dann sprechen können, und erfährt dabei, dass seine Stall-insassen nicht unbedingt Nettigkeiten über ihn zu sagen haben, wenn sie unter sich sind.
Das postmoderne Äquivalent kennen wir seit Herbst 2016 alle: Wenn Männer vermeintlich unter sich sind und „Umkleidekabinengespräche“ führen, haben sie über Frauen, die sich mittels Medientechnik in ihren „Stall“ einschleichen, wenig Nettes zu sagen.
Was die alpenländischen Sagen uns schuldig bleiben, ist die Frage, ob es den Stalltieren peinlich ist, belauscht zu werden und ob sie, mit Blick auf das gute Einvernehmen mit ihrem Futterbringer, ganz anders über ihn gesprochen hätten, wissend, dass er zuhört. Männern hingegen, so viel wissen wir jetzt auch, sind ihre Umkleidekabinengespräche und die darin zum Ausdruck gebrachte, von südlich des Gürtels gesteuerte Meinung über Frauen peinlich, wenn sie einem Millionenpublikum potentieller Wählerinnen und Wähler bekannt werden. Aber so peinlich auch wieder nicht. Nicht mehr.

Schönes Fräulein, darf ich wagen?

Die Gretchenfrage der letzten 20 Jahre lautete in der westlichen Welt nämlich: Wie redest du über Gretchen? So wie weiland Faust und Mephisto, die doch, wenn auch im Versmaß, ziemlich umkleidekabinenmäßig über die junge Frau parlierten, sicher nicht. Erstens spricht ein Professor eine junge Frau nicht mit „schönes Fräulein“ an, da dies unzulässige Aussagen über ihr Aussehen und ihren Beziehungsstatus sind. Zweitens nutzt er den Alters- und Standesunterschied nicht aus, um sein erotisches Interesse, das ein Mann aus den soeben angeführten Gründen gegenüber einer solchen Frau ohnehin nicht zu haben hat, durchzusetzen. Und drittens fordert er seinen Assistenten unter gar keinen Umständen dazu auf, ihm doch die junge Dame ins Bett zu liefern – als korrekter Professor einer öffentlichen Uni hat er ohnehin eine Assistentin, um die Frauenquote zu heben.
Die Möglichkeiten zum Umkleidekabinengespräch haben sich in diesen letzten 20 Jahren dramatisch verringert: Über Frauen sprechen – das war früher in vielen Lehrveranstaltungen, politischen Gremien, Aufsichtsräten, Vorständen Alltag, weil es dort keine Frauen gab. Inzwischen lautet die Devise: mit Frauen sprechen. Allein das war für viele Männer gewöhnungsbedürftig: Frauen als Gegenüber in fast allen Situationen des beruflichen Alltags, der Politik, der Medien. Und mehr noch: Frauen als Vorgesetzte. Der Herrschaftsdiskurs ist in jeder Hinsicht komplexer geworden. Es sind nicht mehr zwangsläufig Herren, die über Frauen als hierarchisch Unterlegene sprechen. Und die Sprachherrschaft konstituiert sich paradoxerweise gerade dadurch, dass jede Konnotation von Herrschaft sanktioniert wird.
Wer über wen was sagen darf, war und ist ein Markstein für gesellschaftliche Macht. Und diese Macht haben sich Frauen sukzessive angeeignet: durch das bloße Faktum ihrer Anwesenheit in ausreichender Zahl in entsprechenden Gremien, aber mehr noch durch gleiche Qualifikationen (nix mehr Gretchen, sondern Frau Dr. Margarete XY) – und durch den Anspruch auf eine Neuausrichtung der Sprache. Jede (potenzielle) Ungleichbehandlung, jede Hierarchie, so der hehre Anspruch des Feminismus, soll bereits in der Sprache vermieden werden, damit sie gar nicht erst Wirklichkeit werden kann: Wenn der Professor nicht mehr „schönes Fräulein“ sagt, wird er sie demnach irgendwann nicht mehr als bloßes Lustobjekt sehen. Und bis es so weit ist, wird jeder Professor, der es doch wagt, vor den Gleichbehandlungsausschuss zitiert.

Sprechakt als Glaubensbekenntnis

Sprache ist eben Macht, und Macht trägt die Gefahr des Machtmissbrauchs in sich: Mitunter geschieht dies reichlich profan zur Durchsetzung von Partikularinteressen (Prof. X wollen wir nicht, das Begründen wir mit seinem sexistischen Ausspruch gegenüber Studentin Margarete); viel schlimmer aber manifestiert sich dieser Missbrauch in einem beinahe religiösen Eifer, der aus jedem Sprachakt mit Frauen ein Glaubensbekenntnis der rechten Lehre macht: Kein Binnen-I darf zu wenig, keine maskuline Form zu viel sein, männliches Sprechen und Schreiben über Frauen steht a priori unter Sexismusverdacht, selbst wenn der Sprecher oder Schreiber schon 2000 Jahre tot ist.
Die Reaktion war eigentlich vorhersehbar. Oder, aus dem reichen katholischen Erfahrungsschatz von 2000 Jahren formuliert: Was man allzu rigide verbietet, entfaltet seine bösen Blumen im Verborgenen. Und dort blüht die böse Rede, die herabwürdigende Rede, die Hassrede über Frauen in erschreckendem Ausmaß. Das Internet ist schon seit geraumer Zeit ein einziger Growshop der verbotenen Pflanze „Frauenfeindlichkeit“. Hier geht es längst nicht mehr um anzügliche oder schlicht dumme Witze über Frauen. Auch nicht um die fast unschuldig direkten Schmierereien auf öffentlichen Toiletten, versehen mit mehr oder weniger gelungenen Illustrationen primärer Geschlechtsmerkmale. Was da im Verborgenen gedeiht, sind deformierte Früchte des Zorns, Auswüchse männlicher Wut auf alles, was vielleicht mit „Frau“ zu tun haben könnte.
Wer dieses giftige Gewächshaus betritt und es schafft, sich mit halbwegs kühlem Kopf umzusehen, findet nicht etwa einfach die ins illegale abgedrängten Pflänzchen des traditionellen Sexismus, wie ihn Dr. Faust, James Bond und der Dorfpfarrer bis in die 1980er-Jahre hinein pflegten. Hier wird nicht über Busen, Beine und die mangelnde Rationalität weiblicher Wesen gewitzelt. Hier werden Frauen wie im Horrorfilm Hostel mit der Kettensäge tranchiert, zu Tode gef…. und öffentlich hingerichtet in einer Art und Weise, dass sogar die IS-Schergen noch etwas lernen könnten. Männer sind Schweine, wie wir seit dem gleichnamigen Song der Ärzte wissen, aber seit wann sie sind Serienmörder und -vergewaltiger? Die Gärtner dieser Blumen des Bösen wohnen nebenan, sitzen brav im Hörsaal oder Büro, sie haben einen blütenweißen Strafregisterauszug und einen Labradormischling. Über Frauen, egal ob Politikerinnen oder die Schalterbeamtin in der Krankenkasse, zu sprechen, als wären sie Wegwerfpuppen aus Fleischabfall scheint ihre einzige Möglichkeit zu sein, mit der komplexen Welt voll mit Regeln, die sie nicht verstehen, fertig zu werden.

Wegwerfpuppen aus Fleischabfall

Worüber man nicht sprechen darf, darüber schweigt man(n) nicht, sondern sucht sich andere Sprachorte. Vielleicht war die Veröffentlichung des Mitschnitts aus dem Stall des US-amerikanischen Rindviehs gar nicht so schlecht. Sich der Illusion hinzugeben, sexistische Sprache über Frauen zu verbieten, würde den Sexismus im Kopf beseitigen, war gefährlich. Gefährlich, weil Verbote zur Übertretung reizen und der Grad zwischen peinlich und cool ein sehr schmaler sein kann und stark der Eigenwahrnehmung unterworfen ist. Noch gefährlicher aber, da jede Utopie, die den Menschen (und Männer sind auch Menschen) in seiner Schwäche und Anfälligkeit für den Egoismus, die Machtgier, die niederen Triebe, kurz und theologisch gesprochen das Böse nicht ernst nimmt, in die menschenverachtende Dystopie kippen muss.
Wie also über Männer sprechen, die über Frauen sprechen? Mit einer klaren Grenzziehung: Wo verhetzt und bedroht wird, geht es nicht um Sexismus, sondern um Strafrecht. Mit Wachsamkeit: Wo durch Sprache Machtansprüche konstituiert werden sollen, gilt es, diese zu hinterfragen. Mit einer gewissen Gelassenheit: Manches kommentiert sich von selbst. Mit Humor: Lächerlichkeit unterminiert jedes Imponiergehabe, im Stall, in der Umkleidekabine und auch sonst überall.
Und ansonsten: Mit Männern sprechen, damit sie nicht über uns sprechen. Im Unterschied zu den Stalltieren beherrschen sie auch außerhalb der Rauhnächte die menschliche Sprache.


| Die Autorin ist Professorin am Institut für Religionswissenschaft der Universität Graz
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