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04/2017 - Die neu gedachte Arbeit
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Ungelesen , 07:08
Die neu gedachte Arbeit

Die Jobwelt ist massiv im Umbruch und wird die Gesellschaft noch stärker in Arbeitende und Arbeitslose spalten. Der Ausweg liegt in einem erweiterten Arbeitsbegriff.


| Von Hans Holzinger

Seit seinem Eintritt in die Evolutionsgeschichte eignet sich der Mensch durch Arbeit die Welt an – und sichert seinen Lebensunterhalt ab. Arbeit veränderte mit den sich ändernden Produktionsbedingungen immer wieder ihren Charakter und war beileibe nicht immer hoch angesehen. Im Maschinenzeitalter hat die Massenproduktion erst den Massenkonsum mit seinem enormen Ressourcenverbrauch und der Wegwerfmentalität ermöglicht. Dinge werden weggeworfen, ehe wir uns mit ihnen befreunden konnten, wie der Soziologe Hartmut Rosa meint. Der Prozess der ungebremsten „Kolonialisierung der Natur“ (Marina Fischer-Kowalski) durch Massenproduktion und Massenkonsum ist nicht zu Ende, auch wenn mit dem Auftauchen der „Grenzen des Wachstums“ sowie des Leitbildes der „Nachhaltigkeit“ zumindest mental ein Paradigmenwechsel begonnen hat.
Die weitere Automatisierung durch Roboter und Mikroelektronik führt zu menschenleeren Fabrikhallen. Dabei erfasst die gegenwärtige Rationalisierungswelle auch viele Branchen des tertiären Sektors und das Rationalisierungspotenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Vollbeschäftigung im alten Gewand der 40-Stunden-Vollzeitbeschäftigung wird es mit Sicherheit in Zukunft nicht mehr geben. Die Spaltung der Gesellschaft in jene Hochqualifizierten, die vom Arbeitsmarkt nachgefragt werden, und jene, die nicht mehr gebraucht werden, ist vorprogrammiert.

Veränderter Charakter von Arbeit

Wo könnten Auswege liegen? Der Ansatz liegt meines Erachtens in einem erweiterten Arbeitsbegriff, der alle menschlichen Tätigkeiten umfasst, sowie in einer neuen Arbeitszeitpolitik, die gewährleistet, dass die verbleibende Erwerbsarbeit auf alle Erwerbsfähigen aufgeteilt wird. Dies erfordert zum einen Arbeitszeitverkürzungen, zum anderen nicht nur den neuen Erfordernissen angepasste, sondern auch breiter gestreute Qualifikationen, um die Arbeit auf mehr Schultern verteilen zu können.
Die Chancen auf diese Transformation stehen so schlecht nicht. Es mehren sich die Studien und die kritischen Stimmen, die der gegenwärtigen Arbeitsgesellschaft ein schlechtes Zeugnis ausstellen. Krankenstände aufgrund psychischer Probleme haben mittlerweile jenen aufgrund körperlicher Beschwerden den Rang abgelaufen. Zudem wird für immer mehr Menschen Zeit zum eigentlichen knappen Gut. Dies gilt insbesondere für die sogenannte „rush hour“ des Lebens, also jener Phase, in der die Berufstätigkeit (nun) beider Elternteile mit der Familiengründung zusammenfällt. Abhilfe schaffen können nur großzügigere Karenzmodelle, die Beruf und Familie gut vereinen lassen: Etwa durch ein Splitting von Elternzeit und Berufstätigkeit – im Sinne von Teil(zeit)-Karenz, was etwa in Deutschland bereits möglich ist, sowie durch eine generelle Entzerrung der Arbeitszeiten – Voll-Arbeiten in der Phase vor der Familiengründung, Kürzer-Arbeiten während der Familienphase, bis die Kinder erwachsen sind, und dann durchaus Länger-Arbeiten in der Spätphase des Lebens. Ein höheres Pensionsantrittsalter sollte bei entsprechenden Rahmenbedingungen kein Tabu sein.

Nicht alle Tätigkeiten monetarisieren

Was spricht noch für eine neue Sicht auf Arbeit? Neben den Sorgetätigkeiten kommt bei der alleinigen Fokussierung des Lebens auf die Erwerbsarbeit auch das ehrenamtliche und zivilgesellschaftliche Engagement unter die Räder – eben weil niemand mehr Zeit dafür hat. Das wird volkswirtschaftlich teuer und es verarmen die Gesellschaften sozial, wenn alle Tätigkeiten monetarisiert werden müssen.
Erwerbsarbeit bleibt in einer arbeitsteiligen Gesellschaft freilich die Eintrittskarte in die Gesellschaft. Dass alle Bürger und Bürgerinnen für sich und ihre Familien selber sorgen können und – durch Steuern – zum Gemeinwohl beitragen, macht durchaus Sinn und gehört zur Würde des Menschen. In einer Gesellschaft, in der vornehmlich Erwerbsarbeit die materielle Absicherung garantiert und auch die zentrale identitätsstiftende Institution darstellt, ist Arbeitslosigkeit daher nicht nur ein finanzielles Problem (verringertes Einkommen), sondern auch ein soziales (verringerte Anerkennung). Vollbeschäftigung soll demnach auch aus sozialhygienischen Gründen weiterhin als erstrebenswertes Ziel gelten, auch wenn die Vollbeschäftigung der Zukunft durchaus mit weniger Erwerbsarbeit zusammengehen wird müssen. Entscheidend ist die Qualität der Arbeit.
Als „Gute Arbeit“ wird jene Arbeit bezeichnet, von deren Einkommen man gut leben kann und deren Entlohnung als gerecht empfunden wird. Zu ›Guter Arbeit‹ gehört aber auch, dass diese abwechslungsreiche Tätigkeiten bietet, die weder unter- noch überfordern und deren Inhalte und Ergebnisse als sinnvoll erfahren werden. Es geht also zunächst um eine faire Einkommensverteilung. Wenn Spitzenmanager (einige davon werden auch Frauen sein) das drei- bis 500-fache eines normalen Angestellten verdienen, dann kann dies weder leistungsgerecht noch fair sein. Laut Berechnungen müsste etwa eine Krankenschwester über 400 Jahre arbeiten, um das Jahressalär eines Vorstands der Deutschen Bank zu verdienen. Das wirkt in der Tat demotivierend – für die Krankenschwester. Zudem muss Arbeit so ausgerichtet sein, dass jeder Mensch darin Sinn findet. Arbeit, die krank macht, sollen und können wir uns nicht leisten.
Die heutige Vergötzung der Arbeit ist zu hinterfragen. Laut Studien zur „Stone Age-Economy“ verbrachten Menschen in der Steinzeit täglich etwa nur zwei Stunden mit Arbeit. Rechnet man Erwerbs- und Sorgearbeit zusammen, kommen wir heute wohl gut auf einen Zehn- bis Zwölfstunden-Tag.
Um nicht missverstanden zu werden: Erwerbsarbeit ist ein wichtiger Teil unseres Lebens, trägt zur Sinnfindung und zur sozialen Integration dabei. Der Begriff „Work-Life-Balance“ ist daher irreführend. Es geht nicht um Arbeit hier und Leben dort. Arbeit ist ein Wesensbestandteil des Lebens. Wenn schon, dann müssten wir mit dem österreichischen Kabarettisten Bernhard Ludwig von „Work-Love-Balance“ sprechen, also einer Balance zwischen Tätig-Sein und Zeit für Liebe, für Beziehungen. Denn Tätigkeitswohlstand bedeutet nicht nur eine ansprechende und gut zu bewältigende Erwerbsarbeit, sondern auch Zeit zu haben für die vielen weiteren, notwendigen und erfüllenden Tätigkeiten: Sorge um Kinder oder ältere Menschen, Hausarbeit, Nachbarschaftshilfe, Engagement in einer sozialen oder politischen Initiative.
Dabei sind solche ehrenamtlichen Tätigkeiten ja nicht neu; sie werden in der herrschenden Ökonomie nur nicht wahrgenommen. Diese erfasst nur, was gegen Geld geleistet wird. Ein alternatives, von der österreichischen Ökonomin Luise Gubitzer entwickeltes Sektorenmodell unterscheidet hingegen fünf Wirtschaftsbereiche: den Marktsektor, den Gemeinwohlsektor, den staatlichen Sektor sowie den Eigenwirtschaftssektor und – nicht zuletzt – den illegalen Wirtschaftssektor. Während der illegale Wirtschaftssektor zurückzudrängen sei, müsse der Eigenwirtschaftssektors in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen einbezogen werden, fordert Gubitzer.

Die neue „Tätigkeitsgesellschaft“

Ein ganzheitliches Verständnis von Arbeit sowie eine Neuverteilung der Erwerbsarbeit würden dem Argument für Wirtschaftswachstum, nämlich permanent Jobs schaffen zu müssen, den Wind aus den Segeln nehmen. Die Arbeitszeitmodelle der Zukunft reichen von der 30-Stunden--
Woche als neue Durchschnittsnorm über eine „Dreizeit-Gesellschaft“, die in bewusster Absetzung von der Freizeitgesellschaft aus je einem Drittel Erwerbsarbeit, Eigenarbeit und Muße besteht, bis hin zu einer „Halbtagsgesellschaft“, in der Erwerbsarbeit auf die Hälfte reduziert würde, dafür andere Tätigkeiten an Gewicht gewinnen – ein Modell, das von deutschen Statistikern um Carsten Stahmer durchgerechnet wurde. Die Sozialwissenschaftlerin Frigga Haug spricht von der „Vier-in-einem-Perspektive“. Sie schlägt als Ziel für Männer und Frauen je ein Viertel Erwerbsarbeit, Eigen- bzw. Reproduktionsarbeit, Zeit für kulturelle Entwicklung (Bildung, Reisen) sowie politisches Engagement vor.
Der deutsche Postwachstumsökonom Niko Paech plädiert für ein 20:20-Zukunftsmodell: Zwanzig Wochenstunden Erwerbsarbeit würden ergänzt durch zwanzig Wochenstunden Eigenarbeit wie etwa Nachbarschaftshilfe, Reparieren, Arbeit in Tauschkreisen, etc. Ökologische Erfordernisse würden sich mit neuen kulturellen Chancen treffen – der Verlust manueller
Tätigkeiten in der Erwerbsarbeitswelt könnte dadurch kompensiert werden. Der Freizeit-Trend zum „Selbermachen“ verweist auf die Sehnsucht nach haptischer
Tätigkeit.
Vielleicht denken Sie, dass solche Modelle einer „Tätigkeitsgesellschaft“ zwar schön klingen, in der Realität aber schwer umsetzbar sind. Doch ohne Zukunftsbilder, ohne Visionen fehlt uns die Kraft, an der anderen Zukunft zu bauen. In den Worten von Frigga Haug: „Ohne Vorstellung, wie eine andere Gesellschaft sein könnte, lässt sich schwer Politik machen.“

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